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Für grundsätzliches Umdenken bei der Filmförderung

Produzentenverbände beharkten sich gegenseitig und rangen dennoch weiter um gemeinsamen Erlöskorridor bei der Filmförderung auf Bundesebene.



Wie in der echten Politik geht es leider auch bei der Filmpolitik um Machtkämpfe. Man hat zwar immer gehofft, dass Kultur über den Dingen steht, aber wer Film als Wirtschaftsgut und nicht als Kulturgut ansieht, denkt wohl grundsätzlich anders. Kurz vor der Novellierung des Filmförderungsgesetztes (FFG), das am 1. Januar 2017 in Kraft treten soll, hatte die Produzentenallianz lautstark ins Horn geblasen und sich gegen den Verband Deutscher Filmproduzenten (VDFP) gestellt. Genutzt hat diese Positionierung wenig, denn der Deutsche Bundestag hatte am 10. November 2016 nach 2. und 3. Lesung den Entwurf für das neue Filmförderungsgesetz (FFG) ohne einschneidende Veränderungen beschlossen, das am 16. Dezember 2016 zur abschließenden Beschlussfassung in den Bundesrat geht.

Die Forderungen der Produzentenallianz, auf die wir weiter unten näher eingehen, wurden nicht nur von anderen Branchen mit Verwunderung zur Kenntnis genommen wurden, sie wurden auch im neuen FFG schlichtweg nicht berücksichtigt. Der große Wurf ist das neue FFG dennoch nicht geworden. Tatsächlich waren Anpassungen zur Einhaltung sozialer Mindeststandards die wichtigsten Änderungen. Vor dem Hintergrund entscheidender Umwälzungen in der Filmbranche, in denen das Streaming von Filmen durch internationale Anbieter wie Netflix und Amazon bisher kaum berücksichtigt wurde, steht die große Frage im Raum, wie das Kino junge Besucher zurückerobern kann.

Oftmals verstopfen zahlreiche in Deutschland geförderte Produktionen die Leinwände, bei denen schon im Vorfeld klar ist, dass sie kaum Zuschauer generieren werden. Die rein nach Drehbucheinreichungen geförderten Filme erweisen sich im Nachhinein oft als sperrig und nicht so gelungen wie erhofft. Für diese Filme wäre eine frühzeitigere TV- oder Video on Demand (VoD) -Verwertung meist die bessere Wahl, um nicht die Kinos durch leergebliebene Plätze womöglich in die Pleite schlittern zu lassen. Änderungen bzw. Kürzungen am Kinozeitfenster, wie Filmfirmen in den USA jetzt fordern, wären wahrscheinlich auch bei uns angebracht.



Im Ringen um Sitze im 2017 neu zu bildenden Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt (FFA) hatte die Produzentenallianz unlängst Zahlen präsentiert, die illustrieren sollten, wie sehr die wirtschaftliche Bedeutung der im Verband organisierten Kinoproduzenten jene des Verbands Deutscher Filmproduzenten (VDFP) überwiegt. Erwartungsgemäß lies der VDFP diese Positionierung nicht unwidersprochen.

Darin heißt es:
"Die Produzentenallianz versucht zu belegen, dass ihr aufgrund der Anzahl ihrer Kinofilmproduzenten drei Sitze zustünden, während nur ein Sitz für den Verband Deutscher Filmproduzenten ausreichend sein soll. Misslich dabei ist allerdings, dass nicht nur die vollzogenen Rechenspiele mathematisch zweifelhaft sind, sondern vor allem, dass die für den VDFP angeführten Zahlen nicht stimmen."

Die Tatsache, dass acht Großunternehmen aus der Produzentenallianz mit hochkommerziellen Filmen 80 Prozent des Umsatzes erwirtschafteten, rechtfertige nicht, dass die Stimme der "zahlenmäßigen Mehrheit der unabhängigen Produzenten gegenüber der Marktmacht unzulänglich im Verwaltungsrat der FFA vertreten" sei.

Unter anderem zähle der VDFP nicht, wie von der Allianz angeführt, nur 47 aktive Kinofilmproduzenten in seinen Reihen, sondern er vertrete ganze 71 Kinofilmproduzenten.

Besonders hervorgehoben wird vom VDFP noch ein weiterer Punkt: Denn das Rechenexempel des konkurrierenden Verbandes vernachlässige den kulturellen Beitrag des Kinofilms völlig. Kinofilm sei ebenso Wirtschafts- wie Kulturgut - und es seien vor allem die Produzenten des VDFP, die in den vergangenen Jahren das Ansehen des deutschen Films nachhaltig stärkten; national wie international. Als aktuelle Beispiele führt der Verband den Cannes-Erfolg "Toni Erdmann" und den Venedig-Wettbewerbsbeitrag "Die schönen Tage von Aranjuez" an - zudem gingen gleich zwei Filme von VDFP-Mitgliedern ins Rennen um eine Oscar-Nominierung. Neben "Toni Erdmann", der Deutschland vertritt, ist dies der in Cannes prämierte "Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki", der von One Two Films koproduziert wurde.

In Zahlen ausgedrückt, seien seit 2012 unter anderem 24 von VDFP-Mitgliedern (ko-)produzierte Filme in Cannes gelaufen, zehn davon im Wettbewerb. Zur Berlinale schafften es 36 Produktionen, davon elf in den Wettbewerb. Und beim Deutschen Filmpreis stünden im fraglichen Zeitraum 13 Nominierungen in der Kategorie Bester Film zu Buche - wobei sechs Mal die Goldene Lola gezückt wurde.

Abschließend betonte Arno Ortmair, Vorstandsvorsitzender des VDFP, dass es dem VDFP nicht um ein Kräftemessen gehe, sondern vielmehr darum, die zum Teil jungen, unabhängigen und überaus kreativen und inzwischen weit über die nationalen Grenzen hinaus agierenden Produzenten zu stärken. Der VDFP stehe für das Ziel, den deutschen Film zu erneuern. Dafür müssten alle Produzenten und ihre Verbände zusammenarbeiten - und dafür wiederum müssten sie auch in den wesentlichen Gremien gleichermaßen vertreten sein.

Die komplette Stellungnahme ist als PDF im Wortlaut nachzulesen unter:
content1.mediabiz.de/download/StellungnahmeZahlenvergleich.pdf



Produzenten rangen bis zum Schluss um Erlöskorridor.
Die Allianz Deutscher Produzenten Film & Fernsehen (Produzentenallianz) hatte bis zum Schluss folgende Forderung gestellt; nämlich die Einführung eines gesetzlichen Erlöskorridors für deutsche Kinofilme, der Produzenten vom ersten Euro an prozentual an Ticketeinnahmen beteiligen würde. Der Verband der Filmverleiher e.V. (VdF) versuchte dagegen die Einführung eines Erlöskorridors zu verhindern.

Der VdF-Kino hatte sich in der Vergangenheit mehrfach klar gegen die von ihm als "Zwangskorridor" titulierte Maßnahme ausgesprochen und berief sich dabei auch auf die Unterstützung "diverser Verwerterverbände" sowie der Expertenkommission bei der FFA, die Empfehlungen für die Novellierung gemacht hatte.

Im abschließenden FFG-Regierungsentwurf fand eine solche Regelung dann auch keinen Eingang. Laut Aussage von VdF-Geschäftsführer Johannes Klingsporn wäre von der Verfassungswidrigkeit einer solchen Maßnahme ausgegangen, die demnach eine unzulässige Beschränkung der Berufsfreiheit der Verleiher (Art. 12 I GG) bedeutet hätte.

Außerdem würde der Erlöskorridor, den man schon als "Zwangskorridor" titulierte, nicht zu einer Besserstellung der Produzenten führen, sondern ihnen ein höheres wirtschaftliches Risiko aufbürden sowie Anreize zur Produktion kleinerer Filme "zunichtemachen". Vor allem Verleihunternehmen mit geringer Finanzkraft wären bei solch einer Maßnahme in ihrer Existenz gefährdet und würden zwangsläufig bei Erhöhung ihres wirtschaftlichen Risikos eine geringere Bereitschaft zu Investitionen in das Marketing haben - oder generell auf den Verleih von Filmen mit geringem Zuschauerpotenzial verzichten. Die Erhöhung des Verleihrisikos wiege umso schwerer, als 67,2 Prozent aller deutschen Filme weniger als 20.000 Kinobesucher erreichen würden (Quelle: SPIO, Stand 2014).

Uli Aselmann, Sektionsvorstand Kino der Produzentenallianz beurteilt die Situation indes völlig anders - und schränkt in einem Schreiben bereits eingangs ein, dass von der Maßnahme nur rund 100 Filme pro Jahr betroffen seien. Möglicherweise sogar weniger als 50, würde man den Erlöskorridor auf Filme beschränken, die entweder Produktions- oder Verleihförderung der FFA erhalten. Demgegenüber stünde die Masse an insgesamt jährlich rund 230 deutschen Kinofilmen sowie mindestens 350 weiteren Produktionen aus anderen Ländern. Mit derartigen Regelungen wolle die Produzentenallianz nur legitime Ziele verfolgen, die im FFG eine "lange Tradition" haben wie z.B. die Sperrfristen.


In der Haushaltsdebatte des Deutschen Bundestages stand im September auch der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) der Beauftragten für Kultur und Medien auf der Tagesordnung, der als „Anreiz zur Stärkung der Filmproduktion in Deutschland“ gedacht ist. Für ihn sind wie in den vergangenen Jahren 50 Mio. Euro vorgesehen. Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) sind für die „Förderung der Filmwirtschaft“ 10 Mio. Euro eingestellt; dieser Posten ist als German Motion Pictures Fund (GMPF) bekannt und wurde 2016 eingeführt. Beide Maßnahmen sollen auch die Infrastruktur, die Auslastung, die Beschäftigung und die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandorts Deutschland stärken. Dazu sind sie wegen ihrer geringen Mittelausstattung – trotz der gesunkenen internationalen Nachfrage waren beide Fördertöpfe 2016 bereits kurz nach der Jahresmitte ausgeschöpft – aber nur sehr eingeschränkt geeignet. Daher fordert die Produzentenallianz ein grundsätzliches Umdenken bei der Filmförderung auf Bundesebene.

Wir müssen mit dem kleinteiligen Denken aufhören und uns endlich als die Wachstumsindustrie begreifen, die wir sind“, sagt Uli Aselmann, Vorsitzender der Produzentenallianz-Sektion Kino. „Der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) hat sich im Prinzip bewährt, aber mit seiner absolut unzureichenden Ausstattung und seinen praxisfremden Obergrenzen hat er weder die Kraft, Zig-Millionenprojekte à la ‚Star Wars‘ oder ‚Minions‘ nach Deutschland zu holen – die in Großbritannien und Frankreich realisiert wurden –, noch kann sich mit ihm das Potential des deutschen Films entfalten. Unsere Budgets sind in der Regel immer zu klein, um nachhaltig mit den Production Values zu konkurrieren, die internationale Produktionen im deutschen Filmmarkt aufbieten können.“

Außerdem müssen sich die deutschen Förderinstrumente auch für eine erleichterte Förderung von Visual Effects und Animationsproduktionen öffnen“, so Jan Bonath, Vorsitzender der Produzentenallianz-Sektion Animation. „Diese Zukunftstechnologien sind in Deutschland hoch entwickelt, wir haben dafür beste Ausbildungseinrichtungen und entsprechend hochqualifizierte Fachleute. Trotzdem droht uns, dass wir den internationalen Anschluss verlieren, weil die Bundes-Förderungen diesen kreativen High-Tech-Bereich noch viel zu wenig im Blick haben.“


Auch Dienstleister plädieren für Umdenken in Förderfragen.
Auch der Verband Technischer Betriebe für Film und Fernsehen e.V. (VTFF) unterstützt die Forderung der Produzentenallianz, dass ein konkurrenzfähiges Anreizsystem geschaffen werden muss.

"Der Produktionsstandort Deutschland muss nachlegen wenn man im internationalen Wettbewerb nicht noch weiter abgehängt werden will, als dies ohnehin schon geschehen ist," so Christine Grieb, Geschäftsführerin des VTFF. Deutschland jedenfalls sei als Produktionsstandort für große Filme "nicht sehr gefragt". Da man allerdings in einem globalen Wettbewerb stehe, werde man nahezu täglich damit konfrontiert, "dass andere Länder schneller, mutiger und konsequenter sind mit ihren Förderprogrammen. Dieser Tatsache müssen sich alle stellen - auch die Politik in ihren Überlegungen für die nächsten Jahre."

Als Folge fielen sowohl die traditionelle als auch die innovative filmtechnische Infrastruktur im internationalen Vergleich zurück. So seien es nicht nur die großen Studios, die schon bessere Zeiten gesehen hätten. Sämtliche damit verbundenen Gewerke und nicht zuletzt digitale Filmarbeiten wie Animation, Visuelle Effekte und Postproduktion litten unter der Situation. Denn nicht nur ausländische Filmprojekte würden sich lukrativere Standorte suchen, "auch nationale Produktionen nutzen die besseren Bedingungen anderer Länder", so der VTFF.

Alexander Thies, Vorsitzender der Produzentenallianz erläutert: „Wir haben eine hervorragende Infrastruktur und exzellent ausgebildete und motivierte Filmschaffende in allen Gewerken. Im internationalen Standort-Wettbewerb sind wir aber längst von Ländern abgehängt, in denen teilweise ein Vielfaches an Produktionsanreizen zu Verfügung steht. Diese Länder setzen um, was auch bei uns längst bekannt ist: Machtvolle und gut ausgestattete Fördermodell sind Jobmotoren und Innovationsmaschinen – und sie bringen der Staatskasse schon kurzfristig mehr Einnahmen, als sie den Steuerzahler kosten. Wir brauchen auch in Deutschland eine konsistente Förderung für die hochwertige nationale und internationale Film-und Fernsehproduktion und für die damit verbundenen Zukunftstechnologien Animation und Visual Effects. Und wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass diese Förderung mit erheblichen Mitteln ausgestattet sein muss, die eine andere Dimension als die bisherigen Förderinstrumentarien haben, um den Produktionsstandort Deutschland zu erhalten, seine Beschäftigten und so seine Zukunftsfähigkeit entfalten zu können.“


SPIO fordert Stärkung des Produktionsstandorts Deutschland.
Die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) unterstützt die Forderung ihrer Mitgliedsverbände Produzentenallianz und Verband technischer Betriebe für Film & Fernsehen (VTFF) nach einem grundsätzlichen Umdenken in der bundesweiten Filmförderung. Um im internationalen Wettbewerb nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten, sei die finanzielle Ausstattung von DFFF und German Motion Picture Fund (GMPF) derzeit nach Ansicht von Produzentenallianz und VTFF nicht ausreichend.

In einem Beitrag für "Politik & Kultur", die Zeitung des Deutschen Kulturrats, hatte SPIO-Präsident Alfred Holighaus unlängst ebenfalls beklagt, dass die zu geringe Ausstattung des DFFF "die Attraktivität der Location Germany leiden lässt. Deutschland hat ein großartiges und vielfältiges Angebot in seiner filmwirtschaftlichen Infrastruktur. Mit der von den Verbänden geforderten Verstärkung automatischer Förderinstrumente wie DFFF und GMPF ließe sich auch die entsprechende Nachfrage wieder ankurbeln. Deshalb begrüße ich die Initiativen unserer Mitgliedsverbände Produzentenallianz und VTFF ausdrücklich."

Inzwischen haben nicht nur alle europäischen Länder um uns herum die Bedeutung der Bewegtbildproduktion als Wachstumsindustrie in der digitalen Medienlandschaft erkannt und drastisch nachgelegt. Nur Deutschland kleckert weiter mit den wenigen Millionen, die der Finanzminister der Filmförderung auf Bundesebene zugesteht. Dabei würde das Staatssäckel selbst umgehend von den ausgereichten Geldern profitieren. Deutlich mehr Fördermittel oder spürbare Steuernachlässe würden im Gegenzug ein Mehr an Steuereinnahmen generieren, wenn Großproduktionen wie etwa "Homeland" auf Monate in Berlin drehen. Sie sorgen nicht nur für mehr Beschäftigung und Aufträge in der Kreativwirtschaft. Sie sichern gleichzeitig einen gleichbleibend hohen Standard des technischen Knowhows aller an den Produktionen Beteiligten, von dem auch deutsche Filmvorhaben profitieren.

Seitdem dem DFFF wegen seiner geringen finanziellen Ausstattung die Luft immer früher im Jahr ausgeht, haben die großen Studios und ausländischen Independents Deutschland endgültig von der Landkarte ihrer internationalen Produktionsstandorte gestrichen. Sie gehen lieber nach London oder Paris oder eben New South Wales. Die Stimmen aus der Branche werden lauter, die einen Paradigmenwechsel fordern. Die große Haushaltsdebatte hatte dagegen nichts dergleichen vorgesehen. Weder das BKM noch das Wirtschaftsministerium machen sich stark für den Standort, der in einem entscheidenden Wachstumsfeld ins Hintertreffen zu geraten droht. Es herrscht dringender Handlungsbedarf, und niemand fühlt sich zuständig. Keine guten Aussichten auf schnelle Besserung!

Quellen: Blickpunkt:Film | Deutscher Kulturrat

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