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Neue Filmkritiken zu Kinostarts im September 2019, Teil 3

Kino-Tour mit "DAS INNERE LEUCHTEN" zum Welt-Alzheimertag am 21. September 2019.

Seit 1994 macht der Welt-Alzheimertag auf die Situation von demenzleidenden Menschen und die ihrer Angehörigen aufmerksam. Diese besonderen Lebensumstände porträtiert der eindringliche Dokumentarfilm "DAS INNERE LEUCHTEN" von Regisseur Stefan Sick, der zum diesjährigen Welt-Alzheimertag am 21. September 2019 bundesweit in Sondervorstellungen in die Kinos kommt. Der Film feierte auf der Berlinale 2019 in der Sektion Perspektive Deutsches Kino Weltpremiere.

"DAS INNERE LEUCHTEN" Dokumentarfilm von Stefan Sick (Deutschland, 95 Minuten). Produktion: AMA FILM & SWR für die Reihe „Junger Dokumentarfilm" in Zusammenarbeit mit der MFG Filmförderung Baden-Württemberg, Redaktion: Grimme-Preisträger Marcus Vetter. Mitwirkende: Manfred Volz, Heljo Hauck, Wolfgang Hölz, Roland Kuhn, Claus Gerstenmeier, Annerose Schatter, Helga Arzt, Gerhard Schumacher, Prof. Ulrich Behrens. Ab 19.09.2019 deutschlandweit in ausgesuchten Kinos.

Hier der Trailer:

In Deutschland finden jedes Jahr am Welt-Alzheimertag zahlreiche Veranstaltungen, darunter Tagungen, Vorträge oder Benefizkonzerte statt, um auf die Erkrankung aufmerksam zu machen und dafür zu sensibilisieren. Hier reiht sich "DAS INNERE LEUCHTEN" ein, denn der Film erforscht einfühlsam den Lebensalltag von Menschen mit Demenz in einer Pflegeeinrichtung. Unkommentiert, jedoch mit großer Wertschätzung bringt der Film den Zuschauern auf eine ganz besondere Art die Momente näher, die die Langsamkeit, die Traurigkeit und auch die Schönheit des Lebens mit Demenz ausmachen.

Der Regisseur Stefan Sick sagt über seine Beweggründe: „Für Außenstehende ist es oft nur schwer nachvollziehbar, warum sich Menschen mit Demenz so verhalten, wie sie es tun. Man wird herausgefordert, sich auf den anderen Menschen einzulassen, seine Lebensrealität anzuerkennen und zu akzeptieren. Als ich zum ersten Mal das Pflegeheim betrat, eröffnete sich vor mir eine Welt, der ich mich nicht entziehen konnte. Ein Bewohner nahm mich direkt an der Hand und zerrte mich durch die Gänge, was er mir sagen wollte war mir nicht verständlich. Ich sah nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich bleibe und lasse mich auf diese wundersame Welt ein oder ich versuche diesen Ort möglichst schnell wieder zu verlassen. Ich entschied mich zu bleiben.“

Der Film will Offenheit und Akzeptanz schaffen und auch Ängste abbauen. Damit steht der Dokumentarfilm ganz unter dem Zeichen des diesjährigen Mottos des Welt-Alzheimertages „Demenz. Einander offen begegnen“.

Elisabeths Filmkritik:

Ein älterer Mann sitzt uns gegenüber. Er summt und dirigiert mit den Händen. Sein Blick ist nach innen gewandt. Irgendwann schließen sich die Augen, die Hände werden müde, verschließen sich und sinken auf seinen Schoß. Dieser ältere Herr, Manfred Volz heißt er, lebt in einem Pflegeheim für Demenzkranke. Er summt den lieben langen Tag, findet die Töne hier und da. Man fragt sich, wer er wohl mal gewesen sein mag. Es spielt keine Rolle. Hier gibt es nur das Hier und Jetzt, den Moment. Die Vergangenheit ist vergangen, die Zukunft existiert nicht.

Stefan Sick hat bisher als Kameramann gearbeitet. Mit Nicole Vögeles "Nebel" war er sogar schon in der Sektion Perspektive Deutsches Kino vertreten (2014). In seinem Regiedebüt, das nun ebenfalls in der Perspektive vorgestellt worden war, dieses Jahr, wählte der ehemalige Student der Filmakademie Baden Württemberg das Thema Demenz. Ein Thema, vor dem viele Menschen Angst haben. Behutsam führt Sick, der hier selbst für die Kamera verantwortlich zeichnet, uns in diese Einrichtung hinein. Er nimmt das gemächliche Tempo der Insassen an und findet die guten Momente (die argen blendet er willentlich aus), die dem Publikum ein Leben mit dieser Krankheit vermitteln. Dabei soll nicht der Alltag als Ablauf in einer Einrichtung nahe gebracht, sondern ein versöhnlicher Umgang mit dieser ermöglicht werden.

So findet Sick den Ausgleich, er strebt sich an als Übersetzung innerer Welten, er zeigt Bilder der Natur, auf dass man verstehe, wie alles eins ist. Sicks Blick ist liebe- und rücksichtsvoll. Gegenüber PatientInnen, Angehörigen und PflegerInnen. Mit einem klaren Bildaufbau fokussiert er unseren Blick auf den Menschen vor uns. Und lässt diesen aus dem Innern heraus leuchten.

Elisabeth Nagy

Die Premiere von "DAS INNERE LEUCHTEN" findet am 18. September 2019 in Ludwigsburg statt. Zudem wird am selben Tag eine Preview in Zell am Main gezeigt. Im Anschluss an die Vorführungen finden Filmgespräche mit Beteiligten des Films und/oder Expert*innen statt. Eine komplette Liste aller bundesweiten, aktuellen Vorführtermine gibt es unter:

Link: www.dasinnereleuchten-film.de

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"MEIN LEBEN MIT AMANDA": Zärtlich erzähltes Drama über Trauer und Verlust von Mikhaël Hers (Frankreich). Mit Vincent Lacoste, Isaure Multrier, Stacy Martin u.a. seit 12. September 2019 im Kino.

Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Es ist Sommer in Paris. Der 24-jährige David (Vincent Lacoste) führt ein unbeschwertes Leben. Ab und zu vermittelt er Zimmer an Touristen, arbeitet als Landschaftsgärtner, ist in seine neue Nachbarin Léna verliebt und wenn er Lust und Laune hat, schaut er bei seiner Schwester Sandrine und ihrer Tochter Amanda (Isaure Multrier) vorbei. Sein unbekümmertes Leben nimmt ein jähes Ende, als Sandrine bei einem Terroranschlag zu Tode kommt und auch Léna schwer verletzt wird.

Da es keine weiteren Verwandten gibt, steht David plötzlich vor der Frage, ob er die Herausforderung seine 7-jährige Nichte Amanda aufzuziehen, annimmt und ob er dieser Verantwortung überhaupt gewachsen ist. David, der selber noch ein grosses Kind ist, muss auf einmal für ein kleines Kind sorgen. Er ist es, der Amanda mitteilen muss, dass ihre Mutter plötzlich gestorben ist.

Wir Zuschauer begleiten die beiden auf dem schwierigen Weg, sich gegenseitig zu helfen, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Dabei scheint Amanda ihm eine bessere Stütze zu sein, als er ihr. Kurz nach dem Anschlag, schien die Zeit still zu stehen. Die Menschen waren wie betäubt. Langsam kehrte das Leben mit seiner Normalität zurück. Doch für David und Amanda gibt es immer wieder Momente, in denen sie von ihrer Trauer überrannt werden.

Regisseur Mikhaël Hers zeigt auf wunderbar feinfühlige Weise zwei Menschen die von starker Trauer betroffen sind aber nicht in dieser Emotion stecken bleiben. „Ein Mensch in Trauer durchlebt unterschiedliche Gefühle, und diese Komplexität wollte ich einfangen. Das Schwanken zwischen traurigen und weniger traurigen, kleinen und großen Glücksgefühlen“.

Mit beeindruckender erzählerischer Leichtigkeit beschreibt Hers wie fragil und zerbrechlich das Leben ist und das trotz aller Tragik, sich das Leben um einen herum weiter dreht.

Ganz großartig ist die kleine Isaure Multrier, die zuvor noch nie geschauspielert hat. Ein Naturtalent!. Auch Vincent Lacoste, Shooting-Star des jungen französischen Kinos spielt umwerfend facettenreich. Beide zusammen treffen mitten ins Herz des Zuschauers. Einer der liebenswertesten Filme in diesem Jahr.

Ulrike Schirm

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"IDIOTEN DER FAMILIE" Drama von Michael Klier (Deutschland). Mit Lilith Stangenberg, Jördis Triebel, Hanno Koffler u.a. seit 12. September 2019 im Kino.

Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Acht Jahre hat sich Heli (Jördis Triebel) alleine um ihre geistig behinderte Schwester Ginnie (Lilith Stangenberg) gekümmert. Nun möchte Heli heiraten und sich endlich wieder ihrer Malerei widmen. Aber Ginnie muss dafür in ein Heim. Selbstverständlich in ein gutes, dass Heli auch schon gefunden hat. Die drei Brüder, Frederick, Bruno und Tommie haben das Elternhaus schon vor Jahren verlassen.

„Die Brüder kommen“ ruft Heli hinaus in den Garten, in dem sich Ginnie versteckt hält. Offensichtlich kein Grund zur Freude. Von den dreien hat sie nicht viel zu erwarten. Frederick (Kai Schever) ist angeödet von seiner Ehe und seiner Karriere, Bruno (Florian Stetter) will nach Afrika aufbrechen, um an einem Hilfsprojekt teilzunehmen und Tommie Hanno Koffler ist ein Träumer.

Irgendwie hadern alle drei mit ihrer eigenen Existenz. Sie sind gekommen, um mit Ginnie, die am nächsten Tag abgeholt werden soll, noch einen gemeinsamen Tag zu verbringen und so etwas wie Normalität herzustellen. Schnell wird klar, wer in diesem Kammerspiel, in einem Haus am Rande von Berlin, die wirklichen Idioten sind.

Ginnie, ausgestattet mit einem feinen Gespür, erkennt schnell, dass die plötzliche Zuwendung der drei, nicht auf wahren Gefühlen beruht, sondern nur ein Ausdruck ihres schlechten Gewissens ist. Sie wehrt sich, in dem sie sich „schlecht“ benimmt. Eigentlich müsste man Mitleid mit diesen verkorksten Egozentrikern haben. Doch das passiert nicht, denn das konfliktreiche und interessante Thema ist leider ziemlich blutleer inszeniert. Auch die subtilen sexuellen Annäherungen an die Schwester, hinterlassen einen ärgerlichen Beigeschmack. Eine Spur eines familiären Zusammenhalts sucht man vergebens. Jeder des Ensembles spielt für sich allein. Die einzige Person, die weiß, was sie will und was sie nicht will, ist Ginnie.

Ulrike Schirm

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"SYSTEMSPRENGER" Drama von Nora Fingscheidt (Deutschland). Mit Helena Zengel, Albrecht Abraham Schuch, Gabriela Maria Schmeide u.a. ab 19. September 2019 im Kino. Der Film feierte im Februar bei der 69. Berlinale 2019 seine Weltpremiere.

Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Die neunjährige Benni ist schwer zu ertragen. Eigentlich heißt sie Bernadette, doch wehe einer nennt sie so. Sie weigert sich zur Schule zu gehen, hat unkontrollierte Wutausbrüche, schreit und spuckt und schlägt wild um sich. Überall wo man sich ihrer angenommen hat, fliegt sie wieder raus.Das äußerlich zarte Mädchen gehört zu den Kindern und Jugendlichen die man bei der Jugendfürsoge „Systemsprenger“ nennt.

Nach und nach erfährt man bruchstückhaft den Hintergrund ihres Verhaltens. Fasst ihr jemand ins Gesicht, rastet sie aus. Wahrscheinlich wurden ihr als Baby nasse Windeln ins Gesicht gedrückt.

Eigentlich will sie nichts weiter, als wieder bei ihrer Mutter Bianca sein. Doch die hat nicht nur Angst vor ihr, sondern ist mit ihren beiden weiteren Kindern total überfordert. Hinzu kommt, dass sie wieder mit ihrem gewalttätigen Freund zusammen ist. Ab und zu taucht sie auf, gibt Versprechen ab, die sie dann doch nicht einhält, was bei dem zutiefst enttäuschten Kind die Wut nur noch stärker schürt.

In den Pflegefamilien und bei der Jugendhilfe sind alle redlich bemüht Benni zu helfen, doch auch sie wissen alle nicht mehr weiter. Zu oft hat das seelisch erschütterte Kind Orte und Bezugspersonen gewechselt. Benni hat es aufgegeben sich die Namen ihrer Erzieherinnen zu merken. Wenn sie etwas von ihnen will, brüllt sie einfach nur noch „Erzieher“.

Doch Frau Bafané vom Jugendamt, die Benni besonders in ihr Herz geschlossen hat, wagt noch einen Versuch. Bevor Benni in der Kinder-Psychiatrie landet, bittet sie Micha, einen Anti-Gewalt-Trainer für straffällig gewordene Jugendliche um Hilfe. Er nimmt das Mädchen für drei Wochen mit in eine Hütte mitten im Wald. Es gibt keinen Strom und kein Wasser. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, gewinnt Benni Vertrauen zu ihm. Die gemeinsamen Erlebnisse mitten in der Natur scheinen dem Kind gut zu tun. Zurück in der Zivilisation bittet und bettelt Benni, bei ihm und seiner Familie bleiben zu dürfen. Doch diese Bitte sprengt seinen professionellen Rahmen.

Sich dieses hochemotionale Drama anzusehen, ist nicht einfach.

Nora Fingscheidt, die auch das Drehbuch schrieb, hat diesen Film gemacht, um Verständnis und Mitgefühl für Kinder wie Benni zu wecken. Diese sogenannten „Systemsprenger“ sind Kinder mit einer unglaublichen Kraft und Ausdauer. Mit einer enormen Energie bringen sie pädagogisch ausgebildete Erwachsene an den Rand der Verzweiflung. Wie im Fall von Benni, sind es tragische Figuren, die Furchtbares erlebt haben und durch sämtliche Raster der Jugendfürsorge fallen. Dabei ist ihre Rebellion der unerbittliche Schrei nach Liebe und Geborgenheit. Gewalt von Kindern ist immer ein Hilfeschrei. Und wer davor die Augen verschließt, macht sich mitschuldig.

Mit Helena Zengel hat Nora Fingscheidt eine unglaublich talentierte Hauptdarstellerin gefunden. Es ist unfassbar, wie dieses zarte Mädchen die Verletzlichkeit des rebellierenden Kindes spürbar macht. Fingscheidts Spielfilm-Debüt wurde auf der Berlinale ausgezeichnet und ist für den ausländischen Oscar eingereicht worden.

Ulrike Schirm

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