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Unsere Filmkritiken vom Juni und Juli aus der 25. & 27. KW 2024

Diesmal mit "BORN TO BE WILD", "WAS UNS HÄLT", "ABBÉ PIERRE", "KEIN WORT" und "IVO" - Einige Filme, die zu Beginn der Corona Pandemie im Jahr 2020 ihre Weltpremiere auf Festivals wie Cannes oder Venedig feierten, kommen leider erst jetzt bzw. im August wie "GAGARIN" in die deutschen Kinos, sind aber dennoch sehenswert.



"BORN TO BE WILD - Eine Band namens Steppenwolf" Musikdokumentation von Oliver Schwehm (Deutschland / Kanada, 2024; 103 Minuten), die passenderweise zum Motorrad-Spielfilm "The Bikeriders", der am 20. Juni mit Austin Butler gestartet war, seit gestern, den 04. Juli 2024 im Kino zu sehen ist. Mitwirkende: John Kay, Nick St. Nicholas, Michael Monarch, Dennis Edmonton (Mars Bonfire), Alice Cooper, Taj Mahal, Cameron Crowe, Klaus Meine, Jello Biafra, Dale Crover, Bob Ezrin, Shawn Kay, Mathias Greffrath, Maren Kassbaum Cook, Jutta Kay, Randee St. Nicholas, Tom Gundelfinger, Tom Pagan, Charlie Wolf und der Synchronstimme von Helge Schneider.

Hier der Trailer:



Elisabeths Filmkritik:

Kino. Große Leinwand. Der Einspann setzt ein. Zwei Männer auf Motorrädern. Der Highway vor ihnen, die Kamera nahe an den Akteuren dran, dann wieder der Highway. Sie ziehen an Brücken vorbei. Hinein in die Handlung. Peter Fonda. Dennis Hopper. Die United States of America. Kein Idyll, kein Land der Freiheit. Zwei Ritter auf ihren Maschinen und die Musik röhrt eindringlich:

"Get your motor runnin'
Head out on the highway
Lookin' for adventure
And whatever comes our way..." *

Das war 1969. Motorradfilme gab es zuhauf. Aber Dennis Hoppers "Easy Rider", der 1969 in Cannes uraufgeführt wurde, fing ein Lebensgefühl ein und bot mit der frischen Sicht einer Kamera eines Europäers (László Kovács, der zuvor schon einige dieser B-Movies gedreht hatte) auf das weite US-amerikanische Land. Eine Gesellschaftskritik, die mehr über das Gefühl als über die Dramaturgie vermittelt wurde. "Easy Rider" war der erste große Hit des New Hollywood. Hopper hatte den Film als Independent Produktion gedreht. Der Film wurde später aber doch von der Industrie einverleibt.

"...Like a true nature's child
We were born, born to be wild
We can climb so high
I never wanna die..." *

Bild und Musik verschmelzen so perfekt zu einer ikonischen Einheit, dass seitdem die eine Ebene nicht ohne die andere in Erinnerung tritt. Wer an "Easy Rider" denkt, hört im Kopf den Musiktrack. Wer an die Band "Steppenwolf" denkt, und vielleicht sonst nichts von ihnen kennt, hört im Kopf "Born to Be Wild" und hat fast automatisch die Bilder vom Highway und den Bikern vor dem inneren Auge.

"... I like smoke and lightning'
Heavy metal thunder
Racin' with the wind
And the feelin' that I'm under..." *

"Born to Be Wild" von Dennis Edmonton, Künstlername Mars Bonfire, kam ganz leise auf die Welt. Edmonton, der für kurze Zeit bei den Sparrows mitwirkte, der Vorgänger-Band von Steppenwolf, erzählt die Geschichte von dem berühmtesten Song von der kanadischen-US-amerikanischen Band, die ihren Namen von Hermann Hesse entlieh. "Born to Be Wild" wurde 1968 ein veritabler Hit. Aber erst Dennis Hoppers Film katapultierte die psychedelische Rock-Band, die unter anderem auch den Begriff des Heavy Metal stiftete, in die Rockannalen. Ein aufleuchtender Stern, der trotz den folgenden Hits wie "Magic Carpet Ride", schnell verglühte. Damit könnte man die Band fast schon abtun.

Musikdokumentationen gibt es zuhauf. Was gibt es schon über Steppenwolf zu erzählen? Viel. Es ist Oliver Schwehm ("Conny Plank - The Potential of Noise", "Fly, Rocket, Fly! - Mit Macheten zu den Sternen", "Der Unerschrockene: Der Berliner Filmproduzent Artur Brauner"), ursprünglich Redakteur beim Kultursender Arte, der hier eine längst vergessene Rockband aus der Versenkung holt. Die Geschichte der Band und besonders ihrer Haupt-Mitglieder ist kompliziert und facettenreich. Zwei konträre Egos verbanden sich und crashten gegeneinander. Die Band-Geschichte ist kurz, wurde aber von gleichnamigen Projekten elendig in die Länge gezogen und unzählige Nachgeborene coverten ihren berühmtesten Song. Der Dokumentarfilm, der nun die Geschichte von Steppenwolf erzählt, setzt aber in Deutschland ein.

Genauer gesagt in Arnstadt. Dort in der Johann-Sebastian-Bach-Kirche tritt nun Joachim Fritz Krauledat auf. Solo. Sein langer Lebensweg führte ihn von Tilsit in Ostpommern als Kind auf der Flucht, sein Vater war kurz vor seiner Geburt im Weltkrieg gefallen, in diese sogenannte Bach-Stadt. Hier verbrachte er einige Jahre seiner Kindheit, bis es aus der Sowjetzone nach Hannover ging. Wie so viele hörte er die Sender der Soldaten. Das waren AFN (American Forces Network) und BFBS (British Forces Broadcasting Service). Erst Ende der 50er zog die Familie nach Kanada und sein unaussprechlicher Name wurde auf ein "K", also Kay verkürzt.

In Kanada traf er auf Nick St. Nicholas, der eigentlich Klaus Karl Kassbaum hieß und auch aus Deutschland kam. Aber aus einer ganz anderen Ecke und aus einem ganz anderen Stand und Umfeld. Er stammte aus einer angesehenen hanseatischen Familie. Sein Vater war NS-Flottenkommandeur. Doch nicht nur die Herkunft der zwei treibenden Kräfte der Band könnte unterschiedlicher nicht sein. Auch ihr Naturell ist es. Oliver Schwehm holt beide vor die Kamera, aber nie zusammen. Organisch bringt Schwehm beide Biographien ein. Dabei überlässt er das Erzählen den Akteuren. Die Reibungen, die zwischen den beiden Köpfen wirkte, ist dabei das Gerüst. Die Machart des Dokumentarfilmes stellt sich nie in den Vordergrund und lenkt dabei nicht von dem Werdegang der einzelnen Mitglieder ab. Das ist ein Glücksfall. Die Geschichte der Bandmitglieder ist weit größer als eine weitere Bandgeschichte.

Oliver Schwehm weiß das Format Musikdokumentarfilm darüber hinaus als Bild einer Epoche zu nutzen. Er zeigt auf, woher die Musiker stammten, wie sie sich zusammengefunden und miteinander gewachsen sind. Wie sie sich in Toronto etablierten. Wie ihnen Toronto zu klein wurde. Schwehm zeigt auf, wie sich eine kleine kanadische Band bis an die Spitze kämpfte, um dort unter den Zwängen auseinander zu brechen. Er zeigt aber auch wie in einer Zeit, die mit "Summer of Love" umschrieben wird, eine Musikrichtung Aufwind nahm und sich entwickelte. Dabei enthält er sich des Kommentars und lässt vielmehr andere einen Einblick geben. Es ist Schwehms neuer Ansatz, der auf eine Band, eine Musikrichtung und eine Epoche einen neuen, interessanten Einblick zu geben weiß.

* Zitate aus den Lyrics zu "Born to Be Wild" von Mars Bonfire.

Elisabeth Nagy


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"WAS UNS HÄLT" Ehe-Drama von Daniele Luchetti, das vor vier Jahren im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig lief. Nach dem Roman "Für immer verbunden" von Domenico Starnone. (Italien / Frankreich, 2020; 100 Min.) Mit Laura Morante, Luigi Lo Cascio und Alba Rohrwacher seit 20. Juni 2024 im Kino. Hier der Trailer:



Synopsis:
Nachdem die gemeinsamen Kinder gerade ins Bett gegangen sind, gesteht Aldo (Luigi Lo Cascio) seiner Frau Vanda (Alba Rohrwacher), dass er sie betrogen hat. Gut 30 Jahre später, sind Aldo und Vanda immer noch ein Paar, aber ihre Beziehung ist nicht mehr dieselbe. Auch die beiden, damals 9 und 11 Jahre alten Kinder, mussten seitdem in einem Umfeld aufwachsen, dass von permanenter Spannung und unterschwelliger Feindseligkeit geprägt war.

Ulrikes Filmkritik:

Neapel Anfang der 1980er Jahre.

Das Ehepaar Aldo (Luigi Lo Cascio) und seine Frau Vanda (Alba Rohrwacher) kommen von einem Fest mit ihren beiden Kindern fröhlich nach Hause, nachdem sie sich beim Ententanz amüsiert haben. Aldo ist nur am Wochenende in Neapel, Den Rest der Woche ist er in Rom und arbeitet als Journalist und Sprecher beim Rundfunk. Zuhause angekommen kümmert er sich um Sohn und Tochter. Er badet die Kinder, dann sehen alle miteinander fern und zum Schluss liest der Vater den Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Seine Tochter Anna liebt seine Stimme.

Als die Kinder eingeschlafen sind, gesteht er seiner Frau, dass er mit einer anderen Frau geschlafen hat. Es wäre wohl besser gewesen, es ihr nicht zu sagen. Sie will nichts hören, er soll sofort gehen. Am nächsten Tag taucht Vanda im Studio von RAI auf und schildert ihm, wie weh er ihr getan hat.

„Ich bin dir nach Neapel gefolgt. Wir haben uns bei der Heirat versprochen für immer zusammenzubleiben.“

Sie fleht ihn an, wieder nach Hause zu kommen. Als er wieder da ist, wirft sie ihm vor, sich mit seinen Kindern zu langweilen und mit seinen Gedanken nur in Rom zu sein. Sohn Sandro und Tochter Anna möchten ihn gerne einmal im Radio sprechen hören, wenn er einen Text vorliest. Doch nach kurzer Zeit schaltet Vanda das Gerät wieder aus. Die Kinder müssen zur Schule. Ihr Mann ist schon draußen. Sandro und Anna beobachten vom Auto aus, wie sich die Eltern prügeln.

Auch wenn er Vandas Traum von einer Ehe für immer zerstört hat, sorgt sie dafür, dass er seine Kinder weiterhin besucht und denkt dabei mehr an sich. Auf keinen Fall will sie, dass Aldo den Kindern Dinge schenkt, die dessen neue Freundin Lidia für sie ausgesucht hat. Aldo vermeidet es, die Kinder mit zu Lidia zu nehmen, denn er weiß, wie sehr Vanda leidet und auch nicht davor zurückschreckt, Gewalt anzuwenden.

Als Sprecher wird Aldo immer berühmter. Aber wenn er die Kinder abholt, bringt er sie immer pünktlich wieder zurück.

Dreißig Jahre später leben Vanda, gespielt von Laura Morante und Aldo, gespielt von Silvio Orlando, immer noch zusammen. Es sieht so aus, als ob das Ehepaar und die inzwischen erwachsenen Kinder Anna (Giovanna Mezzogiorno) und Sandro (Adriano Giannini) einen hohen Preis für die langjährige dysfunktionale Beziehung bezahlt haben.

Auch nach dreißig Jahren hat sich kaum etwas geändert. Vanda nörgelt noch immer herum und Aldo trauert seiner Lidia (Linda Caridi) nach. Was die beiden bindet, bleibt unklar.

Daniele Luchettis Adaption des 2014 erschienen Romans „Lacci“ von Domenico Starnone zeichnet das andauernde Bild einer toxischen Beziehung. Besonders Vanda will mit allen Mitteln ein intaktes Familienbild aufrechterhalten.

Es gibt eine Szene, in der Aldo seiner Tochter liebevoll zeigt, wie man Schnürsenkel (Lacci) bindet. Im italienischen heißt der Film ebenfalls "LACCI", was so viel wie Schlinge bedeuten kann, die man jemandem um den Hals legt.

Die Geschwister haben sich Zeit genommen und die Beziehung ihrer Eltern reflektiert. Bruder und Schwester haben eine unterschiedliche Meinung. Doch die beiden sind sich meist einig und das macht ihnen viel Spaß.

Ulrike Schirm


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ABBÉ PIERRE - Ein Leben für die Menschlichkeit" Historienfilm aus dem Jahre 2023 von Frédéric Tellier (Frankreich, 2023; 137 Min.) Mit Benjamin Lavernhe, Emmanuelle Bercot, Alain Sachs und vielen anderen seit 4. Juli 2024 im Kino. Hier der Trailer:



Elisabeths Filmkritik:

Ein wahrlich bewegtes und langes Leben war Henri Antoine Grouès beschieden. Sein Pseudonym Abbé Pierre nahm er in der Résistance im II. Weltkrieg an. Unter diesem Namen kannte ihn in Frankreich wohl jedes Kind. Er gehörte bei Umfragen Jahrzehnte lang zu den beliebtesten Franzosen. Er kam aus wohlhabendem Haus, doch schon sein Vater half den weniger Wohlhabenden. Nicht aus der Ferne, sondern vor Ort. Henri trat in jungen Jahren in den Kapuzinerorden ein. Doch er erkrankte an Tuberkulose und galt für das Klosterleben als zu schwach. Für ihn brach eine Welt zusammen.

Mit einer Szene in einem Kloster eröffnet auch der Regisseur Frédéric Tellier dieses Biopic von 2023, der jetzt in die deutschen Kinos kommt, obwohl oder vielleicht gerade weil diese Geschichte kaum in den deutschen Köpfen präsent ist. Der Abt des Klosters tröstet den jungen Mann, dass er sicherlich eine Aufgabe finden wird. Dessen Träume und Zweifel etabliert Tellier in einer fast phantastischen Sequenz, die nach einer großen Leinwand verlangt. So geradlinig der Film diese Lebensgeschichte erzählen will, so oft schwenkt er um, um auf einer surrealen Ebene die Zweifel dieses Mannes zu etablieren und ihn mit Figuren zu verbinden, die bereits vorangegangen sind. Benjamin Lavernhe ("Das Leben ist ein Fest", "Mein Liebhaber, der Esel & Ich") spielt diesen Mönch mit Hilfe eines bemerkenswert authentischen Maskenbildes über einen Zeitraum von 70 Jahrzehnten. Mag die Verfilmung auch seine Schwächen haben, die Maske und das Schauspiel machen diese wett.

Dass die Lebensgeschichte von Abbé Pierre nicht in den Maßen bei uns bekannt ist, wie in dessen Heimat, mag dem Film zugutekommen. Und doch ist es auch eine Hürde. Der Mann sprang dem Tod so oft von der Schippe, dass man glaubt, die Dramaturgie würde patzen. Er hatte mehr als neun Leben und immer wieder zweifelt der Fabrikantensohn an sich und an seinen sich selbst gestellten Aufgaben. Das wirkt mitunter redundant.

Es war in einem besonders grimmigen Winter, 1953 zu 1954. Der Krieg war bereits vorbei, der Aufbau noch nicht einmal ansatzweise abgeschlossen. In der Kälte erfroren die Menschen, die immer noch keine Wohnungen hatten. Abbé Pierre, der nach dem Krieg auch als Politiker tätig war, wählte das Radio, hielt eine Ansprache, appellierte an alle Menschen, sie mögen sich gegenseitig helfen. Die Menschen halfen und auch ein Wohnungsbauprogramm wurde endlich angestoßen. Abbé Pierre schwang aber nicht nur Reden, er half unmittelbar. Zusammen mit seiner Mitstreiterin aus den Tagen des Widerstands, Lucie Coutaz (Emmanuelle Bercot), gründete er die Organisation Emmaus, die mittlerweile international aufgestellt ist. Man gab den Ärmsten und Obdachlosen nicht nur eine Unterkunft, sondern eine Aufgabe. Hilfe zur Selbsthilfe.

Was erstaunt, ist, dass in der Nachkriegszeit nicht alles gut wurde. Die Schere zwischen Arm und Reich klaffte schon damals derart auseinander, dass es das Publikum betroffen macht und betroffen machen soll. Denkt man sich aber bei den Bildern aus den 50ern, wie könne es sein, dass immer noch dieses Elend herrscht, dann verfestigt sich bald die Erkenntnis, dass wir kaum einen Schritt weiter sind. Auch das Drehbuch greift schließlich dieses Fazit auf und führt uns bis zu der Armut im 21. Jahrhundert. Kein Wunder, dass Abbé Pierre, dessen Verfehlungen zwar nicht gänzlich unter den Teppich gekehrt werden, sein Scheitern vor Augen hatte. Hier richtet sich "Ein Leben für die Menschlichkeit" direkt an uns Zuschauende, diesen Kampf weiterzuführen.

Auch wenn "Ein Leben für die Menschlichkeit - Abbé Pierre" zu lang in seiner Laufzeit ist, zu sehr in einzelne Episoden zersplittert, oftmals mit eher ablenkenden Stilmitteln arbeitet, ganz offensichtlich auch agitiert, schaut man dem Schauspiel gerne zu. Es sind auch die Nebenfiguren wie die der Lucie Coutaz, die den Abbé herausfordert, ihm Contra gibt, im

Hintergrund für das unverzichtbare Kleinklein des Alltags sorgt, und damit dem Biopic vor der Selbstgefälligkeit rettet. Frédéric Tellier nahm sich einem in Frankreich wohl bekannten Stoff an und wollte wohl den großen, allumfassenden Wurf. Sein Film begleitet Abbé Pierre bis zu seinem Tod 2007 im stolzen Alter von 94. Dabei wurde sein Leben bereits von einigen Spielfilmen und einigen Dokumentarfilmen aufgegriffen. Tellier springt sicherlich ein paar Episoden zu oft und bohrt allzu oft nicht tief genug, wenn er die Stationen eines Lebens abarbeitet, aber die politisch-gesellschaftliche Entwicklung am Bildrand belässt. Er vernachlässigt die progressive Seite des Abbé. Er geht auf seinen Kampf gegen das Zölibat und zum Beispiel für die LBGTQ+-Bewegung nicht ein. In den Szenen in den letzten Lebensjahren kriegt der Film dann doch noch die Kurve und haut uns die heutige Armut um die Ohren.

Elisabeth Nagy


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"KEIN WORT" Drama von Hanna Slak um den mysteriösen Unfall des Sohnes einer Dirigentin, der den Abgrund zwischen den beiden noch mehr vertieft und letztlich auch sie aus ihrem streng geregelten Leben herausreißt. (Deutschland / Frankreich / Slowenien, 2023; 87 Min.) Mit Maren Eggert, Jona Levin Nicolai, Maryam Zaree und Mehdi Nebbou seit 4. Juli 2024 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Schweigen kann verletzlicher sein als ausgesprochene Worte. So zu sehen im Drama „Kein Wort“.

Nina (Maren Eggert) ist Dirigentin. Sie leitet das Orchester an der Philharmonie. Es sieht so aus, als ob sie einen weiteren Schritt auf ihrer Karriereleiter macht. Ständig ist sie erreichbar und hat kaum Zeit für ihren Sohn Lars (Jona Levin Nicolai). Gespräche, die anstrengend sein könnten, vermeidet sie. Dass in der Parallelklasse ihres Sohnes ein 13-jähriges Mädchen verschwunden ist, hat sie nebenbei mitbekommen aber ihren Sohn zu fragen, was denn passiert sei, fällt ihr schwer.

Als Lars mit einer Gehirnerschütterung nach einem Fenstersturz in der Schule im Krankenhaus liegt, besinnt sie sich und versucht ihrem Sohn wieder näher zu kommen. Man sieht, wie Lars an der nicht stattfindenden Kommunikation leidet. Es wird ihr klar, dass sie ihre Proben unterbrechen muss, wenn sie die Beziehung zu dem Jungen retten will, wenn sie überhaupt noch zu retten ist?

Sie schlägt Lars vor, einige Tage weg zu fahren, um zu entspannen. Er schlägt das alte Familienferienhaus vor, gelegen an der schroffen französischen Atlantikküste. Doch so schnell lassen sich Risse nicht kitten. Lars fühlt sich wohl auf der Insel. Sie haben ihre Sommerferien dort immer verbracht. Die Insel ist voller Erinnerungen für ihn. Auch das raue Klima gefällt ihm.

Wirklich zusammen sind sie nicht. Keine gemeinsamen Spaziergänge, keine gemeinsamen Gespräche. Nina hängt die meiste Zeit am Telefon und das Schweigen nimmt immer mehr zu. Besonders ärgerlich, wenn ein Funkloch die Anrufe zunichte macht, denn sie versucht die Proben über das Telefon zu organisieren. Von Erholung kann keine Rede sein. Fragen stellt sie dem Jungen wieder nicht, sondern gibt die Antworten dem sprachlosen Jungen einfach vor.

Man spürt, sie hat Angst vor der unangenehmen Wahrheit, ob ihr Sohn mit dem Verschwinden des Mädchens etwas zu tun haben könnte. Die Distanz zwischen den beiden scheint unüberbrückbar zu sein. Die raue Landschaft, dargestellt in beeindruckenden Bildern, zeugt von dem Innenleben der beiden Protagonisten. Lars repariert das kaputte Boot und freut sich, dass es ihm gelingt. Sie müssen zurück, da ein doller Sturm aufkommt. Die Arbeit an dem Boot ist die erste gemeinsame Tat zwischen Mutter und Sohn.

Das tosende Meer und der stürmische Wind, sowie die dramatischen Orchesterklänge sorgen für eine besonders starke Dramatik. Von der Komponistin Amélie Legrand wurden für den Film extra eigene Stücke komponiert. „Mahlers Fünfte Sinfonie spiegelt die zentrale Mutter-Sohn-Beziehung wider“. Zum Ende hin spitzt sich die Dramatik wie in einem Thriller zu, flacht dann wieder ab und hinterlässt einige offene Fragen.

Ulrike Schirm


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"IVO" Sterbehilfe-Drama von Eva Trobisch. Ein intensiver Blick auf den Alltag einer Palliativpflegerin, der auf der 74. Berlinale in der Reihe »Encounters« seine Premiere feierte. (Deutschland, 2024; 104 Min.) Mit Minna Wündrich, Pia Hierzegger, Lukas Turtur und Johann Campean seit 20. Juni 2024 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Ivo (Minna Wündrich) ist Palliativpflegerin, die todkranke Menschen betreut. Gefühlsduselei kann sich bei dieser verantwortungsvollen Arbeit nicht erlauben. Sie ist freundlich, sehr professionell aber verströmt eine gesunde Distanz, wäre da nicht ihre Freundin Solveigh (Pia Hierzegger) und ihr Ehemann Franz (Lukas Turtur) zu denen sie ein besonders enges Verhältnis hat. Von früh bis spät ist Ivo pausenlos in ihrem alten Skoda unterwegs. Die Wege im Ruhrgebiet sind lang und die täglichen Hausbesuche erfordern viel Zeit. Ohne ihre Freisprechanlage wäre Ivo aufgeschmissen. Der alte Skoda ist so etwas wie ihr Wohnzimmer. Hier singt sie zur Radiomusik mit, isst ihre Stullen, gönnt sich Gummibärchen und manchmal heult und flucht sie auch. Aber was sind schon ihre Probleme im Gegensatz zu denen ihrer Patienten. Manchmal, wenn es dann doch eine kleine Pause gibt, raucht sie eine Zigarette und starrt zur Entspannung in die Weite. Kurze Momente, in denen sie bei sich ist. Ihre Teenager-Tochter und auch der Hund haben sich schon lange von ihr losgelöst.

Regisseurin Eva Trobisch („Alles ist gut“) thematisiert dieses Tabuthema auf dokumentarische Weise. Sie folgt Ivo beim Spritze geben, beim Einstellen eines Tropfes, beim Waschen der Patienten und beim Kümmern um die Angehörigen, wenn sie Hilfe und Zuspruch benötigen. Für Ivo gehört nun mal der Tod zum Alltag, mit allem, was dazu gehört. Das Verhältnis ihrer Patienten zum Tod ist unterschiedlich. Einige zürnen, andere sind duldsam und manche haben ihren Humor nicht ganz verloren. Hin und wieder gibt es auch komische Momente.

Das besondere Verhältnis zu ihrer Freundin Solveigh, die an ALS erkrankt ist, wünscht sich nichts mehr als ihrem leidvollen Leben ein Ende zu setzen und bringt Ivo an ihre Grenzen:

„Wenn du mir nicht hilfst, muss ich aus dem Fenster springen.“

Wie soll Ivo da reagieren, zumal sie mit Solveigh ein inniges Verhältnis hat. Die beiden Frauen liegen oft beisammen und kuscheln miteinander und erzählen sich Geschichten. Und dann ist ja da auch noch der heimliche Sex, den Ivo mit Solveighs Mann hat. Einen assistierten Suizid will Solveigh ihrem Mann nicht zumuten. Und schon wird man daran erinnert, dass es den legal assistierten Suizid in Deutschland noch immer nicht gibt. Einige Politiker können sich noch immer nicht zur Bewilligung entschließen, obwohl das Verfassungsgericht dem längst zugesprochen hat. Es gibt eine Szene in der Solveigh die Vorgehensweise eines assistierten Suizids genau erklärt. Beide Frauen ringen miteinander um eine Entscheidung.

Eva Trobisch hat für längere Zeit Pflegekräfte bei ihrer Arbeit begleitet und das Miteinander von Leben und Sterben in der Palliativmedizin in sich aufgesaugt und konnte so in ihrem Film die dokumentarische Realität glaubwürdig inszenieren, was das bläuliche Licht ihrer Bilder noch unterstreicht. Trobisch verlässt sich statt auf viele Worte auf Innenansichten und Alltagsbeobachtungen.

Große Unterstützung hatte Trobisch von Johann Campean, dem Vater des Kameramanns, der im Film Ivos Chef spielt. Er war vor seiner Rente Palliativmediziner, der die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung im Kreis Mettmann gründete. SAPV genannt. Seine Bedingung die Rolle zu übernehmen, bestand darin, dass er mit den von Schauspielern verkörperten Kranken und ihren Familien genauso spricht, wie auch sonst bei der Arbeit. So trifft purer Realismus auf Fiktion und kommt einer Dokumentation noch näher.

Dank Minna Wündrichs großartiger Darstellung, besonders ihrer Gratwanderung zwischen alltäglicher Berührung mit dem Tod und der folgenden Trauer, die er mit sich bringt.

Ein feinfühliger Blick auf den Tagesablauf einer Palliativpflegerin, die es trotzdem schafft, eine gewisse Nüchternheit zu behalten.

Ulrike Schirm


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