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Verleihung des Deutschen Filmpreises - So viel gesehen, und doch nichts begriffen

Jenseits der Preise gab es bei der Lola-Gala viel Gesprächsstoff.



Frauenpower wie nie auf der Bühne des Deutschen Filmpreises. Mascha Schilinskis epochales Meisterwerk „In die Sonne schauen“ – ein Titel, den sich Verleiher Neue Visionen ausdachte – räumte am Freitagabend bei der Gala im Palais am Funkturm zehn Lolas bei elf Nominierungen ab. Mehr ging nicht – bei den weiblichen Nebenrollen konkurrierten Claudia Geißler und Preisträgerin Lena Urzendowsky. Und auch die Menschen hinter dem besten Dokumentarfilm „Siri Hustvedt – Dance around the self“ und dem besten Kinderfilm „Zirkuskind“ sind mehrheitlich Frauen.

Wenders Ehrung im Streit mit Natassja Kinski

Doch einige Männer der Branche haben offenbar noch immer nicht ganz begriffen, was ein Trauma für eine Frau bedeutet. Was vor allem der Auftritt von Ehrenpreisträger Wim Wenders zeigte. Er ging klug auf Berichte über seinen nun mehr als 15 Jahre währenden Streit mit Natassja Kinski ein, den einige Medien aus Anlass der Ehrung erneut aufgriffen. Die mittlerweile 65jährige Schauspielerin möchte, dass Wender aus seinem Film „Falsche Bewegung“ aus dem Jahre 1975 - mit etlichen Filmbändern, dem Vorgänger der Lolas geehrt – rund zwei Minuten herausschneidet. Die damals 13-jährige wurde von ihm mit nacktem Oberkörper gefilmt. Zudem berichtet sie, dass ein Schauspieler immer wieder minutenlang auf ihr drauf gelegen habe, was ihr damals schon ein mulmiges Gefühl bereitet habe.

Wim Wenders bekannte, dass dies damals normal war und er dies heute nicht mehr tun würde. Was durchaus glaubhaft ist. Aber die eigene Nabelschau reicht nicht, wie Schauspieler Clemens Schick postete, der sogar von Selbstmitleid sprach. Leider kein Wort des Bedauerns oder des Verständnisses für das seelische Leid von Natassja Kinski. Die sich mit WDR und Wolfgang Petersen mit dem gleichen Begehren zum „Tatort: Reifeprüfung“ gütlich geeinigt hat.

Filmbranche hat Diskussion um Erbe verschleppt

Wim Wenders gab stattdessen die Diskussion an die Filmakademie weiter, was viel zu klein gedacht ist. Er verwies auf Steven Spielberg, der heute bedaure, dass er alle Szenen in „E.T.“ verändert habe, in denen Kinder mit Soldaten zu sehen waren, die Waffen tragen. Stattdessen halten sie andere Gegenstände in den Händen.

Wie also umgehen mit dem Erbe und dem Urheberrecht, wenn sich moralische und ethische Werte der Gesellschaft verschieben? Die Diskussion ist doch längst da, man nehme nur „Winnetou“. Was ist aber wichtiger, um Haltungen unbewusst mitzuprägen? Dass das Wort Indianer fällt, wie es bei Kal May und in den 1960er Jahren normal war? Oder dass die Filme durchdrungen sind vom Wunsch von Winnetou und Old Shatterhand nach einer toleranten, friedlichen Gesellschaft, in der jeder nach seiner Facon leben kann?

Auch die Literatur hat, wie wir wissen, diese Debatte längst ergriffen. Astrid Lindgrens und Michael Endes grandiose Bücher sollen zeitgemäß umgeschrieben werden. Wohl vergessend, dass etliche Generationen mit dem »Negerkönig« aufgewachsen sind und nicht zu Rassisten wurden. Es muss also endlich eine gesamtgesellschaftliche Debatte geführt werden, wie mit dem kulturellen Erbe umgegangen wird. Jedes Werk ist auch ein Zeugnis seines Zeitgeistes. Leser und Zuschauer sind auch klug genug, um Sprache und ihre Entwicklung einzuordnen.

Erste Lola für Senta Berger

Wenders wurde für den Anstoß und verdient für sein umfangreiches Oeuvre mit Standing Ovations gefeiert. Ebenso wie Senta Berger, die mit 85 das erste Mal eine Lola gewann. Das Publikum verneigte sich wohl auch vor ihrem Lebenswerk, zu dem auch das Bekenntnis auf dem Titelbild des »Stern« gehört, abgetrieben zu haben. Damit endlich dieser verdammt §218 fällt.

Die Frauen damals bewiesen Mut. Sicher hat den auch Collien Fernandes bewiesen, als sie ihren Mann Christian Ullmen anzeigte, Gewalt im digitalen Raum gegen sie angewandt zu haben. Sie wurde bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Bekanntwerden des Skandals ebenso gefeiert.

Eine Werbung für Toleranz und Miteinander

Was bei einigen dann doch ein mulmiges Gefühl auslöste. Zum einen gilt die Unschuldsvermutung, es steht Aussage gegen Aussage. Zudem zauberte die Politik sofort das entsprechende Gesetz aus dem Hut. Ein wenig bediente die Entertainerin mit einem Kleid, das ihr kaum zu passen schien und aus dem der Busen beinahe rausquellte, auch noch alle alten Klischees. Nun soll sicher keiner in hochgeschlossenem Kleid erscheinen. Letztlich kann jede tragen, was sie will, ohne dass sie deswegen befürchten muss, sexuell belästigt zu werden.

Sicher soll und muss provoziert, zugespitzt und übertrieben werden, um Gesetze und gesellschaftliche Standards zu ändern. Gewalt muss ein Tabu sein. Man kann Haltungen aber auch elegant verpacken wie Moderator Christian Friedel. Er gab den charmanten Hinweis, der hoffentlich aus der Fernsehübertragung nicht geschnitten wurde, wie schlecht es dem Menschen am nächsten Morgen geht, wenn er am Tag zuvor blau war. Und nicht mit dem Holzhammer, wie oft an jenem Abend, mit dem die Filmakademie doch eigentlich für Toleranz und ein Miteinander werben wollte.

Was nutzen Filme ohne Zuschauer

Mit dem Blick auf die Landkarte der Kinos in den Neuen Bundesländern verpufft auch all das demokratische Engagement und Bekenntnis, das nicht nur in den ausgezeichneten Filmen steckt. Sie wollen und können den gesellschaftlichen Diskurs befördern. Sie kommen nur leider oft dort nicht an, wo die Hauptwählerschaft der Rattenfänger am rechten Rand wohnt. Aber mehr ins Kino zu stecken, eventuell sogar in den Ausbau des Angebots gerade auf dem Land und in kleineren Gemeinden, dafür ist kein oder kaum noch Steuergeld da. Obwohl es zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern tolle Ansätze verschiedener Initiativen gibt.

Weil die Bundesregierung das Geld vorrangig in die Produktion steckt. Im BKM wird übrigens erwartet, dass die 250 Millionen für den DFFF schon in diesem Jahr nicht reichen. Schaun wir mal, ob es klappt.

Katharina Dockhorn

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Alle Gewinnerinnen und Gewinner auf der Homepage des Deutschen Filmpreises unter nachfolgendem

Link: www.deutscher-filmpreis.de/preisverleihung/2026/

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Bester Spielfilm
LOLA in Gold: "In die Sonne schauen"
LOLA in Silber: "Gelbe Briefe"
LOLA in Bronze: "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke"
Weitere Nominierungen:
22 Bahnen
Amrum
In die Sonne schauen
Das Verschwinden des Josef Mengele

Beste Regie
Gewinnerin: Mascha Schilinski („In die Sonne schauen“)
Nominiert:
İlker Çatak („Gelbe Briefe“)
Mascha Schilinski („In die Sonne schauen“)
Simon Verhoeven („Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“)

Bestes Drehbuch
Gewinner: Mascha Schilinski & Louise Peter („In die Sonne schauen“)

Beste weibliche Hauptrolle
Gewinnerin: Senta Berger („Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“)

Beste männliche Hauptrolle
Gewinner: August Diehl („Das Verschwinden des Josef Mengele“)

Beste weibliche Nebenrolle
Gewinnerin: Lena Urzendowsky („In die Sonne schauen“)

Beste männliche Nebenrolle
Gewinner: Michael Wittenborn („Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“)

Bester Dokumentarfilm
Gewinnerin: „Siri Hustvedt – Dance Around the Self“

Bester Kinderfilm
Gewinner: „Zirkuskind“

Beste Kamera / Bildgestaltung
Gewinner: Fabian Gamper („In die Sonne schauen“)

Bester Schnitt
Gewinnerin: Evelyn Rack („In die Sonne schauen“)

Beste Tongestaltung
Gewinner: Claudio Demel, Billie Mind, Kai Tebbel, Sebastian Heyser, Jürgen Schulz („In die Sonne schauen“)

Beste Filmmusik
Gewinner: Marvin Miller („Gelbe Briefe“)

Bestes Szenenbild
Gewinner: Cosima Vellenzer und Maike Kiefer („In die Sonne schauen“)

Bestes Kostümbild
Gewinnerin: Sabrina Krämer („In die Sonne schauen“)

Bestes Maskenbild
Gewinner: Anne-Marie Walther und Irina Schwarz („In die Sonne schauen“)

Beste visuelle Effekte
Gewinner: Michael Wortmann und Frank Schlegel („Momo“)

Besucherstärkster Film
Gewinner: Michael „Bully“ Herbig („Das Kanu des Manitu“)

Ehrenpreis
Wim Wenders

Bernd Eichinger Preis
Thomas Wöbke & Philipp Trauer

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