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Gewinner des Kindertiger und unsere Filmritiken im November 2019, Teil 4

Lea Schmidbauer gewinnt Kindertiger für "Ostwind - Aris Ankunft".



Am 8. November 2019 hatten wir die Nominierten für den Kindertiger Drehbuchwettbewerb vorgestellt. Nun steht die Gewinnerin fest, den Lea Schmidbauer für ihr Drehbuch zum Film "Ostwind - Aris Ankunft" bekam.

Hier der Trailer:



Stellungnahme der Jury:
"Das Drehbuch hat uns mit seinem besonderen und genauen Schreibstil beim Lesen am meisten gefesselt. Die Charaktere, die spannenden Konflikte der Figuren und die stimmungsvollen Beschreibungen der Szenen haben uns sofort emotional erreicht und wir hatten ganz klare Bilder vor Augen. Schon beim Lesen sind wir in die Geschichte eingetaucht."


Mit diesen Worten begründete die Jugendjury der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) ihr Votum für das Drehbuch zu "Ostwind - Aris Ankunft" und damit seine Autorin Lea Schmidbauer. Entgegennehmen durfte Sie den mit 20.000 Euro dotierten Drehbuchpreis Kindertiger, der seit 2008 von Vision Kino und dem KiKa vergeben wird, von Frank Völkert, dem stellvertretenden Vorstand der FFA, die das Preisgeld stellt. Eine Sondersendung zum Kindertiger wurde am 23. November 2019 bei KiKA ausgestrahlt.

Eingebettet war die Vergabe in diesem Jahr erstmalig in ein umfangreiches filmpädagogisches Projekt: In Zusammenarbeit mit der FBW hatten sich elf Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis zwölf Jahren mit den drei vorab nominierten Drehbüchern in mehrtägigen Workshops beschäftigt, in denen die Geschichten spielerisch analysiert wurden.

Über eine Prämie in Höhe von jeweils 5.000 Euro konnten sich die weiteren Nominierten freuen: Anja Flade-Kruse, John Chambers und Mark Schlichter für das Drehbuch zu "Alfons Zitterbacke" sowie Simone Höft und Nora Lämmermann für das Drehbuch zu "Unheimlich perfekte Freunde".

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Die Idee, Filme zu Hause bei Netflix als Stream zu sehen, mag zwar für Serien ganz nett sein, ist aber für besondere Kinofilme, die auf die große Leinwand gehören, nicht zu empfehlen. Leider aber sträuben sich die in der AG Kino - Gilde organisierten Arthouse-Filmtheater, nicht einmal die wenigen guten Netflix-Kino-Produktionen zu zeigen. Mit einem Boykott schadet man sich aber auf lange Sicht selber, denn schon im letzten Jahr wollte das Publikum den Netflix Oscar-Gewinner "ROMA" auch im Kino sehen.

Glücklicherweise zeigen einige wenige Kinos dennoch in diesem Jahr wieder die diesjährigen Oscar-Einreichungen von NETFLIX, zu denen neben "THE IRISHMAN" auch "MARRIAGE STORY" gehört.

Ein spannenderes Scheidungsdrama seit Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" aus dem Jahre 1973 haben wir seit langem nicht mehr gesehen. Für Cineasten ein unbedingtes muss.

Leider gab NETFLIX die beiden genannten Filme in nur sehr kurzem Abstand für eine Kinoauswertung frei. Da "THE IRISHMAN" sehr erfolgreich läuft, blieb für "MARRIAGE STORY" in den wenigen verbliebenen Filmtheatern, die den Film zeigen wollen, vorerst nur die Nachmittagsvorstellung übrig, was sich leider auf die Zuschauerzahlen wenig positiv auswirkt.

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"MARRIAGE STORY" Drama von Noah Baumbach (USA). Mit Adam Driver, Scarlett Johansson, Laura Dern u.a. seit 21.11.2019 in ausgesuchten Kinos. Ab 6.12.2019 nur auf NETFLIX.

In Berlin wird der Film heute, 26.11.2019 im Kino Wolf im Bezirk Neukölln als Event von 11:00 - 13:00 Uhr im Rahmen einer Veranstaltungsreihe für Eltern und ihre Babys gezeigt – Stillen und Schlafen ausdrücklich erwünscht! Ab 29.11. - 11.12.2019 läuft der Film Mo.+Di. um 14:10 sowie tägl. außer Mo. & Mi. um 21:10 Uhr.

Das brandneue Kino & Bar in der Königsstadt in Prenzlauer Berg präsentiert den Film nur noch einmal am 30.11.2019 um 16:30 Uhr.

Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Am Anfang könnte man Noah Baumbachs „Marriage Story“ noch für einen Liebesfilm halten, wenn Theaterregisseur Charlie Barber (Adam Driver) und seine Frau Nicole (Scarlett Johannson) aufzählen, was sie gegenseitig an ihrem Partner oder Partnerin lieben.

Sie: „Er liebt es Vater zu sein. Er erträgt meine Launen und macht mir deswegen nie ein schlechtes Gewissen. Er weiß, sich zu kleiden, was den meisten Männern schwerfällt. Er liebt all das, was andere nicht mögen“.

Er: „Sie macht die besten Geschenke. Sie weiß, wann sie mich antreiben muss und wann sie mich besser in Ruhe lässt. Sie schafft es nie die Schranktüren zu schließen und sie ist in meinem Theaterensemble meine Lieblingsschauspielerin“. Schnitt.

Nun sitzen sie beide bei einem Paartherapeuten, mit der Hoffnung, ihre Trennung doch noch irgendwie abzuwenden, wobei er mehr Hoffnung hegt als sie.

Nicole weigert sich, dem Therapeuten vorzulesen, was sie an Charly mal gemocht hat, während er seinen Zettel hervorholt und es ihm vorliest.

Schnell wird klar, sie will nur noch weg. Nach Jahren als Paar, will sie endlich wieder ihr eigenes Leben führen und New York verlassen. Ihrem achtjährigen Sohn Henry zuliebe, soll die Scheidung friedlich und einvernehmlich stattfinden. Nicole zieht mit Henry (Azhy Robertson) nach Los Angeles, um die Hauptrolle in einer Serie zu spielen. Sie mag die Stadt sowieso lieber als New York, weil da mehr Platz ist.

Für Charly, der sehr an seinem Sohn hängt, eine schwierige Situation. Er ist gewissermaßen gezwungen, wenn er das Kind sehen will, nach L.A. zu fliegen, was sich schwer mit seiner Arbeit am Theater vereinbaren lässt. Außerdem hat Nicole ihr Wort gebrochen und eine Anwältin hinzugezogen. Auch er muss sich nun einen Anwalt suchen. Es beginnt ein zäher Kampf um das Sorgerecht für seinen Sohn.

Besonders er wird durch die Scheidungsmangel gezogen. Inzwischen hat er sich eine kleine Wohnung in L.A. genommen. Eine Frau vom Jugendamt taucht bei ihm auf, um seine Tauglichkeit als Vater zu prüfen. Charly macht eine köstliche Show aus ihrem Besuch, basierend auf herrlich trockenem Humor.

Trotz aller Bitterkeit aus einer Familie geschiedene Menschen mit einem Kind zu machen, hat Baumbach einige humorvolle Momente eingebaut, ohne die traurigen Wahrheiten zu vernachlässigen. Sein Drehbuch steckt voller kluger und sensibler Alltagsbeobachtungen. Es ist schmerzlich mit anzusehen, wie dieses Paar, was sich mal geliebt hat in einen Strudel von gegenseitiger Verletzbarkeit, Wut, Unverständnis, Hass und auch Zuneigung gerät und sich letztendlich nichts mehr zu sagen hat. Obwohl das Drama mehr als zwei Stunden dauert, spürt man die Länge nicht. Driver und Johannson spielen sich die Seele aus dem Leib. Besonders Driver, der bisher sehr zu zurückgenommen und mit einer besonderen Coolness in seinen bisherigen Rollen auftrat, zeigt eine bewegende Emotionalität, von Tränen über Wut und Unverständnis dem gegenüber, was hier eigentlich passiert. Auch die Nebenrollen in dieser Netflix–Produktion sind bestens besetzt. Laura Dern als ausgefuchste Anwältin von Nicole und Ray Liotta, den man kaum wiedererkennt, als Anwalt von Charlie, die beiden einzigen Gewinner in diesem Drama.

Baumbach („Frances Ha“) hat mit „Marriage Story“ ein filmisches Meisterwerk geschaffen. Man spürt förmlich die Behutsamkeit, mit der er seine Schauspieler führt. Die Balance zwischen Liebe, Schmerz und Humor ist wunderbar ausgewogen. Nichts wird übertrieben, sondern alles was passiert und gesprochen wird ist durchweg realistisch. Ein Film, der auf die große Leinwand gehört.

Das neue Kino „KINO & BAR in der Königstadt“ (Berlin) hat sich vorgenommen dieses Meisterwerk bis zum Dezember zu spielen. (www.kino-bar.berlin). Es ist mehr als bedauerlich, dass solche aufwändig inszenierten Filme inzwischen nur noch von Netflix finanziert werden. Ein Armutszeugnis für die US-Filmindustrie. Spannend wird es, wie sich die Oscar – Academy dem Film gegenüber verhält. Er gehört mit zu den besten in diesem Jahr.

Ulrike Schirm


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"ICH BIN ANASTASIA“ Dokumentation über die erste Transgender-Kommandeurin in der Bundeswehr von Thomas Ladenburger (Deutschland). Seit 21. November 2019 von missing Films im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

„Der Film erzählt die Geschichte des Oberstleutnant Anastasia Biefang, die bei ihrer Geburt das Geschlecht männlich zugeordnet bekam“.

Mit 16 hat sie bemerkt, dass sie anders tickt und anders fühlt. Schon früh fühlte sie sich in den Kleidern ihrer Mutter wohler, als in den Jungenklamotten. Ihr erstes Outing hatte sie in Frankfurt am Main, nach einem Perrückenkauf. Strahlend schön geht sie in einem weißen Brautkleid zur Demo für "Ehe für Alle".

Schon früh hegte sie den Wunsch, Kommandeur Bundeswehr zu werden. Sie landete beim Cyber – und Informationstechnikbataillon der Bundeswehr in Bad Storkow. Natürlich schlugen ihr Vorurteile entgegen, wie “jetzt bekommen wir hier 'ne Transe, die hier bald 'ne Regenbogenflagge aufhängt“.

Im Bataillon war sie Thema Nr. 1. Das legte sich aber ziemlich schnell. Ende 2014 beschloss sie, sich umoperieren zu lassen, was mit einer fröhlichen "Schwanz-ab-Party" gefeiert wurde. Hin und wieder bekam sie üble Hassmails aber im großen und ganzen hatte sie gewaltiges Glück. Nicht nur mit ihrer Partnerin, die ihr zur Seite steht auch mit ihren Eltern, die sie voll unterstützen. Als Mann hat sie ihren Beruf angefangen und als Frau beendet sie ihre Ausbildung zur Kommandeurin. 23 Jahre hat sie daraufhin gearbeitet. Die Mauern, die gegen sie aufgebaut waren, wurden restlich abgebaut, da ihre Kameraden und Vorgesetzten sahen, mit welch grosser Leidenschaft sie ihre Aufgaben bewältigte und für jedes Problem ein offenes Ohr hat. Unbefangen gibt sie uns Einblicke in Privates und Intimes. Anastasia ist die erste Transgender-Kommandeurin eines Bataillons der Bundeswehr. Hut ab.

Ulrike Schirm


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"PFERDE STEHLEN“ Drama & Thriller von Hans Petter Moland (Norwegen, Schweden, Dänemark). Ausgezeichnet mit dem »Silbernen Bären« der 69. Berlinale 2019. Kamera: Rasmus Vidbaek, Soundtrack: Kaspar Kaae. Mit Stellan Skarsgård, Bjorn Floberg, Tobias Santelmann u.a. seit 21. November 2019 im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

„Jeder bestimmt selbst, wenn etwas weh tut“, sagte der Vater zu seinem 15-jährigen Sohn Trond und riss die Brennnesseln, die Trond nicht pflücken wollte, mit bloßen Händen aus der Erde.

Ein Satz, den der inzwischen 67-jährige Trond Sander (Stellan Skarsgard) nicht vergessen hat.

November 1999. Nach dem Unfalltod seiner Frau, Sander saß am Steuer des Autos, lebt er zurückgezogen in einem kleinen Ort im Osten Norwegens. In einer kalten Novembernacht begegnet ihm zufällig Lars (Bjorn Floberg) ein alter Bekannter aus seiner Jugendzeit. Eine Begegnung, die schmerzhafte Erinnerungen an das Jahr 1948 wecken.

Trond beginnt sich zu erinnern: Gemeinsam mit seinem Vater, den er sehr bewunderte, verbrachte er einen ganzen Sommer in einer einfachen Holzhütte, nahe am Fluss. Mit seinem Freund Jon klaute er Pferde, um durch den Wald zu reiten, er half bei der harten Arbeit des Holzschlagens und liebte den Aufenthalt in der unberührten Natur. Jon, der sich für den Tod seines kleinen Bruders Odd verantwortlich fühlte, verschwand plötzlich. Trond, halb Kind, halb junger Mann fühlte sich zu Jons trauernder Mutter hingezogen. Er ahnte nicht, dass das zu einem weiteren Unglück führt. Es war der Sommer, indem er seinen Vater zum letzten Mal sah.

Eine kurz angerissene Rückblende in das Jahr 1943, Norwegen stand unter deutscher Besatzung, zeigt die heimliche Liebesbeziehung zwischen Tronds Vater und Lars Mutter, die sich beim gemeinsamen Kampf im Widerstand gegen die Deutschen, näher kamen.

„Pferde stehlen“ basiert auf dem in fünfzig Sprachen übersetzten Roman, des Autors Per Petterson. Die Kino-Adaption von Hans Peter Moland („Erlösung") wurde bei der Frankfurter Buchmesse als beste Literaturverfilmung des Jahres ausgezeichnet.

Inmitten atemberaubender Naturlandschaft zwischen Norwegen und Schweden, hat Moland ein Drama um Liebe, Enttäuschung und Verlust inszeniert. Feinfühlig ist er ganz nah bei seinen Protagonisten. Selten zu vernehmende, bombastische Naturtöne unterstreichen die tragischen Erlebnisse des 15-jährigen Jungen, brilliant gespielt, von dem Schauspieler Jon Ranes.

„Erinnerungen, die das Bewusstsein fluten und den Schmerz bringen – doch als wie stark dieser empfunden wird, entscheidet man selbst“. Auszug aus Pettersons Roman „Pferde stehlen“.


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