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Alle Gewinner der 69. Berlinale 2019 und zwei Filmkritiken, Teil 6

Gestern Abend wurde der Goldene und die Silbernen Bären der 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin vergeben.

Goldener Bär für "Synonymes".

Das Drama "Synonymes" über einen jungen Israeli hat bei der 69.Berlinale überraschend den Goldenen Bären gewonnen. Regisseur Nadav Lapid erzählt darin die Geschichte eines Mannes, der in Paris seine israelischen Wurzeln hinter sich lassen möchte.

Auch deutsche Kandidaten waren bei den Filmfestspielen erfolgreich. So ging der Silberne Bär für die beste Regie an Angela Schanelec für ihren Film "Ich war zuhause, aber" und der Alfred-Bauer-Preis ging an "Systemsprenger" von Nora Fingscheidt. Die Auszeichnung mit einem Silbernen Bären würdigt einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet. In Nora Fingscheidts Drama geht es um ein aggressives Mädchen, das von

einer Betreuung in die nächste geschoben wird.

Der Große Preis der Jury ging an ein hochaktuelles Drama: In "Gelobt sei Gott" zeigt Regisseur Francois Ozon, wie sich Menschen zusammen tun, die Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche geworden sind.

Die beiden Darstellerpreise gingen an das dreistündige chinesische Epos "So Long, My Son". Der zweite chinesische Wettbewerbseitrag "One Second" von Zhang Yimous musste leider kurzfristig aus dem Programm gestrichen werden. Somit traten nur noch 16 Beiträge um die Bärenpreise an.

Den Vorsitz der Internationalen Jury hatte bei der 69. Berlinale die französische Schauspielerin Juliette Binoche. Ihr zur Seite standen die deutsche Schauspielerin Sandra Hüller, US-Filmkritiker Justin Chang und der chilenische Regisseur Sebastian Lelio. Auch der Filmkurator des Museum of Modern Art in New York, Rajendra Roy, sowie die britische Schauspielerin und Filmproduzentin Trudie Styler waren dabei.

Zu Beginn der Gala in Berlin wurde Dieter Kosslick als Festivalchef verabschiedet. Er hatte die Berlinale 18 Jahre lang geleitet.

Überschattet wurde die Veranstaltung durch den gestern überraschend bekanntgewordenen Tod von Schauspieler Bruno Ganz.

Alle Preise haben wir nochmals am Ende des Textes übersichtlich in der erweiterten Ansicht eingestellt.

Der Kompass-Perspektive-Preis.

Am Abschlussabend der Perspektive Deutsches Kino haben die Juror*innen Trini Götze, Jerry Hoffmann und Andrea Hohnen bereits am späten Freitagabend den Kompass-Perspektive-Preis 2019 für den besten Film vergeben. Die Auszeichnung geht an den Dokumentarfilm "Born in Evin" von Maryam Zaree. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert und wird in diesem Jahr bereits zum dritten Mal verliehen. Als Trophäe bekam die Regisseurin einen Kompass überreicht, der ihr symbolisch Orientierung geben und die Richtung weisen soll.

Insgesamt sichteten die Jurymitglieder während der Festivaltage zwölf Beiträge des Wettbewerbs der Sektion Perspektive Deutsches Kino und entschieden sich nach intensiver Diskussion für ihren Favoriten.

Jurybegründung für Born in Evin im Wortlaut:

„In Born in Evin begleiten wir Maryam Zaree auf der Suche nach ihrer Vergangenheit, einem grausamen Kapitel der iranischen Geschichte. Aufrichtig, mutig, entschieden und berührend sucht die Filmemacherin unerbittlich nach Antworten auf bisher nicht gestellte Fragen und zieht uns dabei immer tiefer in ihre Geschichte und zu einem kollektiven blinden Fleck. Sie steht unerschrocken auf und übernimmt die Verantwortung für eine ganze Generation, das Schweigen zu brechen.“

"BORN IN EVIN" von Maryam Zaree (Deutschland / Österreich 2019)

Filmstill: "Born in Evin" © Tondowski Films Quelle: 69. Berlinale 2019

Elisabeths Filmkritik:

Maryam Zaree war zwei Jahre alt, als ihre Mutter mit ihr in die Bundesrepublik Deutschland kam. Ihr Vater konnte sie nicht begleiten. Beide Elternteile waren in Maryam Zarees Heimat (Iran) im Gefängnis gewesen. Sie hatten sich gegen den Shah aufgelehnt, und auch gegen das Regime Ayatollah Khomeinis. Maryam erfuhr eher zufällig, durch eine unbedachte Äußerung ihrer Tante, die in Frankreich lebt, dass auch sie im Gefängnis war. Sie wurde in einem Gefängnis für politische Gefangene geboren. 40 bis 60 Insassen hatte eine Zelle. Eine Freundin der Mutter, die ebenfalls in dem Gefängnis war, berichtete ihr, dass alle Anwesenden sie mit Liebe in dieses Leben begrüßt haben.

Den Film "Born in Evin" betrachtet Maryam, die heute Schauspielerin und Autorin ist ("Shahada", "4 Blocks"), als ihr Lebenswerk. Das Schweigen über Erlebtes belastet nicht nur Einzelne, sondern die Nachgeborenen und die Gesellschaft als solche. Ihre Mutter, Nargess Eskandari-Grünberg, ist promovierte Psychologin. Ihr Stiefvater, Kurt Grünberg, ist ebenfalls Psychoanalytiker, der sich mit den Spätfolgen der nationalsozialistischen Judenvernichtung beschäftigt.

Durch diesen biografischer Hintergrund wurde Zaree sicherlich sensibilisiert, aber das heißt nicht, dass das Sprechen und Aufarbeiten einfacher wäre. Da ihre Mutter schwieg, suchte sie andere, um etwas über das Schicksal und die Umstände zu erfahren, die ihrer Generation mit in die kalte Wiege gelegt worden war. Auch wollte Zaree zwar einen Film über die Kinder von Evin drehen, aber sich selbst zuerst ganz raus nehmen. Aber wer andere zum Sprechen bewegen möchte, muss auch selbst geben und so tritt Maryam Zaree doch vor die Kamera. Über Jahre suchte sie nach Kindern, die wie sie in Gefangenschaft geboren wurden. Sie reiste bis nach Kalifornien, um jemanden zu finden, der mit ihr sprach. Die Generation der Kinder schweigt, so wie die Eltern. Auch, das ist gar nicht als Vorwurf gemeint, weil es schmerzhaft ist und auch weil einem die Worte fehlen. Für sie ist die Zeit ein dunkles Loch, aus der keine Erinnerung herausgelangt. Fast. Wie sehr ein Trauma nachwirkt und jeden Einzelnen und auch die Gesellschaft prägt, um dann, unerwartet doch bemerkbar zu machen, ist Teil dieser Geschichte. Doch hier sollte die Erzählerin selbst sprechen.

Elisabeth Nagy

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Die Panorama Publikums-Preise.

Der 21. Panorama Publikums-Preis für den besten Spielfilm geht an "37 Seconds". Bei den Panorama Dokumenten gewinnt "Talking About Trees".

Der Panorama Publikums-Preis wird seit 1999 verliehen. Seit 2011 wird sowohl der beste Spielfilm als auch der beste Dokumentarfilm geehrt. Insgesamt wurden 29.000 Stimmen per Voting-Card abgegeben und ausgewertet. Das Panorama präsentierte in diesem Jahr 45 Langfilme aus 38 Ländern, davon 15 in der Reihe Panorama Dokumente.

1. Platz Panorama Publikums-Preis Spielfilm 2019:

"37 Seconds" von HIKARI (Japan 2019)

Synopsis:

Die 23-jährige Yuma sitzt wegen einer Zerebralparese im Rollstuhl, einen Zeichenstift kann die Manga-Künstlerin aber halten. Auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben, weg von der überbehütenden Mutter, stolpert sie über Manga-Pornos. Die Regisseurin HIKARI studierte Film- und Fernsehproduktion an der University of Southern California in Los Angeles. Mit ihren Kurzfilmen hat sie auf Festivals zahlreiche Preise gewonnen. "37 Seconds" ist ihr Langfilmdebüt.

2. Platz Panorama Publikums-Preis - Spielfilm 2019

"Šavovi" (Stitches) von Miroslav Terzić

(Serbien / Slowenien / Kroatien / Bosnien und Herzegovina 2019)

3. Platz Panorama Publikums-Preis - Spielfilm 2019

"Buoyancy" von Rodd Rathjen (Australien)

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1. Platz Panorama Publikums-Preis Dokumente 2019:

"Talking About Trees" von Suhaib Gasmelbari

(Frankreich / Sudan / Deutschland / Tschad / Katar 2019)

Synopsis:

Beim Versuch, im Sudan ein altes Kino wiederzubeleben, stoßen in "Talking About Trees" vier Freunde auf unüberwindbare Widerstände. Der Film, in dessen Zentrum die Geschichte des sudanesischen Kinos steht, wirft auch ein Licht auf die momentane Situation in dem krisengeschüttelten Land. Suhaib Gasmelbari wurde 1979 im Sudan geboren und lebte dort bis zum Alter von 16 Jahren. Er studierte Film an der Universität Paris 8 und arbeitete als freiberuflicher Kameramann und Editor für Al Qarra, Al Jazeera und France 24. Als Regisseur und Drehbuchautor realisierte er mehrere fiktionale und dokumentarische Kurzfilme. "Talking About Trees" ist sein Langfilmdebüt.

2. Platz Panorama Publikums-Preis – Panorama Dokumente 2019

"Midnight Traveler" von Hassan Fazili

(USA / Großbritannien / Katar / Kanada 2019)

3. Platz Panorama Publikums-Preis – Panorama Dokumente 2019

"Shooting the Mafia" von Kim Longinotto

(Irland / USA 2019)

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Berlinale Shorts. (Kurzfilmpreise)

• Goldener Bär: "Umbra" von Florian Fischer & Johannes Krell

Filmstill: "Umbra" von Florian Fischer & Johannes Krell, Quelle: Berlinale Shorts

Elisabeths Filmkritik:

In der totalen Dunkelheit sucht das Auge angestrengt nach einem Halt, einem Punkt. Etwas wird heller in der Bildmitte. Ist es ein Rätsel? Da bricht das Licht durch einen kleinen Punkt herein, drängt sich dem Kinoraum entgegen. Bis es einen fast blendet. Auf der Tonspur hört man Rauschen, nichts als Rauschen, als würde es in den Ohren rauschen.

Damit beginnt "Umbra", ein Experimentalfilm der Kunsthochschule für Medien Köln und der Rosenpictures Filmproduktion. Florian Fischer und Johannes Krell heißen die beiden Filmemacher, die in kurzen 20 Minuten Naturphänomene zusammenfügen, die man als Spiel mit Licht, Schatten und Spiegelungen begreifen kann, die aber doch auch vom faktischen und assoziativen Sehen zeugen, bzw. Bilder zeigen, die man so schon immer vorgefunden, aber kaum wahrgenommen hat. Wenn man dann eine helle Fläche mit dunklen Flecken sieht, fragt man sich, ob es ein Abbild ist, oder ob man ein Abbild nur interpretiert, bzw. wie man dieses Abbild interpretieren kann.

Einzelne Aufnahmen wurden bei der Sonnenfinsternis 2017 aufgenommen, für andere, zum Beispiel dem Phänomen des "Brockengespenstes" ist man in den Harz gefahren. Die Bilder, aufgenommen mit einer Lochblende, sind flüchtig, kaum greifbar, und wieder verschwunden. Man kann sich in sie hineinträumen und auf eine Reise gehen, man kann aber auch dem Weg des Lichts und der Reflexion von Licht folgen und über das Wesen von Sein und Erscheinen nachgrübeln.

Elisabeth Nagy

• Silberner Bär: "Blue Boy" von Manuel Abramovic

• Audi Short Film Award: "Rise" von Bárbara Wagner & Benjamin De Burca ist mit 20.000,- Euro dotiert und würdigt eine experimentelle Dokumentation, die Text, Musik und Tanz einer Gruppe junger People of Color als Akt der Selbstermächtigung in den Fokus nimmt. Sie nutzen den öffentlichen Raum der U-Bahn in Toronto, um ihr Konzept von Edutainment mit Rap-Gesang in die Tat umzusetzen.

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Preise der Unabhängigen Jurys.

PREISE DER ÖKUMENISCHEN JURY

Der Preis für einen Film aus dem Wettbewerb geht an:

"Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija" (God Exists, Her Name Is Petrunya)

von Teona Strugar Mitevska

(Mazedonien / Belgien / Slowenien / Kroatien / Frankreich)

Der Preis für einen Film aus dem Panorama geht an:

"Buoyancy" von Rodd Rathjen (Australien)

Lobende Erwähnung

"Midnight Traveler" von Hassan Fazili

Der Preis für einen Film aus dem Forum geht an:

"Erde" (Earth) von Nikolaus Geyrhalter (Österreich)

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PREISE DER FIPRESCI JURY

Der Preis für einen Film aus dem Wettbewerb geht an:

"Synonymes" (Synonyms, Synonyme) von Nadav Lapid

(Frankreich / Israel / Deutschland)

Der Preis für einen Film aus dem Panorama geht an:

"Dafne" von Federico Bondi (Italien)

Der Preis für einen Film aus dem Forum geht an:

"Die Kinder der Toten"

von Kelly Copper und Pavol Liska (Österreich)

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AMNESTY INTERNATIONAL FILMPREIS

Die drei Mitglieder der Jury, Feo Aladag, Markus Beeko, Pegah Ferydoni, prämieren einen Film aus der Sektion Generation 14plus:

"Espero tua (re)volta" (Your Turn)

von Eliza Capai (Brasilien)

Jurybegründung:

"Der Film ‚Espero tua (re)volta‘ bricht mit konventionellen Erzählstrukturen und begleitet in seiner non-linearen dokumentarischen Form junge Menschen bei ihrem Ringen um Demokratie und ihrem Kampf für Bildung", heißt es in der Jurybegründung. "Dabei zeigt er auch, wie die jugendlichen Protagonisten auf unvergleichlich mitreißende Weise Solidarität und demokratische Werte leben, selbstbewusst ihre Ziele und Träume artikulieren – und dabei den Erwachsenen stets einen Schritt voraus sind."

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GILDE FILMPREIS

Der Gilde Filmpreis für den besten Film im Wettbewerb geht an:

"Gospod postoi, imeto i’ e Petrunija" (God Exists, Her Name Is Petrunya)

von Teona Strugar Mitevska

(Mazedonien / Belgien / Slowenien / Kroatien / Frankreich)

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CICAE ART CINEMA AWARD

Die Mitglieder der Panorama-Jury prämieren:

"37 Seconds" von HIKARI (Japan)

Die Mitglieder der Forum-Jury prämieren:

"Nos défaites" (Our Defeats)

von Jean-Gabriel Périot (Frankreich)

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LABEL EUROPA CINEMAS

Die drei Mitglieder der Jury prämieren den Panorama Spielfilm:

"Šavovi" (Stitches) von Miroslav Terzić

(Serbien / Slowenien / Kroatien / Bosnien und Herzegovina)

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PREIS DER LESERJURY DER BERLINER MORGENPOST

Der Gewinner des Preises der Leserjury ist der Wettbewerbsfilm:

"Systemsprenger" (System Crasher)

von Nora Fingscheidt (Deutschland)

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PREIS DER LESERJURY DES TAGESSPIEGEL

Der Gewinner des Preises der Leserjury ist der Forumsbeitrag:

"Monștri." (Monsters.)

von Marius Olteanu (Rumänien)

Link: www.berlinale.de

Quellen: 69. Internationale Filmfestspiele Berlin | Critic.de | noisefilm pr | Jelly Press | Elisabeth Nagy

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