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»One Life« mit Athony Hopkins und weitere Kinostarts in der 13. KW 2024

Zwei Dramen und zwei Musikfilme haben wir heute für unsere Leser als Empfehlungen aus den wöchentlichen Kinostarts herausgesucht.

Das von uns geschätzte Online-Magazin Kino-Zeit ist leider in finanzielle Nöte geraten und bittet um Hilfe.


"ONE LIFE" Biopic-Drama von James Hawes über den britischen Oskar Schindler, der einst 669 jüdische Kinder im Jahre 1938 aus Prag vor Hitler zu retten vermochte. (Großbritannien, 2023; 110 Min.) Mit Anthony Hopkins, Johnny Flynn, Helena Bonham Carter u.a. ab 28. März 2024 im Kino. Hier der Trailer:



Elisabeths Filmkritik:

Es heißt im Talmud, "Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt". Darauf bezieht sich der Titel von James Hawes' Biografie-Verfilmung. Der Brite Hawes, der bisher als Fernsehregisseur tätig war, von ihm stammen Episoden von "Doctor Who" oder "Penny Dreadful", widmet sich der Lebensgeschichte des Handelsmaklers Nicholas Winton, der für unzählige jüdische Kinder in den 30er Jahren zum Lebensretter wurde. Hier greift der Vergleich zu Oskar Schindler, der zahlreiche, ihm zugewiesene Zwangsarbeiter rettete. Weit nach dem Krieg überreichten ihm die Geretteten einen Ring, in dem sie eben jenen Spruch eingraviert hatten.

Nicholas Winton reiste auf Einladung eines Freundes vom "British Committee for Refugees from Czechoslovakia" nach Prag. Die Stadt war nach der Sudetenkrise von Flüchtlingen überlaufen. Winton war ob seiner Familiengeschichte, seine Eltern hießen ursprünglich Wertheim und waren Anfang des 20. Jahrhunderts nach Großbritannien ausgewandert, sensibilisiert für das Schicksal anderer. Er wollte helfen. Zumindest den Kindern könnte er einen Weg aus dem Elend öffnen. Nach dem britischen Gesetz konnten Kinder unter 17 Jahren, sofern sich Bürgen fanden, die die Kinder aufnahmen und für Visa und Reisekosten aufkamen, ins Land kommen. Winton und zahlreiche Helfer sowohl in Prag also auch in Großbritannien taten genau das. Geld sammeln, Unterstützer und Adoptiveltern finden, Visa organisieren, Züge buchen. Innerhalb eines Jahres konnte sein Team über 600 Kinder nach Großbritannien bringen. Nur der letzte Transport scheiterte. Es war der 1. September 1939.

Jahrelang hatte Winton über die Zeit in Prag geschwiegen. Erst in den 80ern tauchen die alten Unterlagen in einem Koffer wieder auf. Ausgerechnet eine boulevardeske Talk-Show bringt Winton mit den inzwischen erwachsenen Kindern zusammen. Die legendäre TV-Show "That's Life!" schrieb mit dieser gewagten Zusammenführung auch ein Stück britischer Fernsehgeschichte, wenn man das glauben mag. Das Drehbuch von "One Life" von Lucinda Coxon und Nick Drake fußt auf der Biografie "If It's Not Impossible… The Life of Sir Nicholas Winton" von Wintons Tochter Barbara, die folglich die Produktion auch begleitete. Auf ihren Wunsch hin, trug man die Hauptrolle Anthony Hopkins an.

"One Life" erzählt sich in zwei gleichwertigen Zeitsträngen. Winton, gespielt also von Anthony Hopkins und hier eindeutig das Highlight des Filmes, versucht die alten Erinnerungsstücke in gute Hände zu geben. Dabei erinnert er sich an die Vergangenheit, reflektiert das Geschehene und bedauert, dass er nicht mehr Kinder hatte retten können. Die Erinnerungen, hier spielt Johnny Flynn den jüngeren Winton, setzen mit der ersten Reise nach Prag ein. Eher konventionell wird das Elend der Kinder gezeigt. Sein Enthusiasmus, dass man etwas tun müsse und könne, wird von den Hilfskräften vor Ort gedämpft. Da kommt jemand her, ist noch keine fünf Minuten vor Ort und meint schon alles besser zu wissen. Dadurch wird die Figur Wintons natürlich etwas erhöht. Aber die Hürden sind enorm und ohne Helfer wäre auch Winton gescheitert. Da greift der Film zum Beispiel die Rolle seiner Mutter auf, gespielt von Helena Bonham Carter. Sie steht im Kampf mit der britischen Bürokratie an vorderster Front und akzeptiert kein Nein.

Die Szenen, die sowohl Prag als auch London Ende der 30er zeigen mögen den Regeln der Spannungskurve folgen, aber sie sind in Zeiten, in denen wir uns ein ums andere Mal mit den Flüchtlingsströmen von heute auseinandersetzen müssen, bitter nötig. Wo ein Wille ist, ist nämlich ein Weg. "One Life" erfindet das Kino nicht neu. Es ist sogar recht konventionell gedreht. Es setzt auf Wirkung. Seiner Hauptfigur muss die Handlung gar kein Denkmal setzen. Bereits mehrmals wurde Wintons Leben filmisch angegangen. Aber die Wirkung, auf die "One Life" setzt, hat dieser Film auch. Da bleibt wohl kein Auge trocken, wenn Winton in einer von ihm eher nicht so geschätzten Fernsehsendung, plötzlich jemanden trifft, den er gerettet hatte. Eine Szene, die im Film übrigens mit zahlreichen Überlebenden besetzt wurde.

Ganz unumstritten ist "One Life" nicht. Nicht nur, dass die Nebenfiguren Nebenrollen bleiben, werden auch die Kinder und ihre Eltern auf ihre Rolle in Not reduziert. Auch kreidete man der BBC, die den Film mitproduzierte und bewarb, an, dass sie die Kinder als zentraleuropäische Kinder benannte. Die BBC nahm die Kritik an und änderte ihren Auftritt und erwähnte erst jetzt, dass es sich um hauptsächlich jüdische Kinder handelte. Auf der Gala der "Cinema for Peace"-Veranstaltung im Februar dieses Jahres in Berlin, zeichnete man "One Life" zusammen mit "Golda", der demnächst ins Kino kommt, und "The Zone of Interest" aus.

"One Life" besonders durch das leise und präzise Spiel von Anthony Hopkins überzeugt eher durch die Darstellung der Organisation der Kindertransporte. Nur in Anklängen spricht der Film auch an, was es für die Eltern bedeutet haben muss, ihre Kinder in fremde Hände geben zu lassen. Die eigentliche Reise ist dabei weniger Thema. Mehr schon steht die Figur von Winton selbst im Mittelpunkt. Hier hebt der Film gerade das Gewöhnliche und die Bescheidenheit des Mannes hervor.

Elisabeth Nagy


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"KLEINE SCHMUTZIGE BRIEFE" Kriminal-Dramödie von Thea Sharrock, die auf wahren Begebenheiten basiert, die im England der 1920er Jahre für einen Skandal sorgten. (Großbritannien / Frankreich, 2023; 100 Min.) Mit Olivia Colman, Jessie Buckley, Anjana Vasan u.a. ab 28. März 2024 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Es sind die 1920er Jahre. Ein britischer Badeort wird von einem Skandal hinterrücks erschüttert. Anonyme Briefe mit vulgären Obszönitäten. Die niederträchtigen Beschimpfungen verbreiten sich im Ort wie ein Lauffeuer. Besonders betroffen ist die durch und durch fromme Familie Swan. Adressiert sind sie an deren Tochter Edith Swan (Olivia Colman), die sich mit ganzem Herzen um ihre Eltern kümmert.

Im Nebenhaus wohnt die junge, alleinerziehende Rose Gooding (Jessie Buckley), die mit ihrem Freund und ihrer Tochter neu aus Irland in den spießigen Ort gezogen ist und bei den Einwohnern als Schlampe gilt, allein schon deswegen, weil sie allein in ein Pub geht. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und kann fluchen wie ein Scheunendrescher. Edith versucht sich mit ihr anzufreunden aber das Geschwätz der frommen Einwohner, lässt sie Abstand davon zu nehmen.

Weiterhin flattern die Briefe in die Briefkästen und nicht nur bei der Swan-Familie. Die gesamte Gemeinde ist sich sicher, dass allein die verrückte, lebenslustige Rose diese schmutzigen, obszönen Briefe schreibt. Nur die junge Polizistin Gladys (Anja Vasan) glaubt an die Unschuld von Rose. Warum auch, sollte sie das tun. Sie, die sowieso kein Blatt vor den Mund nimmt wäre auch dreist genug, Edith persönlich zu beschimpfen. Gladys, deren Vater auch Polizist war, hat es nicht leicht als einzige Frau unter männlichen Kollegen. Sie wird nicht für voll genommen. Es ist eine Zeit, in der es Frauen eh nicht leicht hatten. Frauen hatten nichts zu melden und Bigotterie ist weit verbreitet.

Rose kommt für zwei Monate in den Knast. Die Polizeibeamtin kann nichts tun. Sie gibt aber nicht auf und ist weiterhin auf der Suche nach dem Täter oder Täterin. Rose kann das Gefängnis verlassen. Irgendjemand, der ihr gut gesonnen ist, hat die gewünschte Kaution bezahlt. Es findet eine Verhandlung statt. Gladys Moss wird suspendiert, arbeitet aber weiter an dem Fall. Auch der Stammtisch, wo regelmäßig Karten gespielt wird und besonders Ediths ultrakonservativer Vater Edward Swan, geben keine Ruhe und suchen den Briefeschreiber. Es ist Polizistin Moss zu verdanken, dass man das „Ferkel“ schließlich findet.

Regisseurin Theras Sharokk hat sich der damaligen Tragödie angenommen, um zu zeigen, wie es damals um die Rechte der Frauen stand. So traurig es auch war, sie hat eine unterhaltsame Komödie daraus gemacht. Die männlichen Figuren kommen allerdings nicht gut dabei weg. Ihr Film hat eine deutliche feministische Botschaft. Besonders hervorstechend, Olivia Colman und ihr Vater, gespielt von dem schrulligen Timothy Spall, sorgen für komische Momente.

Ulrike Schirm


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"STOP MAKING SENSE" digitale Neuauflage des bereits 1984 hochauflösend in Cinemascope von Jonathan Demme gedrehten Konzertmitschnittes der US-amerikanischen New-Wave-Band "Talking Heads". ((USA, 1984; 96 Min.) Mit David Byrne, Lynn Mabry, Jerry Harrison u.a. ab 28. März 2024 im Kino. Hier der Trailer:



Unsere Kurzkritik:

Wir haben die neue Deutschlandpremiere von "Stop Making Sense" der US-amerikanischen New-Wave-Band "Talking Heads", bereits am 22. März 2024 im ausverkauften Berliner Kant Kino sehen können.

Geplant war die restaurierte digitale 4K-Premiere der Neuauflage des in Cinemascope gedrehten Films eigentlich im Babylon Kino. Aber weil das Kant-Kino schon in den 1980er Jahren nicht nur Filmtheater war, sondern damals auch zahlreichen jungen Bands regelmäßig auf ihrer Bühne einen Auftritt ermöglichte, darunter auch den "Talking Heads", konnte man sich mit dem Verleih auf eine zweite Parallel-Vorführung einigen.

Ursprünglich entstand der Film-Mitschnitt anlässlich einer Promotiontour für das Album »Speaking in Tongues«. Der Film wurde unter der Regie von Jonathan Demme 1983 an drei Abenden als erster vollständig mit digitaler Audiotechnik produziert, sodass die Musik auch heute noch im Kino frisch und authentisch klingt.

Das Publikum im Saal kreischte, johlte, klatschte und sprang manchmal sogar von ihren Sitzen auf, als befände sich die Band gar nicht auf der Leinwand, sondern würde life auf der Bühne des Kant-Kinos stehen.

Ein großartiger Abend, dem man noch viele weitere erfolgreiche Vorführungen gönnt. Im Herbst soll auch eine hochauflösende Blu-ray Disc fürs Heimkino erscheinen. Der Soundtrack auf CD ist bereits seit 1999 überall erhältlich.

W.F.


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"OPUS - Ryūichi Sakamoto" Musik-Dokumentation von Neo Sora (Japan, 2023; 103 Min.) Mit Ryūichi Sakamoto. Ab 28. März 2024 im Kino. Hier der Trailer:



Unsere Kurzkritik:

Genau vor einem Jahr verstarb der japanische Komponist, Pianist, Produzent und Schauspieler Ryūichi Sakamoto in Tokio an Krebs im Alter von 71 Jahren. Seine letzte gefilmte Klavierperformance „Opus“ ist mehr als ein bewegender Abschied. Eigentlich wollte der wohl bedeutendste japanische Musiker der Gegenwart noch einmal ein Klavierkonzert geben, doch seine Kraft reichte nur für eine Studioaufnahme, die in kleinen Etappen im September 2022 in schlichten Schwarz-Weiß-Aufnahmen entstanden ist und nur zwei Akteure kennt – ihn und seinen Flügel. Für die Aufnahmen mietete er das 509 Studio des NHK Broadcast Centers in Japan, um die Akustik perfekt einzufangen.

Die Auskopplung eines Stücks war schon im letzten Jahr nach der Weltpremiere des Werks bei den 80. Filmfestspielen von Venedig auf YouTube zu sehen. Doch der Zusammenschnitt der ganzen Performance ist erst ab dem heutigen Tag auch bei uns in ausgesuchten Kinos zu sehen.

Der Pianist, Produzent und Schauspieler bewegte sich in verschiedenen musikalischen Genres wie Jazz, Neo-Klassik oder Avantgarde. Der Musiker galt auch als Pionier elektronischer Musik und Wegbereiter für Musikrichtungen wie Synth-Pop, House-Musik und Hiphop. Bekannt wurde er allerdings für seine Filmmusik. Seine Komposition zum Film "Der Letzte Kaiser" (1987) wurde er einem Oscar und einem Grammy ausgezeichnet. Im Jahre 2018 saß Sakamoto zudem in der Jury der 68. Berlinale.

W.F.



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