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Die Politik und die Berlinale

Wie gestern angekündigt, folgt heute der zweite Teil zum Fazit der Berlinale, der sich u.a. mit dem Skandal bei der Preisverleihung des Dokumentarfilmpreises an den israelisch-palästinensischen Film "No Other Land" befasst. Wir hatten dazu bereits am Dienstag sowie am Mittwoch erste aktuelle UPDATES gepostet.



Die Politik und die Berlinale, ein Resümee von Regina Roland, zweiter Teil.

Die Berlinale ist ein politisches Filmfestival, das wird immer wieder betont, und das ist gut so! Filmfestivals sind Foren des Austauschs und der Diskussion. Doch dieses Jahr war das Festival überschattet von politischen Auseinandersetzungen, die zu einem medialen Orkan zu werden drohten.

Schon die Eröffnungsgala war beeinträchtigt von einer Debatte über die Ein-und Wiederausladung von AFD-Politikern.

Da die Berlinale als multikulturelles Festival auch Filme aus dem Nahen Osten im Programm hatte, wurden Demonstrationen und Tumulte befürchtet, nicht umsonst hatte die Leitung umsichtig ein rollendes „Tiny Haus“ am Potsdamer Platz eingerichtet, einen Ort, an dem ein israelischer und ein palästinensischer Moderator dazu einluden, über die politischen Konflikte und Meinungen zu diskutieren. Erfreulicherweise blieb die Stimmung friedlich. Die Gala zur Preisverleihung löste dann jedoch einen Sturm der Empörung in der Öffentlichkeit aus. Warum, was war geschehen?

Bei der Preisverleihung bekam der Film "NO OTHER LAND" den silbernen Bären als bester Dokumentarfilm. Das gemeinsame Werk des israelischen Filmemachers und Journalisten Yuval Abraham und seines palästinensischen Kollegen Basel Adra zeigt die gewaltsame Vertreibung von Palästinensern durch das israelische Militär im Westjordanland - ein eindrücklicher, wichtiger Film. In ihrer Dankesrede forderten die Regisseure einen Waffenstillstand in Gaza und äußerten ihre Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung.

Basel Adra bezog sich in seiner Dankesrede auf den aktuellen bewaffneten Konflikt im Gazastreifen:

„Es ist für mich sehr schwer zu feiern, wenn Zehntausende meines Volkes in Gaza gerade durch Israel abgeschlachtet werden“. Sein israelischer Kollege Yuval Abraham sprach von „Apartheid im Westjordanland“.

Es folgten pro-palästinensische Bekundungen von dem französisch-amerikanischen Regieduo Guillaume Cailleau und Ben Russel, die für ihre Dokumentation "DIRECT ACTION" (über eine der bekanntesten Aktivist*innengruppen Frankreichs), den Preis für den besten Film in der Reihe Encounters gewonnen hatten. Und auch Mati Diop, die Gewinnerin des goldenen Bären für "DAHOMEY", bekannte sich zur Solidarität mit Palästina.

Aus dem Publikum gab es lauten Applaus und später in den Medien heftige Kritik mit dem Vorwurf des Antisemitismus.

Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek sorgte jedoch gleich am Anfang des Abends in ihrer Eingangsrede für eine politische Einordnung. Rissenbeek verurteilte ausdrücklich die mörderische Attacke der Hamas vom 7. Oktober 2024 und forderte die Freilassung der Geiseln, gleichzeitig erinnerte sie an das Leid aller Opfer der Gewalt in Israel und in Gaza. Ein ausgewogenes Statement, das eine klare Haltung bekundet.

Die Debatten zum Vorwurf des Antisemitismus auf Social-Media und in der Presse schäumten.

So war von einem „menschenverachtenden Applaus“ die Rede, von der „Aberkennung von Preisen“ von „Islamisten importiertem Antisemitismus, der hier zu sehen gewesen sei“.

Die Berlinale äußerte sich sowohl zu der Verbreitung antisemitischer Posts auf dem Instagram Kanal der Berlinale Sektion »Panorama«, die sofort gelöscht wurden, als auch zu den Äußerungen der Preisträger*innen:

“Die teils einseitigen und aktivistischen Äußerungen von Preisträgerinnen waren Ausdruck individueller, persönlicher Meinungen. Sie geben in keiner Form die Haltung des Festivals wieder“, betonte die Berlinale.

Das war wichtig, denn die emotionalen Dankesbekundung der genannten Preisträger für die palästinensische Sache waren problematisch, da mit keinem Wort das Leid der israelischen Geiseln durch die Hamas und die Forderung der Freilassung der Geiseln miteinbezogen wurde.

Der scheidende Berlinale Chef Carlo Chatrian warnte aber auch davor, Kritik an Israel mit Antisemitismus gleichzusetzen.

„Unabhängig von unseren eigenen politischen Ansichten und Überzeugungen sollten wir alle bedenken, dass die Meinungsfreiheit ein entscheidender Teil davon ist, was Demokratie ausmacht“, schrieb er vor einigen Tagen auf Instagram.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat eine Sondersitzung des Aufsichtsrats einberufen. Dort sollen Fragen diskutiert werden wie:

„Welche Filme werden ausgewählt, und wie werden die Jurys besetzt“. Im Interview mit dem Magazin Spiegel bekundet sie aber auch: “Der so notwendige Kampf gegen Antisemitismus darf nicht dazu führen, dass der Staat in eine Rolle kommt, zu sagen, welche Kunst und Kultur sein darf und welche nicht … Und ich glaube auch, dass es wichtig ist, zwischen einem Künstler und seinem Schaffen und einem Künstler und seinen politischen Äußerungen zu unterscheiden“.

Was ist geblieben? Nach Debatten, Kontroversen, der Aufregung in den Medien?

Die Dankesreden der Preisträger pauschal als Hetze zu verunglimpfen, ist zu einfach. Es wäre aber unbedingt nötig gewesen, dass eine Moderation nach den einseitigen, pro-palästinensischen Dankeskommentaren korrigierend eingegriffen hätte.

Der Vorwurf, die deutschen Kulturschaffenden hätten bei den israelkritischen Reden der Preisträger tosend applaudiert, ist fragwürdig. Vielleicht sollte man sich vergegenwärtigen, dass es nicht nur der deutsche Kulturbetrieb war, der Applaus gespendet hat, sondern Filmschaffende aus ganz Europa im Publikum saßen. In ihren Ländern wird zum Teil deutlich anders auf den Krieg im Gaza geschaut als in Deutschland.

Fazit: Spontane Dankesreden auf der Bühne der Berlinale sollten auch in Zukunft weiter möglich sein. Denn, wo stehen wir sonst? Wenn Dankesreden im Vorab politisch zensiert werden und ein Dialog auf der Bühne nicht mehr entstehen kann, weil kontroverse Meinungen und Widerspruch nicht mehr geduldet werden? Wo bleiben dann die Freiheit der Kunst, die Vielfalt der Meinungen, die Demokratie?

Maron Mendel, Publizist, Historiker und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank fasst die kontroverse Debatte in einem Interview mit der dpa treffend zusammen:

„Es wäre falsch, alle diejenigen, die Israel einseitig und mit zum Teil auch radikalen Positionen kritisieren, als Antisemiten zu bezeichnen. Ob es uns gefällt oder nicht, wir müssen lernen, solche Debatten auszuhalten.“

Regina Roland (filmkritik-regina-roland.de)


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