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Weitere Filmkritiken zur Onlineversion des Filmfestes »goEast« sowie News aus Berlin

Aktuelle News aus der Berliner Film- und Kulturbranche lassen aufhorchen.



Die bundeweiten Ausgangssperren bei der geplanten Verschärfung des Infektionsschutzgesetzes sollen nun im Gegensatz zur Stadt Köln, wo sie bereits schon jetzt ab 21:00 Uhr gelten, in Absprache mit dem Koalitionspartner SPD bei einer Inzidenz von 100 erst ab 22:00 Uhr für alle anderen Regionen, die noch keine Beschränkungen haben, schnellstmöglich in Kraft treten.

Darüber hinaus hat der Deutsche Kulturrat hat am Freitag, den 16.04.2021, zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite (Infektionsschutzgesetz) konkrete Änderungsvorschläge im Gesetzestext vorgelegt.

Der Deutsche Kulturrat hat vorgeschlagen:

1. Hinsichtlich § 28b Abs. 1 Nr. 5 (Kultureinrichtungen) verweist der Deutsche Kulturrat auf die Begründung zum geltenden § 28a Abs. 2 Nr. 7 in der unter Bezugnahme auf Art. 5 Abs. 3 GG auf den Werk- und Wirkbereich von Kunst und Kultur hingewiesen wird. Dieser Verweis muss auch beim neuen § 28b Abs. 1 Nr. 5 ausdrücklich berücksichtigt werden. Er bietet Spielräume für Modellprojekte im Kulturbereich zur Testung von Öffnungen. Diese Spielräume sollten ebenfalls ausdrücklich Erwähnung finden. Weiter sollte klargestellt werden, dass Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel, unter Einhaltung von Hygieneregeln, zulässig sind.

2. Mit Blick auf § 28b Abs. 3 (Bildungseinrichtungen) schlägt der Deutsche Kulturrat eine Präzisierung dahingehend vor, dass neben Schulen, Hochschulen, außerschulischen Einrichtungen der Erwachsenenbildung auch außerschulische Einrichtungen der kulturellen Kinder- und Jugendbildung von der Regelung erfasst werden sollen.


Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagte: "Der Kulturbereich ist nicht irgendein Bereich, sondern er steht unter dem besonderen Schutz der Kunstfreiheit im Grundgesetz (Art. 5, Abs. 3). Dieser Schutz wurde in der dritten Reform des Infektionsschutzgesetzes vollumfänglich anerkannt und muss auch jetzt in der vierten Reform des Gesetzes berücksichtigt werden. Es muss möglich bleiben, Modellprojekte im Kulturbereich zur Testung von Öffnungen durchzuführen. Auch müssen Open Air Veranstaltungen, selbstverständlich unter strengen Hygienebedingungen, möglich sein. Ebenfalls muss sichergestellt werden, dass außerschulische Einrichtungen der kulturellen Kinder- und Jugendbildung im Gesetz wie Schulen behandelt werden. Der vorgelegte Entwurf des Infektionsschutzgesetz ist aus der Sicht des Kulturbereiches so noch unzureichend und muss deshalb nachgebessert werden."




Wie der Tagesspiegel gestern, den 20.04.2021, schrieb, wäre die vom 9. - 20. Juni 2021 geplante Sommer-Berlinale der Internationalen Berliner Filmfestspiele, die hybrid, also mit Indoor & Outdoor Veranstaltungen fürs Berliner Publikum stattfinden soll, akut gefährdet, da die Bundesregierung bei Kulturveranstaltungen bisher keinen Unterschied berücksichtigt hat zwischen den mit geringem Restrisiko behafteten Open-Air-Film-Vorführungen und jenen mit stark reduzierten Sitzplatzangebot wegen höherer Aerosolbelastung in den Indoor-Kinos.

Weil zudem im Juni die Tage am längsten sind und der Einbruch der Dunkelheit wohl kaum Freilichtvorführungen vor 21:00 Uhr ermöglichen würden, muss bei gleichbleibenden hohen Berliner Inzidenzwerten mit einer Absage des Festivals gerechnet werden.

Die großen, beliebten Freilichtkinos Berlins liegen zudem vornehmlich in Bezirken (Mitte, Kreuzberg, Friedrichshain) mit besonders hohen Inzidenzwerten, während die in einem weniger stark frequentierten Außenbezirk liegende und fast 20.000 Personen fassende Waldbühne am Olympiastadion sowie die ebenfalls besonders große Freilichtbühne in der Wuhlheide schon lange nicht mehr mit Filmvorführungen bespielten wurden. Eine Reaktivierung der Waldbühne - wie in den 1950er Anfangsjahren der Berlinale - wäre schön, aber technisch sicherlich aufwändig und teuer, da nicht nur besonders leistungsstarke Projektoren und große Leinwände installiert werden müssten, sondern auch gewisse Abstandsregelungen und zusätzliche Hygienemaßnahmen zu berücksichtigen wären.

Tausende Besucher, die dann nach Mitternacht auf dem Heimweg mit öffentlichen Verkehrsmittel wären, würden das Infektionsgeschehen jedoch wieder in die Höhe treiben.

Tägliche Coronatest für die Berliner Bevölkerung haben sich Trugschluss erwiesen. Die lizensierten Testcenter ermöglichen nur einen kostenlosen Test pro Woche. Es müssten also Sonderbedingungen für Karteninhaber der Berlinale geschaffen werden, was bei den bisherigen Erfahrungen mit dem Berliner Senat kaum vorstellbar ist.

Würden nur geimpften Personen der Zutritt erlaubt werden, müsste man wahrscheinlich bis Jahresende warten, weil erst dann auch die vornehmlich jüngeren Kinogänger geimpft sein würden. Die bis dahin bereits zum zweiten Mal geimpfte Klientel der überwiegend 70-80 Jährigen, bilden nur verschwindend geringe Anzahl an geneigten und zahlungskräftigen Berlinale Besuchern.

Im Gegensatz zum derzeit bundesweit digital stattfindenden Wiesbadener "goEast" Festivals des Deutschen Filminstituts in Frankfurt am Main, hatten sich die Berliner Filmfestspiele strikt gegen ein erneutes Online-Filmfestival ausgesprochen.

Link: www.berlinale.de

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Geschichten über Partisanen stehen u.a. im Mittelpunkt des nunmehr nur digital stattfindenden Filmfestivals "goEast" in Wiesbaden, das vom Deutschen Filminstitut in Frankfurt am Main veranstaltet wird. Bis Montag, den 26. April 2021 konkurrieren bei der Veranstaltung 16 Spiel- und Dokumentarfilme um die Hauptpreise des Festivals. Vergeben wird dabei unter anderem die mit 10.000 Euro dotierte "Goldene Lilie" für den besten Film.

Das Festival widme sich einem wichtigen "Thema in der mittel- und osteuropäischen Filmlandschaft, das teilweise auch mythologisiert wird und in den aktuellen Filmen in unserem Programm nun aus neuen Blickwinkeln betrachtet wird", so Festivalleiterin Heleen Gerritsen.


Bis auf die von uns natürlich noch nicht gesehenen beiden Weltpremieren, haben wir auch heute für unsere Leser und Filmfans des Online-Festivals wieder zwei Filmkritiken als Empfehlung parat, da die Filme schon auf anderen Internationalen Festivals im letzten Jahr liefen oder zumindest einer davon auch auf dem handverlesenen Streaming-Portal MUBI derzeit zu finden ist, das ausschließlich Arthouse-Kino jenseits des Mainstreams zeigt.

Das "goEast" Festival hatte die im letzten Jahr beim Schweizer Locarno A-Festival uraufgeführte und vorgestern beim Südtiroler 34. Bolzano Film Festival Bozen prämierte Doku "SPACE DOGS" wohl für das Autokino in Wiesbaden vorgesehen, das aber ebenfalls nicht geöffnet werden kann. Für das Wiesbadener Publikum sind aber im Sommer noch einmal Sondervorführungen angesetzt schreibt die FAZ.

"SPACE DOGS", ein visionärer Dokumentarfilm des deutsch-österreichischen Regieduos Elsa Kremser und Levin Peter über russische Versuchskaninchen und andere zum Tod geweihte Tiere bei ihren ersten, in schillernden Bildern getauchten Weltraumflügen.

Ein „starker Film über die Sinnwidrigkeit und Grausamkeit des menschlichen Handelns" so die Bozener Jury.

Hier der Trailer:



Elisabeth' Filmkritik:

"Space Dogs" ist ein nachdenklicher Film. In Deutschland kam der Film, bedingt durch die Pandemie, zu einem viel zu kurzen Kinoeinsatz. Der Verleih Real Fiction hatte "Space Dogs" im letzten September ins Kino gebracht. Es waren und es sind Tiere, die für die Träume der Menschen mit ihrem Leben bezahlen. So zum Beispiel in der Raumfahrt. Welchen Blick haben Tiere auf den Menschen? Welchen Mythos heften wir Menschen den Tieren an?

Unweit einer Bar liegen zwei Hunde und beobachten das Treiben der Menschen. Ihr Blickwinkel ist nun auch der des Publikums. Die Regisseurin Elsa Kremser ("Nebel", Berlinale Perspektive) und Regisseur Levin Peter ("Hinter dem Sandsturm", First Steps Award) wählen einen ungewöhnlichen Blickwinkel, der das Publikum zwingt, sich auf eine Welt und eine Betrachtung einzulassen, die zumindest in einer Szene unangenehm, wenn nicht für unser Empfinden unerträglich und im allgemeinen ungewohnt ist. Das Filmteam hat lange nach einem Rudel Straßenhunde in Moskau gecastet, bis sie die Tiere fanden, denen sie nun mit der Kamera folgen wollten, dabei bleibt die Kamera stets auf ihrer Höhe. Das brauchte eine sehr lange Gewöhnungsphase. "Space Dogs", eine österreichisch-deutsche Koproduktion mit russisch sprachiger Narration hat bereits seit der Vorführung in Locarno 2019 eine lange Festivalreise hinter sich. Elsa Kremser und Levin Peter gewannen auf der Viennale den Preis für den besten österreichischen Film und den Erste Bank ExtraValue-Filmpreis. Der Kameramann Yunus Roy Imer ("Systemsprenger") erhielt auf der Diagonale 2020 den Preis für die beste Bildgestaltung im Dokumentarfilm.

Kremser und Peter verknüpfen das Herumstreunen mit einer ganz anderen Ebene. Die Narration erzählt zum Beispiel von Laika, einem taffen russischen Straßenhund, den die Russen in den Weltraum geschossen hatten. Laika hat diese Reise nicht überlebt. Aber was ist mit ihrem Geist? Die mitunter philosophische Betrachtung gibt der Dokumentation eine poetische Ebene, während eine gut recherchierte Auswahl an Archivmaterial über die Weltraumexperimente mit Tieren im Allgemeinen und im Besonderen der Betrachtung der Tiere noch eine weitere Ebene hinzufügt.

Elisabeth Nagy


Dokumentarfilm: Österreich / Deutschland 2019
Drehbuch & Regie: Elsa Kremser, Levin Peter
Bildgestaltung: Yunus Roy Imer
Montage: Jan Soldat, Stephan Bechinger
Musik: John Gürteler, Jan Miserre
Ton: Simon Peter, Jonathan Schorr

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"SPOGULĪ - IM SPIEGEL", hurmorvolles Schneewittchen-Märchen der lettischen Regisseurin Laila Pakalniņa über junge Instagram-Muskelprotze und Schönheitsfanatiker*innen mit ihrer absurden Sucht nach eindrucksvollen Selfies. Mit Madlēna Valdberga, Elza Leimane, Lauris Dzelzītis, Gatis Gāga, Kaspars Gods, Ģirts Krūmiņš.

Hier der Trailer:



Elisabeth' Filmkritik:

Es war einmal. Es war einmal ein Mann, der eilte zur Geburt seiner Tochter. Wie soll sie heißen? Nennen wir sie doch: Schneewittchen. Was uns die Regisseurin Laila Pakalnina ("Dawn", "Spoon") hier auftischt, ist genau dieses Märchen. Unverkennbar. Und doch ganz anders. So was von anders. Gemeinhin glaubt man, im Kino alles schon mal gesehen zu haben. Und dann wagt ein Regisseur oder eine Regisseurin doch etwas Neues. Der Blick der Kamera ist der eines Selfies, das ist so nicht neu, aber hier wird über die Filmlänge hinweg an diesem Konzept festgehalten.

So habe ich das noch nicht gesehen. Das Bild kippt zur Seite, das Bild steht auf dem Kopf. Mitunter. Man stellt das Smartphone halt hin, wo auch immer es fest steht, um sich beim Liegestützen stemmen zu beweisen. Als Beispiel. Eine andere Szene ist noch deutlicher: Der Mann, der frisch gebackene Vater, wendet dem Grab und der Trauergemeinde den Rücken zu und schaut in diese Kamera, die an seinem Leben mitwirkt, an seiner statt. Starr blickt er, zunehmend traurig, sich bewusst, dass die Kamera die Reaktion erwartet, dann rinnt ihm eine Träne rinnt die Wange herunter. Wir haben's gesehen. Die Trauergäste treten einzeln und nach der Reihe an ihn heran, schauen und treten ab. Bis nur der Kinderwagen in der Ferne steht.

"Im Spiegel" verweist ja nicht nur auf ein Märchen. Mit der Erzählung geht es flott voran, schon feiert der Mann wieder Hochzeit mit der Fitness obsessiven Schönheit in seiner Trainingshalle. Und schon ist die Tochter ein Teenager und die Schönere im Land. "Im Spiegel" verweist auf uns selbst, auf unsere Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung und wirft den Blick zurück. Wobei der Blick zurück der unsere ist, das Publikum sitzt auf der anderen Seite der vierten Wand, die konstant durchbrochen wird. Ohne dass auch nur eine Figur zu uns schauen würde. Da steckt Stilwillen drin. Das ist ein Experiment. Und es funktioniert. Dabei dürfte es eigentlich nicht funktionieren. Die Wiederholung und Variation sollte dem Nutzen zuwider stehen. Aber da ist der Rhythmus, der Beat, der Sound und der Score vor. Der Mann ist Trainer und um ihn herum sind Männer die turnen und klettern und sie laufen auf den Händen und wenn man denn noch nicht fragt, wer die Schönste sei, so doch, wer den Rekord von 50 Liegestützen brechen können. Wer hat hier die Muckies für mehr als 50 Liegestütze? Und wer hat den schönsten Body...

Es ist so absurd, wie heiter. Ganz ernst kann man das gar nicht nehmen und doch muss man der Regisseurin zugestehen, dass sie ein traditionelles Märchen in ein irre zeitgemäßes Stück verwandelt hat, der eigentlich all das, was es an Themen vorführt, zu gleichen Teilen benutzt und kritisiert und irgendwie doch verführerisch aussehen lässt. Es gibt auch definitiv mehr als sieben Zwerge und sie sind alle muskulöse Selbstoptimierer. Im wirklichen Leben wohl Bodybuilder und Akrobaten. Man könnte fast sagen, der Stil wird der Handlung vorgezogen, aber der Stil ist Teil der Handlung und ja, es wirkt wie die Überspitzung einer Selbstdarstellung im Zeitalter der Selfies. Das habe ich so noch nicht gesehen.

Elisabeth Nagy


Komödie: Litauen / Lettland 2020
Regie & Drehbuch: Laila Pakalniņa
Bildgestaltung: Gints Bērziņš
Montage: Ieva Veiveryte
Musik: Paulius Kilbauskas, Vygintas Kisevičius
Kostüm: Liene Dobrāja
Make-Up: Maija Gundare
Ton: Anrijs Krenbergs

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"Wenn der Wind sich dreht", Drama der armenischen Regisseurin Nora Martirosyan über den Freiheitskampf des nicht international anerkannten Staates Bergkarabach. Mit Grégoire Colin, Hayk Baghryan, Arman Navasardyan, David Hakobyan, Vartan Petrossian, Narine Grigoryan.

Hier der Trailer:



Elisabeth' Filmkritik:

Es ist kompliziert. Als "Wenn der Wind sich dreht" in Stepanakert gedreht wurde, war die politische Gewichtung noch eine andere, als zu dem Zeitpunkt, als der Film nach Cannes eingeladen worden war. Und seitdem wurde es nicht eindeutiger. Handlungsort ist eine kleine Region im Kaukasus, die sich seit über 100 Jahren mal unter der Kontrolle von Armenien, mal der von Aserbaidschan befindet.

In der zweiten Jahreshälfte 2020 brach der Konflikt wieder auf. "Wenn der Wind sich dreht" ist somit auch ein mehrdeutiger Titel. Ursprünglich sollte er "Black Garden, Blue Skies" betitelt werden, was auf die Bedeutung von Bergkarabach, "schwarzer Garten", hinweist. Das Langspielfilmdebüt der gebürtigen Armenierin Nora Martirosyan ist nun eine französisch, belgische sowie armenische Produktion.

Martirosyan lebt inzwischen in Frankreich und lehrt unter anderem an der Kunstakademie Bordeaux. Einen armenischen Film, Aneva Production ist die armenische Produktionspartnerin, gab es seit 1965 nicht mehr im Festivalprogramm von Cannes. Doch Aserbaidschan wollte den Festivaleinsatz ursprünglich verbieten. Cannes ließ jedoch nicht locker.

Handlungsort ist ein kleines Stück Land mit einem Flughafen. Es braucht angeblich nur eine Freigabe von den entsprechenden internationalen Behörden, die der Einrichtung den internationalen Standard bescheinigt, um den Flughafen zu eröffnen. Für die Region wäre es ein Statement, eine offizielle Marke auf der Weltkarte. Diesen Flughafen gibt es wirklich, seine Flügel schwingen sich einsam im Nirgendwo. Es ist der quasi offizielle Flughafen der Republik Arzach, ehemals Bergkarabach genannt, die nicht international anerkannt ist und rechtlich heute zu Aserbaidschan gehört. Bereits 2011 wollte man den Flughafen nach der Zerstörung im Krieg 2009 wiedereröffnen, aber die Behörden warnten, dass jedes Flugzeug, das dort zur Landung ansetzen sollte, zerstört werden könnte. Technische Gründe wiederum zögerten die Wiedereröffnung immer wieder hinaus.

Alain, gespielt wird er von dem Franzosen Grégoire Colin, reist mit dem Taxi über 8 Stunden vom nächstgelegenen Flughafen in Jerevan an, um ganz offiziell den neuen Bau abzunehmen. Die Landkarte zeigt das Dilemma, auf der einen Seite Russland, auf der anderen Georgien, dann der Iran, und die Türkei, und geografisch die kaukasischen Berge und die Kaspische See. Politisch ein Alptraum, aber geografisch auch nicht ohne: wenn ein Flugzeug kreisen muss, dann ist das zu knapp. Stoisch misst Alain alles aus und hat durchaus einen Blick für das Ganze. Aber gerade das macht ihm die Entscheidung schwer und vielleicht ist es auch nicht an ihm diese zu fällen. Mit seinen Augen begegnen wir den Bewohnern, die gerne wieder etwas internationalen Wind spüren würden von an- und abfliegenden Flugzeugen. Aber wir lernen auch einen Jungen kennen, Edgar, gespielt von Hayk Bakhryan, der stets über das Flugfeld läuft mit seinen Wasserkanister, aus denen er Trinkwasser verteilt, um ein paar Kilometer Fußweg zu sparen. Oder eine Journalistin, die durchaus eine Story von der Warte beurteilt, was sie bewirken könnte. "Wenn der Wind sich dreht" ist ein ruhiger Film, der seine dramatischen Elemente wohl überlegt setzt.

Elisabeth Nagy


Drama: Armenien / Frankreich / Belgien 2020
Regie: Nora Martirosyan
Drehbuch: Nora Martirosyan, Emmanuelle Pagano, Olivier Torres, Guillaume André
Bildgestaltung: Simon Roca
Montage: Nora Martirosyan, Yorgos Lamprinos
Musik: Pierre-Yves Cruaud
Make-Up: Salbi Aghajanyan
Ton: Anne Dupouy, Aline Gavroy
Casting: Alexandre Nazarian, Marina Mesropyan

Zum Film wird während der Festivaltage ein Online-Gespräch zwischen der Festivalleiterin und der Regisseurin stattfinden.

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