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Die Politik und die Berlinale 2026

Politische Diskussionen schon beim Auftakt und ein Eklat bei der Preisverleihung brachten Berlinale-Chefin Tricia Tuttle zunächst in Erklärungsnot - doch nach viel Zuspruch will sie weitermachen.



Bericht von Regina Roland

Schon zu Beginn der Berlinale wurde Wim Wenders bei der Pressekonferenz der Jury aufgefordert, sich zum Gazakrieg zu positionieren. Mit seiner Aussage, dass sich Filmemacher besser aus der Politik heraushalten sollten, um ein Gegengewicht zur Politik zu bilden, entfachte er einen Entrüstungssturm in den sozialen Medien.

Die indische Schriftstellerin und Aktivistin Arundhati Roy war empört und sagte ihre Teilnahme am Festival ab. Es gab einen offenen Brief internationaler Filmschaffender, darunter Tilda Swindon und Javier Bardem, die das Festival aufforderten, sich zur Lage im Gazastreifen zu positionieren.

Leider wurde Wenders Statement in den sozialen Netzwerken verkürzt wiedergegeben und aus dem Zusammenhang gerissen. Wenders sagte nämlich weiter auf der Pressekonferenz:

„Das Kino hat die unglaubliche Kraft, Mitgefühl und Empathie zu wecken. Die Nachrichten tun das nicht, die Politik tut das nicht. Aber Filme tun das.“

Tricia Tuttle versuchte zu schlichten und stellte sich hinter Wim Wenders und die Jury. Sie konstatierte, auf dem Festival sei der Ruf nach freier Meinungsäußerung laut geworden und der finde statt. Künstler seien frei, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung so auszuüben, wie sie es selbst entscheiden.

Die Abschlussgala – kritische Momente bei der Preisverleihung

Nach den Erfahrungen der letzten Jahren, insbesondere 2024, hatten sich alle Verantwortlichen der Berlinale auf eine mögliche Krisensituation bei der Preisverleihungsgala vorbereitet und versucht, einem Eklat vorzubeugen.

Moderatorin Desiree Nosbush forderte auf der Gala zu einem respektvollen Umgang miteinander auf. Sie betonte mehrmals, dass persönliche Haltungen nicht die Haltung der Berlinale wiedergeben würden.

Wim Wenders appellierte in seiner Rede an die Versöhnung zwischen „den weit ausholenden und in vielen Facetten malenden Kinoerzählenden und jenen, die ihre Botschaften in sozialen Medien oft verkürzt und zugespitzt verbreiten“. Die Sprache des Kinos und des Internets sei verschieden, sie sollten sich aber als Verbündete betrachten und nicht als Gegner.

Tricia Tuttle schließlich forderte alle Filmschaffenden auf:

„Lasst uns die Komplexität umarmen“ und stellte klar „die Berlinale ist kein Raum für Stille“.

Damit manifestierte sie einmal mehr, wie wichtig ihr ein freier und ungehinderter Meinungsaustausch ist. „Wenn wir nicht miteinander sprechen, wer weiß was dann passiert“, mahnte die Festivaldirektorin.

Dennoch drohte die Preisverleihung zu kippen, als der in Deutschland lebende syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib auf die Bühne kam. Alkhatib wurde für das beste Spielfilm-Debüt der Sektion »Perspectives« ausgezeichnet.

Mit "CHRONCLES FROM THE SIEGE" hat er einen eindrucksvollen Episodenfilm geschaffen, der aufwühlende, aber teils sogar humorvolle Momente und Geschichten einer Belagerung der palästinensischen Bevölkerung in einem nicht näher bezeichneten Kriegsgebiet zeigt. Gedreht wurde hauptsächlich in Algerien.

In seiner Dankesrede äußert Regisseur Alkhatib zunächst den Wunsch, dass es auch in einem freien Palästina irgendwann wieder ein Filmfestival geben solle, in dem zuerst über Politik und dann über Kunst, zuerst über Menschen und dann über Künstler gesprochen werde.

Weniger versöhnlich fügte er an, dass „Palästina sich an alle erinnern wird, die gegen uns standen“ und warf der deutschen Regierung eine Mitschuld am Völkermord in Gaza vor.

Daraufhin verließ der einzige Vertreter der Bundesregierung, Bundesumweltminister Carsten Schneider, SPD, die Veranstaltung und ließ verlauten, er halte diese Aussage für nicht akzeptabel.

Die Folgen

Vier Tage nach Ende des Festivals, am 26. Februar 2026, berief Kulturstaatsminister Wolfram Weimar eine Aufsichtsratssitzung des KBB, (Kulturveranstaltungen des Bundes Gmbh) ein, um über die Zukunft der Berlinale zu reden.

In den Medien wurde bald gemutmaßt, dass Tuttle als Intendantin entlassen werden solle, aber auch, dass die Festivalchefin selbst ihre Zukunft bei der Berlinale in Frage gestellt habe.

Die Sitzung am Donnerstag ging ohne konkrete Ergebnisse zu Ende. Sie werde in den nächsten Tagen fortgesetzt, sagte ein Sprecher des Kulturstaatsministers.

Tuttle, die seit 2025 die Berlinale leitet, wird vorgeworfen, sich nicht angemessen gegen Israelkritik und antisemitische Aussagen von Teilnehmenden auf der Berlinale positioniert zu haben.

Proteste und Widerspruch

Der Widerspruch folgte prompt, hunderte von Filmschaffenden protestierten in einem offenen Brief gegen die mögliche Abberufung von Tricia Tuttle, darunter Regisseur Tom Tykwer, Schauspielerin Iris Berben, Tilda Swinton und der frühere Jurypräsident Todd Haynes.

„Wenn in einer außerordentlichen Sitzung über die Zukunft der Festivalleitung entschieden wird, steht mehr auf dem Spiel als eine Personalfrage“, hieß es. “Es geht um den Umgang mit künstlerischer Freiheit und institutioneller Unabhängigkeit.“

Die Filmschaffenden protestierten gegen eine mögliche Absetzung der Festivalchefin und verwahrten sich gegen einen Einschnitt in die Kunstfreiheit und die Autonomie kultureller Institutionen.

„Genau das ist der Kern eines unabhängigen Filmfestivals, künstlerische Ausdrucksformen zu präsentieren, Debatten zu ermöglichen und unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen.“

İlker Çatak, der Gewinner des goldenen Bären, ließ verlauten, dass er nie wieder einen seiner Filme auf der Berlinale zeigen werde, wenn die Antisemitismus-Debatte Konsequenzen für Tricia Tuttle haben würde. Damit steht er sicher nicht allein.

Der Bundesverband Regie und die Europäische Filmakademie stehen ebenfalls hinter Tricia Tuttle und betonen, „dass die Berlinale unter ihrer Führung die Rolle als wichtiges internationales Festival weiter festigen konnte.“

Hunderte von Filmschaffenden solidarisieren sich mit der Intendantin der Berlinale. Auch der deutsche Kulturrat appelliert an Kulturstaatsminister Weimar.

Ein offener Brief wurde von mehr als 700 Künstlern unterschrieben, darunter auch israelischen Filmschaffenden. Sie warnen „vor einer Einschränkung der Kunst-und Meinungsfreiheit.“

Geschäftsführer Olaf Zimmermannn fordert Kulturstaatsminister Weimar auf, „die Unabhängigkeit der Berlinale vor staatlichen Eingriffen zu sichern“. Gleichzeitig distanziert sich Zimmermann von den Äußerungen des palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib, er äußert aber auch, diese seien allerdings von der grundsätzlich gesicherten Meinungsfreiheit gedeckt.

Eine mögliche Entlassung Tuttles würde das Ende der Berlinale auf viele Jahre hinaus bedeuten, so die Meinung vieler Filmschaffenden.

Vorerst bleibt die Festivaldirektorin im Amt. Sollte sich Tricia Tuttle entscheiden, aufzuhören, wäre der Ruf der Internationalen Filmfestspiele Berlin nachhaltig geschädigt. Wie die meisten Medien-und Filmschaffen habe ich die große Hoffnung, dass Tricia Tuttle bleibt.

Am deutlichsten benennt der offene Brief der Filmschaffenden zur Zukunft der Berlinale worum es geht:

„Ein internationales Filmfestival ist kein diplomatisches Protokoll, sondern ein schützenswerter Ort unserer Demokratie. Seine Stärke liegt darin, unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und vielfältige Stimmen sichtbar zu machen… Wenn aus einzelnen Wortmeldungen oder symbolischen Deutungen personelle Konsequenzen abgeleitet werden, entsteht ein problematisches Signal: Kulturinstitutionen geraten unter politischen Erwartungsdruck.“

Regina Roland, 26. Februar 2026 (filmkritik-regina-roland.de)

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Berlin 3. März 2026 - Berlinale-Chefin will weitermachen.

Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle will laut dpa im Amt bleiben.

"Ich bin sehr stolz auf mein Team und das Festival und möchte die gemeinsam begonnene Arbeit in vollem Vertrauen und mit ins­titutioneller Unabhängigkeit fortset­zen", sagte Tuttle der Deutschen Presse-Agentur.

Zwischenzeitlich stand im Raum, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer Tuttle entlassen will oder sie aufgibt. Auslöser waren Äußerungen zum Nahost-Konflikt von Filmschaffenden während des Festivals. Danach bekam sie viel Zuspruch aus der Kulturszene.

Die breite Resonanz von Filmschaffenden habe auch unterstrichen, dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung, eine Festivalwoche oder eine Person gehe. Sondern um das allgemeine Prinzip, dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssten, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können.

Am morgigen Mittwoch den, 4. März 2026, ist eine weitere Aufsichtsratssitzung der Berlinale Träger-Gesellschaft mit der Berlinale Intendantin Tricia Tuttle geplant, bei dem es um einen Austausch über die zukünftige Zusammenarbeit sowie um die künftige Ausrichtung von Deutschlands größtem Filmfest mit neuen Vorgaben gehen soll.

Geplant sind demnach ein "beratendes Forum" sowie ein Verhaltenskodex („Code of conduct“) für alle Kulturveranstaltungen des Bundes. Was das genau bedeutet und wie die Berlinale diese Empfehlungen umsetzt, ist offen. Im Kern geht es um das heikle Thema Freiheit der Kunst. Oder anders gesagt: Wie weit darf der Staat Einfluss nehmen auf diese mit Steuergeld geförderte Kulturinstitution? Zum Kodex gehört allerdings auch ein für alle Teilnehmer geltendes Antisemitismus-Tabu.

Der Berlinale-Intendantin wird offensichtlich vom BKM ein Maulkorb mit strenger Zensur verpasst, der sich sowohl auf die Freiheit der Filmauswahl als auch auf die Zusammensetzung der Jury oder bei „verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen“ sogar auf die Preisverleihung auswirken kann.

Auslö­ser der Debatte um Berlinale-Chefin Tricia Tuttle war ihr Um­gang mit israelfeindlichen Äußerungen auf dem Filmfestival. Die politische, aktivistische Thematik habe die künstlerische und die objektive Leistung der Berlinale angeblich komplett überlagert, was zukünftig unterbunden werden soll, indem vergebene Preise auch wieder aberkannt oder zurückgezogen werden könnten.

W.F.