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Drei weitere Filmbesprechungen vom 21. goEast Online-Festival

Im Wettbewerb von goEast eine Doku über eine überlebende Ausschwitz-Zeitzeugin, die als Partisanin gegen die Nazis kämpfte.



Vorgestern schrieben wir, dass Geschichten über Partisanen und Partisaninnen im Mittelpunkt des in diesem Jahr nur digital stattfindenden Wiesbadener "goEast" Online-Filmfestivals stehen.

Dazu gehört die eindrucksvolle Dokumentation "Landschaft des Widerstands" über eine ehemalige Widerstandskämpferin, die von den Nazis nach Ausschwitz deportiert wurde. Sie ist eine von wenigen Zeitzeuginnen, welche die Gefangenschaft im Lager überlebt hatte und erst 2019, nach langen Dreharbeiten mit eindrucksvollen Schilderungen aus ihrem Leben, im hohen Alter friedlich in Berlin entschlief.

Der Film, der zuvor auf dem 50. Internationalen Festival von Rotterdam (IFFR) gezeigt wurde und nun im Wettbewerb vom 21. "goEast" - Festival des Mittel- und Osteuropäischen Films läuft, wird nachfolgend von unserer Kollegin Elisabeth Nagy rezensiert. Ebenso konnten zwei weitere Werke des Festivals - darunter eines aus ihrem Heimatland Ungarn - von ihr besprochen werden, die wir selbst noch nicht gesichtet haben, aber dies bald nachholen wollen.

Ein wenig neidisch blicken wir dabei nach Zürich, denn in der Schweiz sind die Inzidenzwerte der Pandemie wohl so stark gesunken, dass die Kinos ab sofort wieder öffnen dürfen, während bei uns dagegen, wieder ein totaler Lockdown mit Ausgangssperren erfolgt.

LANDSCHAFT DES WIDERSTANDS von der in Berlin lebenden serbischen Regisseurin Marta Popivoda. Mit der ehemaligen Partisanin Sonja Vujanović.

Hier der Trailer:



Elisabeth' Filmkritik:

Sonja Vujanović war eine der ersten weiblichen Partisanen im faschistischen Serbien. Partisanen sind Kämpfer gegen ein Unrechtsregime, gegen eine angreifende Macht, die dem Völkerrecht widerspricht. Partisane zu sein ist somit Pflicht. Eine Pflicht, die Sonja Vujanović annahm. Sogar sehr früh. Sie hatte einem Klassenkameraden ihre Schulbücher geliehen, der wiederum lieh ihr seine Bücher. Das erste Buch war eines von Maxim Gorki. In ihren Erzählungen stellt Vujanović fest, dass sie Kommunistin war, bevor sie zur Partisanin wurde. In ihrer Jugend war sie Mitglied eines Literaturkreises und war Teil eines kommunistischen Zirkels. Sie engagierte sich bereits hier gegen soziale Ungerechtigkeiten. Wegen diesem Engagement und ihrer Einstellung flog sie von der Schule. Sie traute sich nicht nach Hause. Statt dessen ging sie mit ihrem Freund, Sava Stanišić, nach Belgrad, wo sie heimlich heirateten. Hier und zu dem Punkt begann das Paar sich für Arbeiter- und Frauenrechte zu engagieren. Ein kleines Puzzlestück in einem Leben, dass Vujanović für ihren Widerstand gegen die deutsche Besatzung schließlich bis nach Auschwitz-Birkenau und nach Ravensbrück brachte.

"Landschaft des Widerstands" ist ein »Partisanenfilm«, so nennt ihn die Filmemacherin Marta Popivoda (Yugoslavia, how ideology moved our collective body, Berlinale 2013), Jahrgang 1982. Heute ist die Kamera die Waffe des Widerstands, heute ist sie das Mittel der Wahl, um an vergangenes Unrecht zu erinnern und die inzwischen faschistischen Entwicklungen in der Gesellschaft in Serbien und nicht nur dort anzuprangern. "Landschaft des Widerstands" ist Erinnerung und Aufruf und zugleich ein ruhiger Fluss an Impressionen, die der Erzählung aus dem Off zwar keine konkreten Zeugnisse, aber eine visuelle Entsprechung geben. Der Film sucht die Orte auf, an denen die Protagonistin als Partisanin wohl gewesen war.

Sonja Vujanović wurde 97 Jahre alt. Der Tod konnte ihr, die schon früh ihren Mitstreiter und Mann bei einem Einsatz verloren hatte, nichts mehr anhaben. Sie blieb aktiv im Widerstand und wurde schließlich gefangen genommen, gefoltert und als politische Gefangene von einem Gefängnis ins andere und schließlich ins Konzentrationslager verlegt. Wo sie sogleich den Widerstand mitorganisierte. Doch auch im hohen Alter hat Sonja Vujanović ihre Haltung gegen Unrecht nicht aufgegeben. Marta Popivoda zeichnete die Gespräche mit Sonja Vujanović zusammen mit ihrer Partnerin Ana Vujanović, die Enkelin von Sonja Vujanović, über einen Zeitraum von 14 Jahren auf. Sonja Vujanović erzählt aus ihrem Leben und vermittelt uns ihre Haltung. Es ist die Erzählung einer Frau und Kämpferin. Die Regisseurinnen geben ihrem Lebensbericht nicht nur eine Form, sie zeigen auch, wie sie das Gehörte verarbeiten, denn sie ziehen Parallelen zum Heute, überlagern die Bilder mit Gedanken aus Briefen und Aufzeichnungen und kommen zu dem Schluss, dass man auch heute Widerstand zum Beispiel gegen faschistische Tendenzen leisten muss.

Elisabeth Nagy


Dokumentarfilm: Serbien / Deutschland / Frankreich 2021
Regie: Marta Popivoda
Drehbuch: Marta Popivoda, Ana Vujanović
Bildgestaltung: Ivan Marković
Montage: Jelena Maksimovic
Ton: Jakov Munižaba

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BEBIA, À MON SEUL DÉSIR Drama von Juja Dobrachkous über eine junge Georgierin, die sich nach dem Tod ihrer Großmutter auf eine Reise zu den eigenen Wurzeln begibt. Mit Anastasia Davidson, Anushka Andronikashvili, Guliko Gurgenidze, Alexander Glurjidze, Ana Chiradze, Anastasia Chanturaia.

Hier der Trailer:



Elisabeth' Filmkritik:

"Bebia, à mon seul désir" ist eine Erinnerung an die Kraft des Kinos. Im Kinosaal. In schwarz-weißenen Bildern erzählt die georgische Regisseurin Juja Dobrachkous, die inzwischen in London lebt, eine Geschichte von einer Familie, der Loslösung und dem Loslassen. Die Dunkelheit herrscht vor. An Dobrachkous Seite ist die russische Kamerafrau Veronica Solovyeva ("In Deep Sleep", Berlinale 2020). Die dunklen Bilder, das wenige Licht, das wirkt am heimischen Monitor nicht. Diese Bilder brauchen den dunklen Raum, das Kino, wo das Licht- und Schattenspiel auf eine Leinwand und auf uns zurück fällt. Juja Dobrachkous knüpft zwischen ihrer Protagonistin und dem Publikum ein Band, das wenn man all den Alltag um einen herum hat, nicht anzieht. Das ist schade. Das schicke ich voran, weil es meinen Eindruck bestimmte. Ein Umstand, für den der Film nichts kann. Die Zeit der geschlossenen Kinos, Premiere feierte der Film dieses Jahr in Rotterdam, bestimmt somit die erste Rezeption des Filmes. Ein zweites Leben, in Kinosälen, wäre dem Film zu wünschen.

Ariadna, die Ältere spielt Anastasia Davidson, das Kind wiederum spielt Anushka Andronikashvili, lebt im Ausland. Sie ist 17 Jahre und modelt. Sie wird nach Hause gerufen, ihre Großmutter, Bebia, ist gestorben. Sie ist die Jüngste der Familie und an ihr ist es, ein Ritual zu erfüllen. Der Tradition zufolge muss jemand einen Faden zwischen den Ort des Todes und dem Ort der Beisetzung verbinden. Der Faden leitet die verwaiste Seele zum verstorbenen Körper. Dieses Ritual, einen außerhalb des eigenen Heimes verstorbenen Körper mit einem Faden zurück zu seinem Heim und seiner Seele zu führen, gibt es in einem ländlichen Teil von Georgien wirklich, auch wenn es kaum bekannt ist. Die Entfernung spiele dabei keine Rolle. Dobrachkous stieß darauf, als sie ihr Drehbuch entwickelte, und nahm die Idee mit auf. Ariadna macht sich also zu Fuß auf und wandert, an ihrer Seite ein Freund der Familie, über Stock und Stein. Eine Zeit der Besinnung und der Eindrücke, eine Suche nach dem, was man verloren hat und eine Suche nach dem eigenen Selbst. Dobrachkous bedient sich der griechischen Mythologie und es ist etwas schade, dass sie ihrer Erzählung nicht so weit vertraut, so dass sie die Hauptfigur Ariadna nennt, bzw. den anderen Figuren einen ähnlich der Mythenfiguren klingenden Namen gibt, auf dass man die Verweise sogleich einzuordnen vermag.

Aber auch die Dramaturgie folgt der Idee eines Labyrinths. Immer wieder verirrt sich Ariadna in Erinnerungen bzw. Rückblenden, die den Fluß der Erzählung ausbremsen und umleiten. Als Zuschauerin werde ich in eine Familiengeschichte geführt, die mal in die eine und mal in die andere Richtung wandert. Immer wieder zurück in die Kindheit und zu den Grausamkeiten, zu denen Familien untereinander fähig sind. Damit zieht die Regisseurin den Faden immer wieder an und führt ihr Publikum, dass sich nicht in der Schönheit der Landschaft verlieren kann, weil es da immer wieder den Sprung zurück in eine Erinnerung gibt. Dobrachkous schöpft aus ihrer eigenen Familiengeschichte, entlehnt die Figur der Großmutter ihrer eigenen Großmutter. Dabei verweist die Regisseurin auf die Gleichzeitigkeit mit der der Mensch der ist, der er war und der er ist. In ihrem Langspielfilmdebüt ist die Vergangenheit so lebendig wie die Gegenwart. Beide Zeitstränge stehen gleichwertig nebeneinander, ohne die eine der anderen vorzuziehen.

Elisabeth Nagy


Drama: Georgien / Großbritannien 2020
Regie: Juja Dobrachkous
Drehbuch: Juja Dobrachkous
Bildgestaltung: Veronica Solovyeva
Montage: Andrey Klychnikov
Kostüm: Ekaterine Kapanadze
Make-Up: Ekaterina Oertel
Ton: Oleksandr Sokur, Irakli Ivanishvili, Merab Rostomashvili
Casting: Sofio Gegeshidze, Leli Miminoshvili

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Vorbereitungen um für unbestimmte Zeit zusammen zu sein Drama von Lili Horvát über eine erfolgreiche Neurochirurgin, die vor rund 20 Jahren von Budapest in die USA emigriert ist, aber nun der Liebe wegen nach Ungarn zurückkehren will. Mit Natasa Stork, Viktor Bodó, Benett Vilmányi.

Hier der Trailer:



Elisabeth' Filmkritik:

Der Titel lautet: "Vorbereitungen um für unbestimmte Zeit zusammen zu sein". Ist es die deutsche Sprache, die hier so wenig prosaisch eine bestimmte Handlung beschreibt? Der internationale Titel dagegen ist: "Preparations to Be Together for an Unknown Period of Time". Eins - zwei - drei - vier - puh - neun - zehn - ein ganzer Satz. Und nun der Orignaltitel: "Felkészülés meghatározatlan ideig tartó együttlétre". Das sind nur fünf Wörter. Elegant rollt dieser Titel Erwartungen aus. Aber bleibt vor allem der Filmtitel bei diesem Psychogram einer "Amour Fou" hängen?

Die ungarische Regisseurin Lili Horvát ("The Wednesday Child") erzählt von einer Neurologin, die nach ungefähr 20 Jahren aus den USA nach Budapest zurückkehrt. Scheinbar aus einer Laune heraus. Sie hat auf einer Konferenz einen Arzt getroffen, der wie sie Ungar ist, und es hat, zumindest bei ihr Klick gemacht. Er ist der Mann, der sie interessiert, den sie zu lieben glaubt. Er und kein anderer. Aber in Budapest taucht er am verabredeten Ort zur verabredeten Zeit nicht auf. Da steht sie nun auf der Brücke zwischen Buda und Pest, und Brücken symbolisieren in der Regel Übergänge und Veränderungen, aber sie steht da und er nicht. Sie fliegt nun nicht einfach wieder zurück, fast trotzig bricht sie die Brücken in die USA ab, um sich in Budapest einzurichten, um diesen Mann, gespielt vom Schauspieler und Theaterregisseur Viktor Bodó, der sie scheinbar, als sie ihn aufsucht, nicht erkennt, für sich zu interessieren.

Ihr ehemaliger Professor stellt sie natürlich im städtischen Krankenhaus ein, aber er begreift ihre Entscheidung nicht. Wie dumm doch die Frauen sind, sogar die klugen, sagt er. Angesichts der Tatsache, dass man sich in ungarischen Krankenhäusern besser selbst mit Toilettenpapier von zu Hause wappnet, begreift man es vielleicht wirklich nicht. Horváth stellt einen Auszug aus Sylvia Plaths Gedicht "Mad Girl's Love Song" der Erzählung voran: "I think I made you up inside my head."

Eine verlässliche Erzählerin ist Márta Vizy, gespielt von Natasa Stork, wahrlich nicht. So sitzt sie, die Ärztin, bei einem Therapeuten und erzählt und vielleicht, diese Möglichkeit zieht auch der Therapeut in Betracht, möchte sie auch nur eine Erklärung dafür haben, was die Liebe mit ihr macht. Es wäre so viel einfacher, wenn für diese Wirrungen eine Erkrankung verantwortlich machen könnte.

Lili Horvát lässt es in der Schwebe, ob das alles real ist oder doch nur ein Wunschtraum einer Frau von 40 Jahren. Ihre Suche nach dem Mann grenzt an Stalking, aber sie ist gleichzeitig fest entschlossen herauszufinden, ob sie sich die Begegnung mit ihm nur eingebildet hat. Spannung wird hier durch die Bildsprache aufgebaut, die Kameraarbeit liegt bei Róbert Maly ("Sing", den Oscar prämierten Kurzfilm hatten wir 2017 besprochen) und weniger durch die Handlung der Figuren. Immer wieder bremst die Regisseurin die Entwicklung aus und dreht eine weitere Runde. Wobei der Weg zum Ziel wohl interessanter ist, als das Erreichen dieses Zieles.

Übrigens, dieses Ungetüm von einem Titel, das verrät der Abspann, ist einem gleichnamigen Stück des Kassák Theaters von 1972 entlehnt. Die Idee für den Titel hatte der Schriftsteller und Regisseur István Bálint. Horváts Film feierte seine Premiere letztes Jahr in Venedig und war die ungarische Einreichung für den internationalen Oscar.

Elisabeth Nagy

Drama: Ungarn 2020
Regie & Drehbuch: Lili Horvát
Bildgestaltung: Róbert Maly
Montage: Károly Szalai
Musik: Gábor Keresztes
Szenenbild: Sandra Sztevanovity
Kostüm: Juli Szlávik
Make-Up: Ernella Hortobágyi
Ton: Róbert Juhász, Tamás Bohács, Milán Tuska
Casting: Zsófia Szilágyi

Link: www.filmfestival-goeast.de

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