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Aktuelle Filme in der Kritik - Dezember 2019, Teil 1

Ulrikes Filmrezensionen von Anfang Dezember 2019.



Am Samstag, 7. Dezember 2019, schrieben wir über Förderungen der Europäischen Kommission im Rahmen ihrer #Digital4Culture Strategie, damit auch alte und pflegebedürftige Menschen am kulturellen Leben teilnehmen können.

Dass dies auch junge kranke Menschen betreffen könnte zeigt ein aktueller Film, der zum Thema Förderungen für Behinderte durchaus passen könnte. Danach folgt die Besprechung eines ebenfalls traurig endenden Films, der aber mit Schwung und witzigen Dialogen gespickt ist, die man von einem deutschen Film kaum erwartet.

Drittens folgt der von uns beim letzten Mal (2. Dezember 2019) schon angekündigte Woody-Allen-Film, der uns zwar ein wenig altbacken und sehr mondän erscheint, was jedoch der damaligen Zeit entspricht, aber durch die umwerfenden schauspielerischen Künste des jungen kanadischen Thimothée Chalamet ("Call me by Your Name") mehr als sehenswert ist. Der Film wird leider nur kurze Zeit im Kino laufen können, bevor er recht bald auf Amazon Prime ausgewertet wird.

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"ALLES außer GEWÖHNLICH" Tragikomödie, von Eric Toledano & Olivier Nakache, den Machern von "Ziemlich beste Freunde" (Frankreich). Mit Vincent Cassel, Reda Kateb, Hélène Vincent u.a. seit 5. Dezember 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Bruno (Vincent Cassel) und Malik (Reda Kateb) haben es sich zur Aufgabe gemacht, ohne offizielle Genehmigung, die Lebensumstände von autistischen Kindern und Jugendlichen zu verbessern, und das, ohne Sentimentalität und ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben.

Autisten leiden an der Unfähigkeit zu kommunizieren. Aber wenn man ihnen die nötigen Anregungen bietet, kann man ihre Sensomotorik steigern. Ihr Verein nennt sich „Die Stimme der Gerechten“. Sie kümmern sich besonders um die Fälle, die von der Gesellschaft im Stich gelassen wurden. Die beiden Regisseure Éric Toledano und Olivier Nakache haben für ihren Spielfilm, nach einer wahren Geschichte, bewusst mit echten Betreuern und echten Autisten zusammengearbeitet. Realität und Fiktion verschwimmen immer wieder. Dadurch gelingt es, den Blick auf die inneren Konflikte der Figuren zu richten und ein Gespür für ihren Alltag und ihre Probleme zu entwickeln.

Unermüdlich sind Bruno und Malik unterwegs. Feste Arbeitszeiten gibt es für sie nicht. Unterstützt werden sie von jungen Pflegern, die zum großen Teil aus sozialen Brennpunkten stammen und Schwierigkeiten haben, von der französischen Gesellschaft integriert zu werden. Sie bekommen hier eine Chance, Fuß zu fassen. Besonders Malik kümmert sich um die Jugendlichen aus verschiedenen Nationen, in dem er ihnen beim Lernen der französischen Sprache hilft, ihnen Höflichkeit und Pünktlichkeit beibringt.

Doch nun könnte damit Schluss sein. Weil ihre Mitarbeiter nach dem Gesetz nicht ausreichend qualifiziert sind und die Räumlichkeiten nicht den vorgeschriebenen Normen entsprechen, soll die Einrichtung geschlossen werden.

Schlitzohrig und gewieft beginnt für Bruno und Malik der Kampf gegen die Obrigkeit. Ein Aus wäre eine Katastrophe. Es ist unglaublich berührend mitzuerleben, was für Fortschritte diese Menschen durch die aufopferungsvolle Geduld, der Liebe und dem Verständnis ihrer Betreuer machen. Ein großartiges Plädoyer für Menschlichkeit und Engagement.

Bruno: „Irgendwann zahlt es sich aus, was wir hier reingesteckt haben“. „Alles außer gewöhnlich“ ist traurig, feinfühlig und auf behutsame Weise komisch.

Reda Kaleb: „Kein Film hätte mich weiterbringen können, als dieser es vermochte“.

Schlussendlich ein Film, der ein Bewusstsein für die Krankheit Autismus schafft. Von den Machern "Ziemlich beste Freunde", "Heute bin ich Samba" und "Das Leben ist ein Fest".

Hoffentlich erreicht dieser Film ebenso viele Zuschauer wie "ZIEMLICH BESTE FREUNDE". Er hat es verdient. Selten sieht man Schauspieler, die so viel Herz und Eifer in ihre Rolle stecken.

Ulrike Schirm


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"AUERHAUS" Drama von Neele Leana Vollmar (Deutschland) basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Bov Bjerg. Mit Damian Hardung, Max von der Groeben, Luna Wedler u.a. seit 5. Dezember 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Neele Leana Vollmer ("Rico, Oskar und die Tieferschatten", "Mein Lotta-Leben – Alles Bingo mit Flamingo") hat längst bewiesen, dass sie ein gutes Gefühl für außergewöhnliche Kinder – und Jugendfilme hat.

Nun ist es ihr wieder gelungen eine großartige Verfilmung des Bestsellers „Auerhaus“ über eine ungewöhnliche Schüler-WG in der deutschen Provinz auf der Leinwand lebendig werden zulassen. Bov Bjergs Roman handelt von einer Gruppe Jugendlicher, die sich nicht in vorgegebene Lebensweisen zwängen lassen wollen, angelegt in den 80-Jahren. Ihr Leben erscheint ihnen erschreckend durchgeplant.

Höppner (Damian Hardung "Club der roten Bänder") besucht das „Gymnasium am Rande der Stadt“, fühlt sich dort aber nicht wohl. Mit seinem Klassenkameraden Frieder (Max von der Gröben) verbindet ihn eine Art Zweckfreundschaft. Frieder erledigt für ihn die Hausarbeiten und hilft ihm damit, das Abitur zu schaffen. Zuhause nervt ihn der ständig provozierende Stiefvater (Milan Peschel). Weil er sein Leben so langweilig findet, macht sich Höppner den Spaß herauszufinden, wie viele Musterungsbescheide ihm zugeschickt werden, bis irgendwann die Polizei bei ihm auftaucht.

Frieder, den er nach einem missglückten Selbstmordversuch in der Psychiatrie besucht, macht ihm einen rettenden Vorschlag. Er bietet ihm an, wenn er endlich entlassen wird, mit ihm in das alte Bauerhaus seines Großvaters zu ziehen, um auf ihn aufzupassen. Dann müsste er doch nicht mehr bei seiner Mutter (Anja Schneider) und dem unleidlichen Stiefvater wohnen. Höppner findet die Idee gut, traut sich aber nicht so ganz allein die Verantwortung für Frieder zu übernehmen. Da für Frieders Vater ein Suizid eine Todsünde ist, will er nicht mehr in sein Elternhaus zurück.

Höppner überredet seine Freundin Vera (Luna Wedler) mit einzuziehen. Zu ihnen gesellt sich noch, die aus einem wohlhabenden Elternhaus stammende, strebsame Cäcilie (Devrim Lingnau). Ihr neues Heim nennen sie AUERHAUS, nach dem bekannten Hit „Our House“ der britischen Ska-Band Madness (1983).

Endlich können sie tun und lassen, was sie wollen und nach ihren eigenen Regeln leben. So lässt sich das trostlose Kaff leichter ertragen.. Frieder gesteht, dass er sich nicht umbringen wollte. Er wollte nur nicht mehr leben und das ist ein grosser Unterschied, betont er.

Der Film strahlt eine ungewöhnliche Ruhe aus. Er lässt dem Zuschauer genug Raum, um den Weltschmerz, Freundschaft, erste Liebe und das Thema Suizid, mit den hervorragenden Darstellern, mitzufühlen. Ein gelungenes Beispiel dafür, dass der deutsche Film noch lebt.

Ulrike Schirm


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"A RAINY DAY IN NEW YORK" Romanze von Woody Allen (USA). Mit Timothée Chalamet, Elle Fanning, Selena Gomez u.a. seit 5. Dezember 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

"A Rainy Day in New York" wird in den USA nicht gezeigt. Die Missbrauchsvorwürfe gegen Woody Allen kommen wider hoch. Sein Film wurde von den Amazon Studios aus dem Verkehr gezogen. Auch seine Autobiografie will niemand drucken. Angeblich will auch keiner seiner Schauspieler den Film bewerben. Bewiesen ist nichts. Wenigstens in Europa darf sein Film das Licht der Kinoleinwand erblicken.

Das naive College-Girl Ashleigh (Elle Fanning) ist total aufgeregt. Sie darf für die Studentenzeitung ein Interview mit ihrem Idol, dem berühmten Kultregisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) führen. Das nimmt ihr Freund Gatsby Wells (Timothée Chalamet) ein verwöhnter Junge aus reichem Hause, zum Anlass, sie zu einem Romantik-Wochenende in seine Heimatstadt New York einzuladen. Da er beim Pokern eine Menge Geld gewonnen hat, bucht er ein Luxushotel, plant einen Besuch im Edelrestaurant und die obligatorische Kutschfahrt durch den Central Park.

Bevor sie das alles genießen kann, muss sie das ersehnte Interview führen. Da Pollard nicht so richtig Interviewstimmung ist, lädt er Ashleigh zu einer Vorführung seines neuen Films ein. Mit dabei, sein Drehbuchautor (Jude Law) und der Star seines Films (Diego Luna). Ashleigh ist beeindruckt und vertröstet Gatsby am Telefon, dass sich alles verzögert und sie später kommt.

Gatsby ist enttäuscht und schlendert alleine durch sein geliebtes Manhattan, im Regen. In einem viel zu großen Tweedjacket, seiner Zigarettenspitze, seinen fahrigen Bewegungen und seinem Sarkasmus, erinnert er an Allens Filmfigur in „Der Stadtneurotiker“.

Während Ashleigh von einer verfänglichen Situation in die nächste gerät, trifft Gatsby zufällig seine frühere Freundin Shannon (Selena Gomez) wieder. Ein alter Schulfreund dreht gerade in den Stassen New Yorks und bittet Gatsby um einen Filmkuss mit Shannon hinter einer verregneten Windschutzscheibe. Er geht mit ihr mit. Während sie sich umzieht, setzt er sich an den Flügel und beginnt mit verführerischer Stimme, Chet Bakers „Everything happens to me“, zu singen. Sie kommt zurück und stimmt mit ein... Eine der schönsten Szenen, die ahnen lässt, das zwischen den beiden mehr passiert, als ein flüchtiges Wiedersehen.

„A Rainy Day in New York“ ist ein typisch, echter Woody Allen Film. Weniger eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, sondern eine nostalgische Liebesgeschichte an die Stadt New York, mit ihren schummrigen Bars, der Jazz-Musik, getaucht in eine besondere farbliche Bildgestaltung. Allen ist sich selbst treu geblieben. Es ist ein Trip in die Vergangenheit, nur diesmal mit bildhübschen jungen Leuten… Singin' in the Rain.

Ulrike Schirm


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