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Erste Filmkritiken aus der Generation-Sektion Kplus

Rezensionen zu STHALPURAN (Zeit und Raum) und GODDESS of the FIREFLIES. (Update)



"STHALPURAN" (Zeit und Raum)

Feature Film
Generation Kplus
Weltpremiere

Dighu (Neel Deshmukh) schläft angelehnt an die Metallstreben vor einem Zugfenster. Die Landschaft gleitet unter Rattern vorbei. Es ist Nacht, das Geräusch lullt ein, vereinzelte Lichter geben von der Zukunft nichts preis. Zusammen mit seiner etwas älteren Schwester und seiner Mutter zieht er zu den Großeltern aufs Land. Sein Vater hat die Familie verlassen. Der 8-jährige muss mit der neuen Umgebung, der Ungewissheit und damit einhergehend dem Verlust zurecht kommen.

Dighu achtet auf vieles. Das tosende Meer kann man in dem kleinen Küstendorf hören. In der Stadt, aus der er kam, kannte er das nicht. Morgen hüllt der Nebel die Landschaft ein. Ein Fluß murmelt, ein Regenschirm wird mitgeweht. Der Monsoon prasselt herunter. Das Gesicht des Vaters drohnt sich aus den Erinnerungen zu lösen. Die Natur fängt den Jungen auf. Der Weg zur Schule sei schöner als die Schule selbst, schreibt Dighu in sein Tagebuch. Kurze Sätze streut der Regisseur Akshay Indikar immer wieder ein. Tagebuchnotizen, die bezeugen, wie viel ein Kind von seiner Umgebung wahrnimmt, was es nicht versteht, was ihn beschäftigt. Den Kreislauf der Ereignisse begreift es noch nicht ganz.

"Zeit und Raum", zwar ein Film im Programm Generation Kplus, doch er richtet sich nicht so sehr an Kinder. Er erinnert an die besseren Terrence Malick-Filme und hat, obwohl Mutter Natur die Hauptrolle spielt, die Qualität eines Tagtraumes. Akshay Indikar ist eine Entdeckung. Feste Einstellungen wechseln sich mit langsamen Schwenken, so als würde die Kamera und die Zuschauer von außen auf diese kleine Familie von Großeltern, Mutter und einem Geschwisterpaar zuschauen, um dann mit den Augen des Jungen intensiv die Dinge bis in ihr Innerstes zu betrachten. Und auch die Tonspur verrät uns, was alles in der Umgebung vor sich geht. Dighu ist ein neugieriger Junge und Indikar ein neugieriger Regisseur, der Gefühle visuell erkundet und vermittelt. Mit ihm nehmen wir die Welt und besonders die Natur um uns wahr, hören dem Wasser zu und lassen uns mit ihm treiben.

Elisabeth Nagy


"Zeit und Raum"
Drama.
Indien 2020
Regie Akshay Indikar
Drehbuch Akshay Indikar, Tejashri Kamble
Bildgestaltung Jagadeesh Ravi
Montage Akshay Indikar
Szenenbild Tejashri Kamble
Kostüm Tejashri Kamble
Ton Sameer Adkonkar
Casting Tejashri Kamble

Termine:
Mi 26.02. 13:00 Zoo Palast 2
Do 27.02. 10:00 Urania
Fr 28.02. 11:00 Cubix 8
Sa 29.02. 09:30 Filmtheater am Friedrichshain

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"LA DÉESSE DES MOUCHES À FEU" (Goddess of the Fireflies)

Feature Film
Generation Kplus
Weltpremiere

Wasser schäumt, sprudelt, tropft und füllt fast die Leinwand. Als wären sie Gefühle. Catherine steht am Fenster. Schaut hinaus. Da draußen liegt ihre Zukunft. Und sie dreht sich um, zu ihren Eltern. Luftballons hängen im Zimmer. Es ist ihr 16. Geburtstag. Von ihrer Mutter bekommt sie einen tragbaren CD-Player. Damit verortet sich der Film direkt in die 90er. Und sie bekommt ein Buch, was in der Schule gerade alle lesen: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Die unbestimmte Zukunft wird für einen Moment mit einer wagen Ahnung eingeengt. "Drogen und Prostitution", der Vater sieht das Geschenk für seine precious daughter als Affront. Doch im nächsten Moment überreicht dieser ihr einen Scheck. Die Summe ist hoch und im Gesicht des Vaters sieht man die Genugtuung, die Mutter beschämt zu haben. Was folgt, ist ein Streit, der in Gewalt kippt. Catherine blickt traurig auf diese unmittelbare Zukunft, die Scheidung ihrer Eltern.

Kelly Depeault in ihrer ersten großen Filmrolle, verkörpert das Kind, das sie nicht mehr ist, die Unschuld, die noch spürbar ist, und die Verwandlung, die sich über den Film hinweg entwickeln wird mit unbestimmten Konsequenzen. Ihr Gesicht vermittelt noch beides: die Brave und die Rebellin und es ist klar, dass ihre Reise von einem Extrem ins andere verlaufen wird.

Ihre Eltern, Caroline Néron und Normand D'Amour spielen sie, streiten sich mit harten Bandagen. Ihre Tochter entgleitet ihnen dabei. Immer wieder halten sie inne, um der Tochter die Grenzen zu zeigen, sie zu behüten (im falschen Moment) und zu beschützen (wenn man es kaum kann). Aber ihr Kampf gegeneinander ist ihr eigener Kampf. Anaïs Barbeau-Lavalette (Le ring - 2006, Inch'Allah - 2012) zeigt ein ungeschminktes Coming-of-Age. Dabei handelt es sich um die Verfilmung eines Romans von Geneviève Pettersens Roman gleichen Titels von 2013 über eine Jugend in den 90ern. Das Buch der Christiane F spielte auch für die Autorin eine entscheidende Rolle. In ihrer Jugend hatte sie es verschlungen, auch wenn die Intention von Eltern meist war, die Jugendlichen mit dieser Biografie abzuschrecken.

Catherine sieht darin aber eine Möglichkeit. Die Verfilmung bleibt atmosphärisch und immer wieder erzählt das Drehbuch aus dem Inneren der Hauptfigur heraus. Romantische Momente bleiben dabei aus. Momente der Freude gibt es, aber das Erwachsenwerden ist ein Kampf. Freiheit von den Zwängen des Elternhauses, der Schule und den Zwängen der Gesellschaft, ist das Ziel. Catherine ist Teil einer Gruppe, man nimmt Drogen, man sucht die Grenzen. Die Energie von Punk und Grunge füllt diese Jugendlichen aus und wie ein Sturm bricht das Leben über sie zusammen. Diese Jugendlichen wissen natürlich, dass die Antwort auf Sex & Drugs & Grunge der Tod sein kann. Es kümmert sie nicht. Die Destruktion des Selbst ist Teil der Reise. Anaïs Barbeau-Lavalettes Film erzählt nichts anderes.

Elisabeth Nagy


"Goddess of the Fireflies"
Drama.
Kanada 2020
Regie Anaïs Barbeau-Lavalette
Drehbuch Catherine Léger
Bildgestaltung Jonathan Decoste
Montage Stéphane Lafleur
Musik Mathieu Charbonneau
Szenenbild André-Line Beauparlant
Kostüm Sophie Lefebvre
Make-Up Kathryn Casault
Ton Maryne Morin
Casting Murielle La Ferrière, Marie-Claude Robitaille

Termine:
Sa. 22.02. Urania (Weltpremiere)
So. 23.02. Cubix 8
Di. 25.02. CinemaxX 3
So. 01.03. CinemaxX 1 (17:00 Uhr - Publikumstag)

Link: www.berlinale.de

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