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Die Bewahrung des deutschen Filmerbes braucht dringend einen Neuanfang

Nur Lippenbekenntnisse der Politik zum DEFA-Geburtstag am 17. Mai 2026 mit diversen Filmen im TV, denn der Etat des Filmerbedigitalisierungsprogramms wurde halbiert.


Bericht von Katharina Dockhorn zum 80. Geburtstag der DEFA

Bei der Premiere am 24. März 1926 sorgte der Film „Geheimnisse einer Seele“ von Georg Wilhelm Pabst für Aufsehen. Erstmals beschäftigte sich die siebte Kunst mit der Psychoanalyse, deren Wirkung unter dem Einfluss des Expressionismus und Surrealismus durch zahlreiche eindrucksvolle Tricks und Traumsequenzen vermittelt wurde.

Arte zeigt jetzt die digitalisierte Fassung. Bei MDR und rbb wird zugleich der 80. Geburtstag der DEFA am 17. Mai 2026 mit zahlreichen Filmen gefeiert. Außerdem zeigt der rbb mehrere Dokumentationen zu Geschichte der DEFA.

Neben zahlreichen Märchenfilmen zeigt der rbb Klassiker wie „Wie füttert man einen Esel“, „Karbid und Sauerampfer“ sowie „Die Mörder sind unter uns“. Der MDR setzt über das ganze Jahr auf eine Reihe mit beliebten Titeln wie „Dein unbekannter Bruder“, „Glück im Hinterhaus“ und „Für die Liebe noch zu mager?“.

Bisher noch nicht darunter ist der in Babelsberg 1973 gedrehte sehr bekannte DEFA-Film „Die Legende von Paul und Paula” mit Angelica Domröse, die heute im Alter von 85 Jahren verstorben ist. Wie immer werden wir zum Totensonntag im November wieder Nachrufe zu allen wichtigen Verstorbenen der Medienbranche veröffentlichen.

Nur noch die Feuerzangenbowle

Für die Ausstrahlung müssen die Filme digitalisiert werden, die Sender beteiligen sich aber nicht an den Kosten. Oft ist es bestenfalls ein Nullsummenspiel für die Rechteinhaber, sie investieren so viel in die Digitalisierung der Filme wie sie an Lizenzgebühren einnehmen. Früher schlossen sie lukrative Rahmenverträge, wie sie die DEFA-Stiftung für „Drei Haselnüsse für Aschenbrötel“ und die meisten Märchenfilme hat. Mit Ausnahme von Arte schließen sie heute eher Kurzzeitlizenzen für wenige Ausstrahlungen.

Zudem werden die Schätze der deutschen Filmgeschichte heute seltener ausgestrahlt. In der ARD läuft seit Jahren einzig die „Feuerzangenbowle“, ansonsten sind schwarz-weiß-Filme sogar tabu. Dazu soll es sogar einen Beschluss der Programmdirektion geben, den offiziell niemand bestätigt. Allerdings auch nicht mehr lange, denn Heinz Rühmann ist ja auch ins Visier der Aufarbeitungsfanatiker in Deutschland geraten.

Die Einnahmen brechen den Stiftungen, Museen und Kinematheken und auch den Filmemachern auch an anderer Stelle weg. DVD-Verkäufe spülten mehr Geld in die Kasse als Abrufe im digitalen Raum, etwa in den Mediatheken der Sender. Auch die Kinos können bis auf wenige Ausnahmen nur noch digitale Fassungen zeigen. Die Nachfragen werden seltener. Diese Situation bringt alle in eine finanzielle Schieflage.

Die DEFA-Stiftung und die Friedrich-Wilhelm Murnau Stiftung, der die Rechte am deutschen Filmerebe bis 1945 gehören, können nur das Geld ausgeben, das sie durch die Auswertung einnehmen. Anderen Institutionen wie die das DFF in Frankfurt, die Kinemathek oder das Arsenal werden vom Steuerzahler getragen. Ihre Etats wurden im Bundeshaushalt seit Jahren nicht erhöht.

Hoher Aufwand bei Restaurierung und Digitalisierung

Daher sind alle auf Steuergelder angewiesen, um für alle Filme, die bis 2008 entstanden sind, die Digitalisierung zu bezahlen. Die Murnau-Stiftung investierte 80.000 Euro in die Bearbeitung von „Geheimnisse einer Seele“, von denen sie selbst 20.000 aufbrachte.

Das Beispiel zeigt, wie aufwändig Restaurierung und Digitalisierung sind. Die Original-Negative des Films gelten als verschollen. Eine Kopie wurde aus Anlass des Todes von Georg Wilhelm Pabst 1967 auf Grundlage der Verleihkopie der Uraufführungsfassung vom Staatlichen Filmarchiv der DDR (SFA) und der Cinematheque Royale in Brüssel erstellt. Sie unterscheidet sich ebenso wie die heutige Fassung von der von Enno Patalas, die wahrscheinlich 1984 vom NDR ausgestrahlt wurde.

Für die jetzige Digitalisierung stützte sich die Luciano Palumbo von der Murnau Stiftung auf die Fassung aus den 1960er-Jahren sowie eine Uraufführungsfassung aus dem Bestand der Library of Congress, die 1979 im Bundesarchiv ist. Diese Kopie und die SFA-Version stimmen mit Ausnahme einer Rolle in der Schnittreihenfolge überein. In Harvard tauchte eine weitere zeitgenössische Verleihkopie auf, die in den 1950er Jahren überarbeitet und auf 16mm umformatiert worden war. Die Zwischentitel wurden durch Untertitel ersetzt, die jetzt durch ein KI-Programm entfernt wurden.

Im Laufe des Bearbeitungsprozesses wurde jedes Bild auf Schäden untersucht, das Licht neu bestimmt, die Dichte korrigiert und Einstellung für Einstellung neu gegradet, so dass die Qualität der Bilder der verschiedenen Quellen angeglichen wurde. Alle Zwischentitel wurden digital rekonstruiert.

Eine Originalpartitur der Musik ist nicht überliefert. Für die Premiere während der Berlinale und die Ausstrahlung bezahlte Arte die Komposition des Südkoreaners Yongbom Lee. Der Kultursender strahlt solche Highlights und andere Klassiker regelmäßig aus, außerdem stehen sie in der Mediathek.

Etat des Filmerbedigitalisierungsprogramms halbiert

Doch solche Projekte könnten bald der Vergangenheit angehören. Auf Grundlage eines Gutachtens von PWC schlossen Bundesregierung, Länder und Filmwirtschaft zum 1. Januar 2019 einen Pakt zur Digitalisierung des Filmerbes, das auf der Kippe steht. Über zehn Jahre wollten sie paritätisch je 3,3 Millionen jährlich in einen Topf einzahlen, um Digitalisierungsprojekte wie Dominik Grafs „Die Katze“, Hannes Stöhrs „One Day in Europe“ und Geheimnisse einer Seele“ zu fördern.

Sechs Bundesländer haben das Agreement mittlerweile gekündigt. Von den Ländern fließen noch rund 2,1 Millionen Euro. Kulturstaatsminister Wolfram Weimar senkte seinen Anteil 2026 auf 2,2 Millionen. Er begründet dies mit Sparzwängen im Bundeshaushalt- während er der Filmwirtschaft für die Produktion in diesem Jahr 120 Millionen zusätzlich gibt.

Die Filmwirtschaft hat ihr Engagement seit 2025 auf 1 Million Euro gesenkt. Außerdem steht in den Sternen, wie und ob es nach 2028 weitergeht – obwohl nicht mal 7% des deutschen Filmerbes digitalisiert sind. Bund, Länder und die Filmförderungsanstalt evaluieren das Programm gerade – ohne dass die betroffenen Rechteinhaber Gehör finden. Hier dürfte es auch um die Kosten gehen. Sie wurden einst mit 40.000 Euro je Titel kalkuliert, was natürlich nicht mehr ausreicht.

Lippenbekenntnisse der Politik

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bekannte sich öffentlich mehrmals zur Bewahrung des Erbes. Sein Etat für das Bundesfilmarchiv spricht eine andere Sprache. Auch unter seinen Vorgängerinnen wurde er als Sparstrumpf missbraucht, angefangen 2004 bei der Umleitung von vier Millionen Euro für den Wiederaufbau der Herzogin Amalia Bibliothek. Unter Claudia Roth wurde der Etat für den Erhalt der Filmschätze auf rund 186.000 Euro halbiert, 2025 gar mit der lächerlichen Begründung, der Bundeshalt sei lange nicht beschlossen worden, auf 50.000 Euro gesenkt. Für das kommende Jahr stehen wohl erneut Kürzungen im Raum.

Das Nitrolager in Hoppegarten ist voll. Das Bundesarchiv musste eine Bitte der Murnau-Stiftung ablehnen, deren Schätze dort zu lagern. In weite Ferne gerückt ist zudem der Neubau eines fachgerechten Lagers für Farbfilme in Hoppegarten, für das die Pläne bereits ausgearbeitet sind. Stattdessen sind sie seit 2010 in einem Provisorium untergebracht, in dem die klimatischen Bedingungen für die Lagerung alles andere als optimal sind. Zudem gerät es auch an die Grenze seiner Kapazitäten. Gleichzeitig steigt die Anzahl der archivierten Filme kontinuierlich, da seit 2004 für alle geförderten Filme eine Kopie hinterlegt werden muss.

Besserung 2027?

Die Bewahrung des deutschen Filmerbes braucht dringend einen Neuanfang. Ein guter Anlass für ein Zeichen in diese Richtung wäre der Kongress der Internationalen Vereinigung der Filmarchive im kommenden April in Berlin, wo die Filmarchivwelt bereits 1987 zu Gast war. Es wäre peinlich, wenn Deutschland dort mit Etatkürzungen und Schwierigkeiten bei der Digitalisierung auftritt. Es reicht ja schon, dass das Bundesarchiv im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Einrichtungen über kein eigenes Kino verfügt. Und auch die Kinemathek als Gastgeber nur einen Minisaal anzubieten hat.

Katharina Dockhorn

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