Skip to content

»Films That Matter« ist das Stichwort unserer heutigen Filmbesprechungen

Die bewegende Dokumentation THE LOST SOULS OF SYRIA ist nach einer Tour durch Deutschland, begleitet von den beiden Filmemacher*innen, jetzt bundesweit im Kino zu sehen.



Das neue Verleihlabel »Films That Matter« (Luftkind Filmverleih) brachte THE LOST SOULS OF SYRIA letzte Woche bundesweit in die Kinos.

"THE LOST SOULS OF SYRIA" Dokumentation von Stéphane Malterre & Garance Le Caisne über Opfer des syrischen Regimes. (Frankreich, Deutschland, Katar, 2022; 104 Min.) Seit 2. Februar 2023 bundesweit im Kino. Hier der Trailer:



Elisabeth's Filmkritik:

Der Krieg in Syrien wirkt weit weg. Das ist er nicht. Wir verdrängen ihn nur in die Ferne. "The Lost Souls of Syria" von dem französischen Regisseur Stéphane Malterre und seiner Co-Autorin und historischen Beraterin Garance Le Caisne stellt sich gegen diese Verdrängung, die in ein Vergessen mündet. Runde um Runde decken sie die Mechanismen auf, mit der uns als Gesellschaft das Verdrängen vereinfacht wird und wie wir als Gesellschaft Angesichts von Unrecht und Gewalt versagen. "The Lost Souls of Syria" ist ein wichtiger Beitrag, auch als Film. Aber er mutet dem Publikum die Grausamkeiten eines grausamen Regimes zu und führt dann zu der beschämenden Erkenntnis, dass unser Kleinmut, unser Verdrängen und unser Taktieren schuld ist, dass die Opfer keine Gerechtigkeit erfahren.

Am Anfang steht ein Whistleblower, ein Polizeifotograf des Assad-Regimes, der mit der Kamera Bilder von den Opfer von Verschleppung, Folter und Ermordung zur umfassenden Dokumentation für die Geheimarchive liefern soll. Er wurde unter dem Decknamen "Caesar" bekannt, seine aus dem Land geschmuggelten Aufnahmen nennt man die "Caesar-Akten". So entstehen in etwa 27.000 Fotos von Toten, die zuvor misshandelt wurden. Die fotografischen Beweise der Vernichtung der Syrischen Bevölkerung gelten als aussagekräftiger als das, was in den Nürnberger Prozessen gegen die Nazis an belastendem Material vorlag.

Der Film geht mit diesem Material sparsam um. Nicht die eindeutigen Beweise sollen hier im Mittelpunkt stehen, sondern das, was diese sogenannten "Caesar-Akten" nicht erreicht haben. Zuerst allerdings wachte die Welt tatsächlich nach Veröffentlichung dieser Bilder auf. Der Internationale Gerichthof hätte nun Klage erheben können gegen das syrische Regime. Dass es dazu nicht kam, lag an dem Veto von Russland und China. Erst heute ist man sich schmerzlich bewusst, wie sehr dieses System hinkt.

Familien erkannten unter den anonymen Opfern Angehörige. Das, was diese Bilder zeigen, bekommen wir nur spärlich vermittelt. Der Dokumentarfilm tappt nicht in die Falle, Folteropfer zu zeigen, nur weil man das Material hat. Ein Überlebender schildert, was ihm widerfahren ist. In dieser Szene konzentriert sich der Film nur auf diesen Menschen und ist dabei eindringlich genug. Man hält es kaum aus. Die Filmemacher gehen dabei behutsam um, vermeiden reißerische Anklänge. Sie greifen zwei Fälle heraus, in Frankreich und in Spanien, in dem vermeintlich noch Vermisste oder Tote zwei Staatsangehörigkeiten hatten. Damit war die Möglichkeit gegeben, auf dem zivilen Weg zu klagen.

Der Film, dessen Premiere letztes Jahr in Amsterdam auf dem IDFA Doku Filmfestival stattfand, zeigt nun die unermüdliche Arbeit engagierter Anwälte und Anwältinnen, die diese Angehörigenfamilien vertreten. Auch der Zwiespalt, den die Angehörigen durchleben, dass ihre Klagen eventuell Schaden zufügen könnten, wird nicht ausgeblendet. Diese Klageführungen erstrecken sich über Jahre. Die Aufnahmen wurden chronologisch montiert, was das Versagen noch deutlicher werden lässt. Die Politik schweigt ohrenbetäubend. Das Justizsystem dieser Länder schottet sich ab. Vor dem Offensichtlichen ist unsere Justitia blind.

Elisabeth Nagy


Eine Sonderveranstaltung mit Filmvorführung und anschl. Diskussion findet am 08.02.23, um 17:15 Uhr in Berlin statt.

Haus 1 der Friedrich Ebert Stiftung
Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin

Panelist*innen:
• Frank Schwabe, MdB: Sprecher der Arbeitsgruppe Menschenrechte und humanitäreHilfe in der SPD-Bundestagsfraktion
• Joumana Seif: Rechtsberaterin des International Crimes and Accountability Program,
European Centre for Constitutional and Human Rights (ECCR)
• Sama Kiki: Geschäftsführerin, Syrian Legal Development Program (SLDP)
Moderation: Kristin Helberg, Journalistin und Nahostexpertin


++++++++++++++

"DIE FRAU IM NEBEL" (OT: Decision to Leave) Kriminaldrama von Park Chan-Wook über einen Polizeiermittler, der sich unglücklicherweise in die Witwe des Mannes verliebt, dessen Mord er untersuchen soll. (Südkorea, 138 Min.) Gewinner des Regiepreises von Cannes 2022. Mit Tang Wei, Park Hae-il, Jung-hyun Lee u.a. seit 2. Februar 2023 bundesweit im Kino. In Berlin war der Film bereits vorab - Anfang Dezember 2022 - auf dem Festival »Around the World in 14 Films« gezeigt worden. Hier der Trailer:



Elisabeth's Filmkritik:

Es ist nicht die Frage der Schuld mit der der Regisseur Park Chan-wook ("Lady Vengeance", "Die Taschendiebin") das Publikum konfrontiert. Vielmehr sollen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer mit Entscheidungen seiner Figuren auseinander setzen, an deren Radikalität man noch eine Weile zu knabbern hat.

Park Chan-wook wechselt dabei zwischen den Motiven der Romanze und den Elemente eines Thrillers. Doch worum geht es? Es geht um einen Ermittler und eine zunächst Verdächtige. Ein Toter wird am Fuße eines Bergplateaus gefunden.

Hae-joon, gespielt von Park Hae-il, leidet unter extremer Schlaflosigkeit, was ihm als Polizist bei Ermittlungen von Vorteil ist. Doch bereits dieser Umstand versetzt seine Schlussfolgerungen und seine Handlungen in einen Bereich zwischen Realität und Imaginärem. Sein Bauchgefühl sagt ihm, dass die Witwe Seo-rae, gespielt von der chinesischen Schauspielerin Tang Wei, nicht unschuldig ist. Sorgfältig inszeniert Park Chan-wook den ersten Teil des Filmes als fast konventionelle "Wer war es?"-Geschichte, die allerdings im Rhythmus und im Stilwillen ein traumwandlerisches Gefühl vermittelt. Als käme es nicht so sehr auf die Auflösung an. Und so ist es auch. Wer wen wann und warum und wie getötet hat ist uninteressant. Auf die Zwischentöne kommt es an. Besonders als sich scheinbar alles wiederholt.

Recht schnell sind die Ermittlungen nur noch ein Plot im Hintergrund und Park Chan-wook stellt die Anziehung, die diese zwei Hauptfiguren aufeinander ausüben in den Mittelpunkt. Wobei allerdings nie wirklich klar wird, warum ausgerechnet diese beiden einander verfallen. Man muss es einfach glauben, wie so vieles hier. Die Anziehung der Beiden hat auch weniger etwas Körperliches, als Intellektuelles. Hae-joon taucht durch seine obsessive Überwachung der verdächtigen Witwe so tief in deren Leben ein, dass es fast unvermeidlich ist, dass er ihr verfällt. Sie wiederum lässt ihn, sie spielt mit ihm, so hat es den Anschein.

Erst als der Fall abgeschlossen ist und Hae-joon sich in die Provinz versetzen lässt, wird das Zwanghafte dieser Beziehung deutlich, wenn auch nicht erklärt. Wie dieser erste Teil der Handlung ausgeht, damit spiele ich nicht auf das Ergebnis, sondern den vermeintlichen Lösungsweg an, das soll nicht verraten werden. Die nicht immer nachvollziehbaren Konsequenzen der Handlungen sind Teil einer Erzählebene, die den Neo-Noir-Film auf eine fast asexuelle Romanze verdichtet, die im Verlust und in der Leidenschaft des Verlusts seine Erfüllung erfährt.

Der etwas unglückliche deutsche Titel "Die Frau im Nebel" besitzt weder die Ambivalenz des internationalen Titels, "Decision to Leave", der Entschluss sich zu trennen, noch dessen Doppeldeutigkeit. Park Chan-wook stellte seinen Film letztes Jahr in Cannes vor, wo er als bester Regisseur ausgezeichnet worden ist.

Von Cannes aus startete eine Rundreise durch den internationalen Festivalkalender, der Film brachte es bis zur Oscars-Einreichung. Bei den südkoreanischen Blue Dragon Awards gewann der Film in allen wichtigen Kategorien und auch in den Publikumsnominierungen. "Die Frau im Nebel" hüllt seine Geheimnisse in ebensolchen. Park Chan-wook weiß eine Atmosphäre der Wehmut, der Zärtlichkeit, aber auch der Aufopferung und des Verlustes zu vermitteln, das einen mit einem Rätsel entlässt. Ob sich dieser Eindruck nicht auch schnell verflüchtigt, das ist wohl individuell.

Elisabeth Nagy


++++++++++++++

"EIN MANN NAMENS OTTO" Tragikomödie von Marc Forster als Remake der schwedischen Buchadaption „Ein Mann namens Ove“ aus 2015. (USA, 2022; 127 Min.) Mit Tom Hanks, Mariana Treviño, Rachel Keller u.a. seit 2. Februar 2023 bundesweit im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Nachdem im Jahre 2015 „Ein Mann namens Ove“ von Hannes Holm, einer der erfolgreichsten Filme in Schweden aller Zeiten war, schlüpft nun Tom Hanks als Otto in die Rolle des Stinkstiefels vor dem Herrn, ganz und gar kein 'nice Guy', als den wir ihn sonst kennen. Eher eine tragische Figur. Man kann es auch so ausdrücken: Hanks löst im Remake von Marc Forster ("Monsterball") Rolf Lassgard ab.

Weil sich Otto in der Firma nicht mehr wohlfühlt, geht er vorzeitig in den Ruhestand, kündigt all seine Verträge, die Torte, die man ihm zum Abschied schenkt, will er nicht. Im Baumarkt hat er Seil und Ösen gekauft aber nicht, ohne den Verkäufer in den Wahnsinn zu treiben. Er hat vor, sich zu erhängen. Er hat schon die Schlinge um den Hals gelegt, als es draußen kracht. Wütend steigt er von seinem Stuhl und rennt raus, weil in seiner Straße ein Auto mit Anhänger parken will, obwohl Autofahrern das Parken in der Straße streng verboten ist. Ein Paar mit zwei Kindern ist dabei umzuziehen. Otto ist ein mürrischer Pedant, der die ganze Nachbarschaft mit seinem Kontrollwahn drangsaliert.

Seit er seine Frau verloren hat, ist ihm jede Lebensfreude verloren gegangen. Noch wissen die neuen Nachbarn nicht, mit wem sie es da zu tun kriegen. Die aus Mexiko stammende, schwangere Marisol (Mariana Trevino), die mit ihrer Familie einzieht, begrüßt ihn total herzlich und überreicht ihm später als Willkommensgeschenk einen Topf mit einem selbst gekochten Essen, mexikanisches Chili – Hühnchen. Er ist schon wieder dabei, sich das Leben zu nehmen. Es ist nicht sein letzter Versuch, bei dem er gestört wird. Die Sache wird zum „Running Gag“. Es ist laut seit dem Marisol mit ihren zwei Kindern eingezogen ist. Und da ihr Mann auch noch handwerklich total unbegabt ist, regt sich Otto auf, weil er ihm behilflich sein muss. Sein krankhafter Ordnungssinn zwingt ihn quasi dazu. Mit ihrer unbefangenen, lateinamerikanischen Lebensfreude, nimmt Marisol dem notorischen Quengler den Wind aus den Segeln. Otto wird sogar zum Babysitter der neuen Nachbarn.

In berührenden Rückblenden erfährt man den Grund, warum er den Kontakt zu der Außenwelt immer mehr verlor. Und dann ist ja da auch noch der herzlose Immobilienriese, der die älteren Bewohner los werden will, um den Ort zu gentrifizieren, was Otto ganz und gar nicht gefällt.

In den Rückblenden spielt Toms Sohn Truman, in seiner ersten größeren Rolle, den jungen Otto, in einer der berührensten Kennlerngeschichten eines jungen Paares, an der Seite von Rachel Keller.

Es macht Freude zu sehen, dass Marisol und ihre Familie keine Angst vor Ottos Verhalten haben, sondern anerkennen, was er für die Nachbarschaft leistet und letztendlich sein gutes Herz erkennen. Für Otto sind die neuen Nachbarn ein regelrechter Glückstreffer.

„Ein Mann namens Otto“ versprüht eine wohltuende Herzenswärme, die man nicht so oft in amerikanischen Filmen sieht. Traurig, zartes Gefühlskino mit einem glaubwürdigen Hauptdarsteller.

Ulrike Schirm


----------------------

Kommentar zu „Ein Mann namens Otto“:

Anlässlich einer Kinotagung in Berlin, kamen wir ins Gespräch mit dem Kinobetreiber der Schauburg in Dortmund, einem bereits seit 1912 existierenden Lichtspiel und Kunsttheater welches aktuell über zwei Leinwände mit 4K Projektoren von Sony verfügt, sein Programm aber vornehmlich auf anspruchsvolles Arthouse sowie Schulkinowochen ausrichtet.

Zu dem Sony Pictures Remake von Marc Forster hatte der Kinobetreiber allerdings keine lobenden Worte übrig, sodass er den Film genauso wenig in sein Programm aufnimmt wie 2019 „Mein Bester & Ich“ von Neil Burger, das US-Remake ("The Upside" u.a. mit Nicole Kidman) des französischen Originals "Ziemlich beste Freunde" ("Intouchables") aus dem Jahre 2012 von Eric Toledano & Olivier Nakache.

"Solche Filme braucht keiner", so Lars Kersting, "die verstopfen nur die Leinwände" und werden meist von deutlich weniger Zuschauern gemocht, als die erfolgreichen Originale.

Wer unbedingt die Werke vergleichen möchte, kann sich später die DVD bzw. Blu-ray holen oder die Werke im Stream zu Hause ansehen, obwohl sie eigentlich für die Leinwand gemacht sind.

Leider gibt es zu viele dieser mittelmäßigen Komödien, sodass für herausragende Werke der Platz zum Programmieren dann nicht mehr ausreichen würde. So läuft bei ihm stattdessen derzeit "The Son", "Die Frau im Nebel", "The Banshees of Inisherin" und "Babylon - Rausch der Ekstase".

Auch Tom Hanks hat sich kürzlich zu Wort gemeldet und angedeutet, dass er vielleicht nicht sein 'Bestes' gegeben hat, um den Film zu größerem Erfolg zu verhelfen.

W.F.

Anzeige