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Nachwuchsförderung und Filmkritiken im Oktober 2019, Teil 3

Nachwuchsförderung - Leuchtstoffe für den trüben Herbst.



Seit sechs Jahren gibt der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) mit seiner Reihe »Debüt im rbb« dem Filmnachwuchs eine regelmäßige Plattform, um Kinofilme aus der Region zu unterstützen. Im Oktober 2019 startete die zwölfte Staffel im Fernsehen, die erstmals ausschließlich Filme von Regisseurinnen zeigt. Die Produktionen werden jeweils Donnerstags um 23:59 Uhr ausgestrahlt.

Den Auftakt machte am 10. Oktober 20019 die Leuchtstoff-Produktion "Mängelexemplar" von Laura Lackmann. Die Absolventin der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) erzählt in der Verfilmung von Sarah Kuttners gleichnamigem Bestsellerroman über den Riss, der sich plötzlich durch das eigene Leben ziehen kann. Laura Tonke erhielt für ihre Leistung den Deutschen Filmpreis für die "Beste weibliche Nebenrolle".

Ebenfalls an der DFFB studierte die in Moldawien geborene Regisseurin Ana-Felicia Scutelnicu. In ihrem Leuchtstoff-Film "Anishoara" schildert sie auf beeindruckende Weise anhand der vier Jahreszeiten das Erwachsenwerden ihrer jungen Protagonistin. Der Film ist bis zum 25. Oktober 2019 noch in der RBB-Mediathek abrufbar.

Am 24. Oktober 2019 folgt "Dinky Sinky" von Mareille Klein, die an der HFF in München studiert hat. Sie erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich ein Kind wünscht. Doch ihre Sehnsucht erfüllt sich nicht – und dann läuft auch noch der Mann davon.

Die diesjährige Herbststaffel endet am 31. Dezember 2019 mit "Axolotl Overkill", dem Langfilmdebüt von Helene Hegemann. Sie verfilmte dabei ihren eigenen Debütroman. Ihre Protagonistin, die 16-jährige Mifti, ist wild, traurig, vernünftig und verliebt. Die Erwachsenen, auf die sie trifft, sind nur eins: verzweifelt. Also muss Mifti selbst erwachsen werden, auf die eine oder andere Art.

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Aktuell im Kino zu sehen ist dagegen der preisgekrönte Dokumentarfilm "Born in Evin" von Maryam Zaree. Der Film wurde auf der 69. Berlinale 2019 mit dem Kompass-Perspektive-Preis in der Reihe Perspektive Deutsches Kino ausgezeichnet und wurde zudem am 12. September 2019 Gewinner des Bayerischen »Fünf Seen Filmfestivals« (fsff) in der Sektion Dokumentarfilm.

"BORN IN EVEN" Dokumentation von Maryam Zaree (Deutschland). Seit 17. Oktober 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Elisabeths Filmkritik:

Maryam Zaree war zwei Jahre alt, als ihre Mutter mit ihr in die Bundesrepublik Deutschland kam. Ihr Vater konnte sie nicht begleiten. Beide Elternteile waren in Maryam Zarees Heimat (Iran) im Gefängnis gewesen. Sie hatten sich gegen den Shah aufgelehnt, und auch gegen das Regime Ayatollah Khomeinis. Maryam erfuhr eher zufällig, durch eine unbedachte Äußerung ihrer Tante, die in Frankreich lebt, dass auch sie im Gefängnis war. Sie wurde in einem Gefängnis für politische Gefangene geboren. 40 bis 60 Insassen hatte eine Zelle. Eine Freundin der Mutter, die ebenfalls in dem Gefängnis war, berichtete ihr, dass alle Anwesenden sie mit Liebe in dieses Leben begrüßt haben.

Den Film "Born in Evin" betrachtet Maryam, die heute Schauspielerin und Autorin ist ("Shahada", "4 Blocks"), als ihr Lebenswerk. Das Schweigen über Erlebtes belastet nicht nur Einzelne, sondern die Nachgeborenen und die Gesellschaft als solche. Ihre Mutter, Nargess Eskandari-Grünberg, ist promovierte Psychologin. Ihr Stiefvater, Kurt Grünberg, ist ebenfalls Psychoanalytiker, der sich mit den Spätfolgen der nationalsozialistischen Judenvernichtung beschäftigt.

Durch diesen biografischer Hintergrund wurde Zaree sicherlich sensibilisiert, aber das heißt nicht, dass das Sprechen und Aufarbeiten einfacher wäre. Da ihre Mutter schwieg, suchte sie andere, um etwas über das Schicksal und die Umstände zu erfahren, die ihrer Generation mit in die kalte Wiege gelegt worden war. Auch wollte Zaree zwar einen Film über die Kinder von Evin drehen, aber sich selbst zuerst ganz raus nehmen. Aber wer andere zum Sprechen bewegen möchte, muss auch selbst geben und so tritt Maryam Zaree doch vor die Kamera. Über Jahre suchte sie nach Kindern, die wie sie in Gefangenschaft geboren wurden. Sie reiste bis nach Kalifornien, um jemanden zu finden, der mit ihr sprach. Die Generation der Kinder schweigt, so wie die Eltern. Auch, das ist gar nicht als Vorwurf gemeint, weil es schmerzhaft ist und auch weil einem die Worte fehlen. Für sie ist die Zeit ein dunkles Loch, aus der keine Erinnerung herausgelangt. Fast. Wie sehr ein Trauma nachwirkt und jeden Einzelnen und auch die Gesellschaft prägt, um dann, unerwartet doch bemerkbar zu machen, ist Teil dieser Geschichte. Doch hier sollte die Erzählerin selbst sprechen.

Elisabeth Nagy


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"AFTER THE WEDDING" Drama von Bart Freundlich (USA). Mit Michelle Williams, Julianne Moore, Billy Crudup u.a. seit 17. Oktober 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Bart Freundlich, der Ehemann von Julianne Moore, wagte sich an das dänisch-schwedische Drama "NACH DER HOCHZEIT" von Susanne Biehl (2006) heran, das damals einen Auslands-Oscar bekam. Bei Biel spielte Mads Mikkelsen den Leiter eines indischen Waisenhauses und Rolf Lassgard einen steinreichen Spender, der eventuell bereit ist, das bankrotte Haus zu retten.

Bei Freundlich sind es die Amerikanerin Isabel (Michelle Williams), Mitbegründerin eines Waisenhauses in Kalkutta, die nach New York fliegt, wo die reiche Unternehmerin Theresa Young, eventuell eine Millionenspende bereit hält, unter der Prämisse, das Isabel persönlich in den Big Apple kommt.

„Ich komme mit einem großen Koffer voller Geld zurück!“, ruft Isabel den Waisenkindern zu, bevor sie sich auf den Weg nach New York macht.

Es erfüllt sie mit Unbehagen, als sie das Luxushotel betritt, indem sie untergebracht ist. Sofort fällt ihr ein, was man mit dem Geld, Sinnvolles tun könnte. Bevor sie zu dem Kern ihrer Reise kommen, ist Theresa erst einmal mit Hochzeitsvorbereitungen ihrer Tochter Grace beschäftigt. Die Hochzeit soll am nächsten Tag stattfinden. Kurzerhand lädt sie Isabel zur Hochzeit ein. Isabel, die ein einfaches Leben gewohnt ist, fühlt sich sichtbar unwohl in dieser, für sie, verschwenderischen Luxuswelt. Als sie auf der Hochzeit auch noch ihren Ex-Freund Oscar (Billy Crudup), der mit Theresa verheiratet ist, wieder sieht, ahnt sie, dass diese Begegnung kein Zufall ist. Sie wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Außerdem soll sie das Geld nur bekommen, wenn sie in New York bleibt.

Das US-Remake „After the Wedding“ ist für sich allein genommen ein durchaus sehenswerter Film. Schon allein, wegen seiner tollen Besetzung. Biel hingegen, hat die Geschichte damals besser erzählt. Das liegt an den männlichen Hauptdarstellern, die dem entscheidenden Twist eine stärkere Emotionalität und auch Glaubwürdigkeit verleihen.

Ulrike Schirm


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"PARASITE" Sozialkritischer Thriller von Joon-ho Bong (Südkorea). Gewinner der diesjährigen Goldenen Palme in Cannes. Mit Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam u.a. seit 17. Oktober 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Familie Kim, Vater, Mutter und zwei erwachsene Kinder, hausen in einer miesen Souterrain-Wohnung in der Unterstadt. Sie ist feucht und klamm und Wanzen huschen hin und her. Ein bisschen Geld verdienen sie, mit dem Zusammenfalten von Pizzakartons. Die Kamera verfolgt den jungen Ki-woo, wie er verzweifelt sein Handy hoch hält, auf der Suche nach dem Empfangsnetz der Nachbarn. Neben der erhöht gebauten Toilette klappt es endlich. Das die Toilette höher liegt, als die Räume, hat auch einen Grund. Bei starken Regenfällen, kann es passieren, dass sie überläuft.

Die tragische Existenz der Familie ändert sich, als ein Freund von Ki-woo (Choi Wooshik) auftaucht und ihm anbietet seinen Job als Englischlehrer bei einer reichen Familie zu übernehmen, da er für ein Jahr ins Ausland geht. Ki-woo's anfängliches Zögern, dämpft er mit den Worten: „Du schaffst das schon. Die Mutter des Mädchens, dem du Nachhilfe geben sollst, ist ein einfaches Gemüt“. Flugs fälscht Ki-woos Schwester die nötigen Dokumente. Alles klappt wie am Schnürchen. Von nun an, geht Ki-woo bei der reichen Familie Park ein und aus. Die vierköpfige Familie lebt in einer supermodernen, luxuriösen Villa oberhalb der Stadt, natürlich mit dem nötigen Dienstpersonal.

Familie Kim ist zwar arm aber nicht doof. Gemeinsam schmieden sie einen äußerst raffinierten Plan, die Angestellten im Hause Park auszubooten und deren Platz einzunehmen. Der Vater als Chauffeur, die Schwester als Kunsttherapeutin für den kleinen Sohn und die Mutter als Hausangestellte. Ihre Familienzugehörigkeit vertuschen sie geschickt. Als der kleine Sohn feststellt, dass sie alle unangenehm riechen, droht die ganze Sache aufzufliegen. Geht aber gerade nochmal gut. Das falsche Spiel spitzt sich dramatisch zu, als sie in dem unterirdischen, perfekt getarnten Kellerräumen, den seit Jahren hausenden Ehemann der gefeuerten Haushälterin entdecken.

Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho, der für seinen Film „Parasite“ in diesem Jahr auf dem Cannes-Festival die Goldene Palme erhielt, ist einer der aufregendsten Genre-Regisseure des aktuellen Films.

"PARASITE" ist eine rabenschwarze Gesellschaftssatire. Schon in seinen früheren Filmen "The Host", "Snowpiercer" und seinem Kinderfilm "Okja" wird klar, dass er ein Herz für die Verdammten dieser Erde hat.

Besonders in diesem Film ist es ihm hoch anzurechnen, dass er das Verhalten der Familie Kim nicht ins Lächerliche zieht oder gar zynisch betrachtet. Auch macht er sich nicht über die Einfältigkeit der reichen Familie Park lustig.

Meisterlich beobachtet er in seiner doppelbödigen Satire die Klassenunterschiede zwischen Arm und Reich. Erschreckend aktuell. Bitterböse zeigt er auf, was der Kapitalismus aus uns macht.

Ulrike Schirm


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"ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK" Musical-Dramödie von Philipp Stölzl (Deutschland, Österreich). Mit Heike Makatsch, Moritz Bleibtreu, Katharina Thalbach u.a. seit 17. Oktober 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

„Ich war noch niemals in New York“ ist einer von vielen Hits von Schlagerstar Udo Jürgens. Er hätte bestimmt viel Freude an der quietschbunten, turbulenten Verfilmung des gleichnamigen Musicals, unter der Regie von Philipp Stölzl („Der Medicus“) gehabt.

Es beginnt mit dem Sturz der einsamen Maria (Katharina Thalbach), der Mutter von der erfolgsverwöhnten, zickigen TV-Moderatorin Lisa Wartberg (Heike Makatsch), deren Laune nicht die beste ist, da ihre Sendung sich in einem Quotentief befindet. Als Maria im Krankenhaus erwacht, kann sie sich an nichts erinnern, außer dass sie noch niemals in New York war.

Heimlich büxt sie aus und schmuggelt sich als blinde Passagierin an Bord eines luxuriösen Kreuzfahrtschiffes, mit dem Ziel New York. Gemeinsam mit ihrem Maskenbildner Fred (Michael Ostrowski) hetzt Lisa ihrer verwirrten Mutter hinterher, um sie zurückzuholen. Zu spät, das Schiff ist kurz vorm auslaufen. Der Kapitän drückt ein Auge zu und lässt die drei „blinden Passgiere“ an Bord. Tagsüber müssen sie arbeiten und übernachten müssen sie in den schäbigen Kabinen der Bediensteten unter Deck. Dort geht es nach Feierabend lustig zu. Gerne wird getanzt zu „Griechischer Wein“ und so manches Glas zu viel getrunken. Je länger sie an Bord sind, um so mehr vergessen sie die Zwänge und Sorgen ihres Alltags. Während der Überfahrt machen sie alte und neue Bekanntschaften, die ihr Leben verändern werden.

Lisa lernt Axel Staudach (Moritz Bleibtreu) und seinen Sohn Florian (Marlon Schramm) kennen. Dieser Axel ist überhaupt nicht ihr Typ, da sie auf Männer mit Glamour steht. Fred verliebt sich in den schwulen griechischen Bordzauberer Costa (Pasquale Aleardi) und Maria verknallt sich in den schrillen, gealterten Gigolo und Eintänzer Otto (Uwe Ochsenknecht), den sie schon aus ihrer Jugend kennt, sich aber wegen ihrer Amnesie, nicht erinnern kann.

Und da es ja ein Musical ist, darf hier jeder mit sichtlichem Spaß, in nostalgisch bunten Schiffskulissen und rot-orangefarbenen Sonnenuntergängen, singen und tanzen. Natürlich nach den Ohrwürmern von Udo Jürgens. Geschickt hat Stölzl die Liedtexte passend zu den einzelnen, zwischenmenschlichen Szenen ausgesucht und ab und zu den Text verändert. Das alle keine Gesangsstars sind, stört nicht, da Stölzl sie mit Augenzwinkern inszeniert hat. Hinter dem schrill bunten Spektakel verbirgt sich auch eine Ernsthaftigkeit, die durch Jürgens Liedtexte und den Geschichten seiner Protagonisten, bedingt ist.

Erfreulich ist, dass das schwule Paar nicht, wie leider sehr oft, überzogen tuntig, in Szene gesetzt wurde. Das Katharina Thalbach, geradeso am chargieren vorbeischrammt, ist auch erfreulich.

Ein überdrehtes Melodram, das für Entspannung sorgt. Darauf ein Glas griechischen Wein. Zum Wohl.

Ulrike Schirm


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Blu-ray Filmkritik und Verlosung:

"BEAST" Thriller von Michael Pearce (Großbritannien). Mit Jessie Buckley und Johnny Flynn u.a. ab 25. Oktober 2019 nur auf DVD und Blu-ray sowie als VoD bei MFA+ FilmDistribution erhältlich. Hier der Trailer:



Unsere Blu-ray Kritik:


Ein Mix aus Psychothriller und sinnlichem Liebesfilm beschreibt der Verleih das Video, das leider nicht mehr in die deutschen Kinos kommt, sondern nur über den Zweitverwertungsmarkt vertrieben wird.

Der bereits 2017 gedrehte Film "BEAST" feierte aber seine umjubelte Premiere auf dem Toronto International Filmfestival und begeisterte gleichermaßen das Publikum des Sundance Film Festivals sowie des London Film Festivals. Für uns war dies Grund genug, neugierig zu werden, denn Festivalfilme versprechen meist außergewöhnliche Spannung zu verbreiten, ohne dabei in den B-Movie-Charakter abzurutschen.

Und genauso war es. Schon vom Titel her wurden wir im Laufe der Story mehrfach auch eine falsche Fährte gelockt. Ein auf den ersten Blick ziemlich böse dreinschauender junger Mann, mit langem Vorstrafenregister als Wilderer, entpuppt sich jedoch bald als Schwerenöter, der die junge Moll begehrt.

Das junge Mädchen hat selbst einiges auf dem Kerbholz und lässt sich von dem Fremden gern verführen, denn als junger Teenager will man auch mal aufbegehren und nicht immer den elterlichen Ratschlägen im trauten Heim Folge leisten.

Erst als einige Morde die ländliche Gemeinschaft in Angst und Schrecken versetzen, kommen auch ihr Bedenken. Für ihre schauspielerische Leistung gewann Jessie Buckley einen BIFA für Most Promising Newcomer. Außerdem wurde BEAST bei den BAFTAs als Outstanding British Debut ausgezeichnet.

Dass aber nach der Aufklärung der Morde das Ende des Films noch lange nicht naht, hat uns dann doch etwas überrascht. Der Film bleibt weiterhin spannend, bekommt aber leider zum Schluss einen leichten Horror Touch, der uns weniger gefiel.

Gerne verlosen wir unser nur einmal angesehenes und bestens erhaltenes Rezensionsexemplar, um sich selbst von der Qualität des Filmes zu überzeugen. Die grandiosen Landschaftsaufnahmen kommen übrigens auf der brillanten Blu-ray-Qualität besonders zur Geltung.

W.F.

Anfragen bis zum 26.10.2019 an baf-berlin@web.de | Stichwort: BEAST.
Wie bei allen Verlosungen ist der Rechtsweg ausgeschlossen.



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