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Kurzfilmtag online im Internet - Streaming-Angebote mit Filmkritik kommentiert

Längste Nacht des Jahres mit zahlreichen digitalen Kurz- und Langfilmveranstaltungen und einer Filmkritik.



Unsere gestrige Meldung zur Verschiebung der Berlinale wurde tatsächlich mit weiteren Details tagsüber von den Internationalen Filmfestspielen Berlin bestätigt. Und zwar wird der European Film Market Anfang März 2021, statt Mitte Februar nur online fürs Fachpublikum zum Sonderpreis stattfinden. Erst im Juni 2021, also in der Mitte des kommenden Jahres, werden physische Filmvorführungen mit den bis dahin von einer internationalen Jury geheim gewählten Preisträgern in Open-Air-Kinos dem Publikum gezeigt. Die bereits getätigten Akkreditierungen verlieren aber ihre Gültigkeit und werden ggf. erstattet.

Ob zuvor überhaupt die Kinos wieder öffnen können bleibt bei den derzeit weiter ansteigenden Corona-Fallzahlen unbestimmt.

Wir müssen uns deshalb mit unseren Filmkritiken auf nur digital veröffentlichte Werke beschränken. Diesmal folgt weiter unten eine Besprechung des Dramas "PORT AUTHORITY", das seit dem 17.12.2020 als Video-on-Demand im Salzgeber Club kostenpflichtig abgerufen werden kann. Der Film lief 2019 in der Sektion »Un Certain Regard« – des Filmfestivals von Cannes, was unsere Kritikerin besonders neugierig machte.

Kostenlos ist dagegen der KURZFILMTAG am 21. Dezember 2020, dem kürzesten Tag des Jahres, der von der AG Kurzfilm bundesweit organisiert wird. Seit neun Jahren wird die längste Nacht des Jahres für ungewöhnliche Abspielstätten genutzt, um das kleine Format zu feiern. Jedenfalls normalerweise, denn auch der „Kurzfilmtag“ läuft in diesem Jahr nur als Stream.

Am 21. Dezember 2020 stehen hier ab 9 Uhr für 24 Stunden sieben Programme mit insgesamt 49 Filmen zum kostenlosen Anschauen bereit. Daneben gibt es weitere Online-Events von verschiedenen Veranstaltern.

Einer dieser Veranstalter ist das Kino Brotfabrik in Berlin, das mit Unter­stüt­zung des Öster­rei­chi­schen Kul­tur­fo­rums und der Vereinigung Berliner Filmfestivals, expe­ri­men­tel­le Ani­ma­ti­ons­fil­me aus Öster­reich mit dem Titel "Orts­be­ge­hung – Walk With Me" online ab 18:00 Uhr präsentiert.

Das von Marie Ketz­scher anläss­lich des 35. jäh­ri­gen Bestehens von Asi­fa Aus­tria zusam­men­ge­stell­te Pro­gramm ver­sam­melt 14 Fil­me, die den Zuschauer*innen neue Orte erschlie­ßen – inne­re und äuße­re Räu­me, durch die akti­ve Bege­hung und die Kon­tem­pla­ti­on, mit­tels unter­schied­li­cher Ani­ma­ti­ons­tech­ni­ken. Kir­chen­schif­fe, grü­ne Wie­sen, eine Gera­de aus Pixeln… Es sind Räu­me, die hyp­no­tisch anzie­hen oder das Hin­ein­ge­hen unmög­lich machen. Eine Rei­se für 2020. Gezeigt wer­den:

01) Frag­men­ted (2017) von Anne Zwie­ner,
02) Raum­fahrt (1989) von Rena­te Kor­don,
03) Nozi­zep­tor (2013) von Marie­la Schöffmann,
04) Der Mensch mit den moder­nen Ner­ven (1988) von Ste­fan Stra­til und Bady Minck,
05) Linz/Stadtpfarrkirche (2019) von Edith Stau­ber,
06) The­re­sia (2013) von Tho­mas Stei­ner,
07) Tinamv1 (2011) von Adnan Popo­vic,
08) Rhyth­mus 94 (1994) von Tho­mas Renold­ner,
09) Wegstücke (2016) von Eve­lyn Krei­ne­cker,
10) Ex Ter­rat (2016) von Rein­hold Bid­ner,
11) Exhaus­ti­bi­li­ty (2012) von Eni Brand­ner,
12) Roma­l­i­do (2009) von Nor­bert Trummer,
13) First and Fore­mo­st (2016) von Vero­ni­ka Schu­bert sowie
14) Vien­na Hit (2019) von Anna Vasof.

Das Kurz­film­pro­gramm fin­det online und kos­ten­los hier auf Vimeo statt. Inter­es­sier­te erfra­gen bit­te einen Zugangs­code zum Pro­gramm bei der Kura­to­rin Marie Ketz­scher unter marie@berliner-filmfestivals.de an. Sie wird die Bestä­ti­gung und den Code dann am 21.12.2020 ver­schi­cken. Das Pro­gramm ist am gleichen Tag von 18 bis 18 Uhr abruf­bar.

Öster­reich 1988 bis 2019 | 81 Minu­ten | R: diver­se | Ani­ma­ti­ons­fil­me

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Im Salzgeber Verleih für queere Filme sollte der Film "PORT AUTHORITY" zum 10. Dezember 2020 seinen Kinostart erleben. Wegen der weiterhin geschlossenen Kinos gibt es stattdessen den mitreißenden Tanzfilm aus New York jetzt online als VoD im Salzgeber Club und auf DVD.

"PORT AUTHORITY" von Danielle Lessovitz (USA). Mit Fionn Whitehead, McCaul Lombardi, Louisa Krause u.a. seit 17. Dezember 2020 auf DVD und VoD.

Hier der Trailer:



Ulrikes VoD-Kritik:

Der Titel "Port Authority" des einfühlsam erzählten Debütfilms von Danielle Lessovitz ist dem größten Busbahnhof New Yorks entlehnt.

Auf diesem stark frequentierten Bahnhof strandet der aus Pittsburgh kommende 20-jährige Paul (Fion Whitehead). Eigentlich sollte ihn seine wohlhabende Halbschwester hier abholen und sich um ihn kümmern. Sie ist nicht gekommen. Paul ist vorbestraft und steht unter Bewährung. Gelebt hat er bei einer Pflegefamilie. Verloren beobachtet er das Gewusel um sich herum. Sein Blick bleibt bei einer Gruppe junger, queerer, schwarzer Menschen stehen, die zur New Yorker Ballroomszene gehören und wild tanzen. Besonders beeindruckt ihn eine bildhübsche junge Frau, mit der er scheue Blicke tauscht. Ihr Name ist Wye. Er wird sie später wiedersehen.

Weil er irgendwie aggressiv reagiert hat, wird er in der U-Bahn zusammengeschlagen. Lee (Mc Caul Lombardi), ein muskulöser und tätowierter Typ, kümmert sich um ihn und nimmt ihn mit in eine Notunterkunft. Am nächsten Tag bietet er ihm einen Job an. Lee und seine Kumpanen räumen Wohnungen säumiger Mieterinnen und Mieter aus. Es ist das kalte New York, was wir hier sehen. Eine Gruppe prekärer, teils wohnungsloser junger Männer, verdienen sich ihr Geld, in dem sie sich an der Not und Verdrängung anderer armer Menschen bereichern.

Warm wird der der verschlossene Paul mit den rauen Möbelpackern nicht. Hin und wieder hänseln sie ihn als Schwuchtel. Ihr machohaftes Verhalten berührt ihn kaum.

Eines nachts folgt er einem schwarzen Jungen, der wie er, in der Notunterkunft schläft und findet sich mitten in einer Ballroom-Party wieder. Als einziger Weißer, begegnet er Wye wieder. Er wird misstrauisch angestarrt. Als er gefragt wird, mit wem er hier sei, schweigt Paul. Man gibt ihm zu verstehen, dass er hier nicht hingehört. Wye (Leyna Bloom) nimmt sich seiner an. Sie unterhält sich mit ihm, schreibt ihm ihren Namen auf den Arm und klebt ihm mit einer rührenden Geste, ein Nikotinpflaster auf den Bauch. Von nun an wird er Wye und ihre Brüder im „House of Queens“ noch öfter treffen. Paul hat sich in die junge Frau verliebt. Er ahnt noch nicht, dass sie eine Transfrau ist. Immer stärker wird sein Wunsch zu den Tänzern der Ballroom-Family zu gehören, einer Familie, die zusammenhält, sich gegenseitig akzeptiert und die auch ihn, den White Boy akzeptiert.

Paul, von dem man nicht weiß, ob er queer oder hetero ist, verstrickt sich immer mehr in Lügengeschichten, um Wye zu gefallen. Es kommt zu einem Streit. Paul rennt davon und bittet einen fremden Mann, ihn zu schlagen. Jetzt offenbart sich seine Tragik. Schon in der U-Bahn provozierte er und legte es darauf an geschlagen zu werden. Körperlicher Schmerz macht ihm nichts aus. Im Gegenteil, er sucht ihn förmlich. Es ist für ihn der einzige Weg, seinen seelischen Schmerz zu übertünchen. Als er sich Wye vertrauensvoll öffnet und ihr eine bitter-traurige Geschichte erzählt, versteht man, warum dieser verschlossene Junge so ist, wie er ist. Ob er eine Chance bekommt, trotz aller Unterschiede in Wye's Ersatzfamilie und der Voguing-Szene aufgenommen zu werden, liegt ganz bei ihm.

(Wye und ihre Brüder gehören zur New Yorker Ballroomszene. Eine Subkultur, in der sich queere Afroamerikaner und Latinos, in sogenannten Familien zusammenfinden. Begründet wurden sie in den 60ern, als Reaktion auf den Rassismus in der weißen LGBTI – Community)

Mit Leyna Bloom wurde zum ersten Mal eine Transfrau of Color für eine Hauptrolle gecastet.

Ulrike Schirm


Links: vimeo.com/ondemand/portauthority | salzgeber.de/club

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