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Kulturförderung aufgestockt - nicht jedoch für den Film

Stei­ge­rung des Gesamt­etats für Kultur und Medien um rund 17 Prozent.



Ende November erreichte uns eine Pres­se­mit­tei­lung der Staats­mi­nis­terin für Kultur, Monika Grütters. Über­ti­telt ist sie mit »Aner­ken­nung für den Wert der Kultur – Haushalt steht für die Verant­wor­tung des Bundes«. Und darin liest man von der löblichen Stei­ge­rung des Gesamt­etats für Kultur und Medien im Jahr 2017 auf rund 1,63 Milli­arden Euro, also um rund 17 Prozent. Seit dem Amts­an­tritt von Frau Grütters im Jahre 2013 stieg der Kulturetat sogar um 27,5 Prozent auf über 350 Millionen Euro. Der Deutsche Filmförderfonds (DFFF), den wir bereits vorgestern erwähnten, sank allerdings um 10 Millionen auf nur 50 Millionen Euro im gleichen Zeitraum.

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Der Etat für das Filmerbe stagniert ebenso wie die Filmförderung. Dennoch ist Monika Grütters an der Förderung der Filmbranche viel gelegen. Nur dass Sie die Kosten auf die Länder abwälzen will, die vor allem für die Archivierung des analogen Films mehr tun sollen. Die Digitalisierung eines analogen 35mm Films kostet rund 70.000 Euro. Wenn umfangreiche Restaurierungsarbeiten hinzukommen, können die Kosten aber auch deutlich höher ausfallen. Sorgen bereiten vor allem die leicht entflammbaren alten Cinefilme auf Nitrobasis, die teuer in Archivbunkern lagern und vor dem drohenden Verfall auf eine Wiederherstellung warten.

Zum Berliner Festival »Around the World in 14 Films« war der im Pariser Exil lebende 81-jährige georgische Filmemacher Otar Iosseliani extra angereist, um seinen Film "Winter Song" persönlich am 30. November vorzustellen. Das Werk erinnert ein wenig an alte Kinohighlights wie die subtilen Slapsticks von Jacques Tati. Zuvor hielt er eine bewegende, halbstündige Rede und beklagte den Verlust vieler großer Regisseure wie Ernst Lubitsch, Fritz Lang oder auch Federico Fellini aus der neueren Zeit, mit denen sich die heutigen Filmemacher nicht messen können. Erst jüngst ist der lange verschollen geglaubter Lubitsch Film "Als ich tot war", der vor gut 100 Jahren in Berlin spielt, in Slowenien wiederentdeckt worden. Am 29. Januar 2017, zum 125. Geburtstag des Regisseurs, plant das Kino Babylon eine Lubitsch-Retrospektive, zu der auch Lubitschs in den USA lebende Tochter Nicola als Gast erwartet wird. Das amerikanische Kino, das ständig auf kaum besser gemachte Neuverfilmungen setzt, um den Verleihern immer mehr Geld zu bescheren, verdammte Iosseliani, denn der Charme der Filmkunst ist durch die Digitalisierung längst im Massenkonsum untergegangen.


Von Frau Grütters liest man dagegen Sätze über »das Bekenntnis zu freien, unab­hän­gigen Medien«, die »zu den Funda­menten unseres Selbst­ver­s­tänd­nisses« gehörten, über die Etat­er­höhung als »Ausdruck dieser Aner­ken­nung für die meinungs­bil­denden Milieus als tragende Säulen unserer Demo­kratie.« Über »das gesamt­ge­sell­schaft­liche Bewusst­sein für den Wert der Kultur als Modus unseres Zusam­men­le­bens«. Man erfährt: »Für eine gute Zukunft brauchen wir nicht nur die nüchterne Ratio­na­lität der Politik, sondern auch die orien­tie­rende, den Diskurs struk­tu­rie­rende Kraft der Medien und die schöp­fe­ri­sche Kraft der Kultur und Künste

Dann listet Grütters zum x-ten Mal ihre Lieb­lings­themen auf: »Neubau eines Museums für die Kunst des 20. Jahr­hun­derts«, »Stiftung Deutsches Zentrum Kultur­gut­ver­luste«, »Prove­ni­en­z­re­cherche und -forschung«, »NS-Raubkunst«, »Bauhaus­ju­biläum«, »Denk­mal­schutz«, »Humboldt Forum«, »Barenboim-Said-Akademie«, »Deutsche Buch­hand­lungs­preis«, »Thea­ter­preis«, usw, usf.

Kulturstiftung verteilt Millionen.
Man liest und liest. Die Millionen purzeln, hier über 70, da mehr als 76 Millionen Euro und sehr vieles davon findet übrigens in Berlin statt. Nur von einem liest man fast nichts, von der eigent­li­chen Haupt­zu­stän­dig­keit der Staats­mi­nis­terin, dem Kinofilm. Sie ist nämlich nicht Minis­terin für Denk­mal­schutz und Literatur, sondern für den Film. Die Film­för­de­rung aber wird im Text nur ganz am Rande erwähnt, was Grütters Prio­ritäten recht gut kenn­zeichnet, so der Deutsche Kulturrat.

Stattdessen können die von der Kulturstiftung des Bundes geförderten "Leuchtturmprojekte" bis 2022 sicher mit finanzieller Unterstützung von insgesamt 41,5 Mio.Euro rechnen. Spitzenreiter mit künftig 1,9 Millionen Euro jährlich ist das Theatertreffen, das jedes Jahr die deutschlandweit bemerkenswertesten Inszenierungen nach Berlin lädt. Die documenta erhält bis 2022 eine Förderung von insgesamt 4,5 Millionen Euro, für die Donaueschinger Musiktage gibt es 252.000 Euro im Jahr. Mehr Geld muss auch für die Museumsinsel eingeplant werden, nachdem unerwartete Schwierigkeiten beim Bau des unterirdischen Rundganges sich auftaten. Die geplante Einheitswippe vor dem Humboldt-Forum war wegen unwägbarer technischer Schwierigkeiten bereits gecancelt worden, was besonders die Skateboarder ärgern wird, die auf einen neuen Spielplatz zum Rumtoben vor dem Berliner Stadtschloss gehofft hatten. Nun sollen die alten Kolonnaden vom Kleistpark samt Reiterdenkmal wieder zum Schloss geschafft werden. Die Kosten für die Sanierung des Sockels wären aber auch beim Aufbau der Wippe angefallen.

Film­för­de­rungs­ge­setz ein Flop.
"Das gesamte neue Film­för­de­rungs­ge­setz … ist kein großer Wurf, sondern im Grunde ein Flop." – so kriti­siert auch einer der geschick­testen und mutigsten deutschen Verleiher, Torsten Frehse, der Gründer und Geschäfts­führer des Berliner Film­ver­leihs »Neue Visionen«. "Sehr schwach und letzten Endes nicht konse­quent zu Ende gedacht", nennt Frehse die neuen Film­för­der­re­ge­lungen, die von Grütters persön­lich und fast noch mehr von ihrem überaus einfluss­rei­chen, von der fach­li­chen Schwäche der Minis­terin profi­tie­renden Amtschef Günter Winandts  verant­wortet werden.

Frehse benennt viele wunde Punkte: "Manche Filme werden doch nur deshalb noch halb­herzig in die Kinos bugsiert, weil das aufgrund von Förder­re­gu­la­rien so sein muss. Ganz egal, wie klar allen Betei­ligten ist, dass diese Werke besten­falls die Leinwände verstopfen. Das ist doch völlig gaga! Nicht umsonst tritt die AG Verleih", in der sich derzeit 36 unabhängige Filmverleih-Firmen zusammengeschlossen haben, "klar dafür ein, derartige gesetz­liche Start­ver­pflich­tungen abzu­schaffen."

In seinem saftig zu lesenden, mutigen Rund­um­schlag, den er auch nochmals anlässlich des Festivals »Around the World in 14 Films« in einer Diskussionsrunde wiederholte, kriti­siert Frehse neben der Filmflut auch Verleiher, die zu viel Ware in den Markt drücken und Kinos, die in ihrem Programm mehr auf Quantität denn Qualität setzen.

"Ich denke, es würde nicht schaden, sich als Kino­ma­cher ein wenig genauer anzusehen, wer hinter einem Film steht, wer ihn heraus­bringt und was er dafür tut. Das könnte schon so manche Fehl­ent­schei­dung vermeiden helfen." Die Schlüsselrolle spiele aber doch die Förderung. Am meiste kranke das neue FF-Gesetz daran, "dass am Status Quo nicht gerüttelt wird, dass es nicht gelungen ist, den einzelnen Betei­ligten mehr Verant­wor­tung abzu­ver­langen. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass das FFG erneut mit derar­tigen Schwächen verlän­gert wird. Es gab zahl­reiche kluge Vorschläge – und dass sich davon kaum etwas im Gesetz findet, ist schon beinahe peinlich", so Frehse.

Quellen: Deutscher Kulturrat | Tagesspiegel | Blickpunkt:Film

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