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Gewinner des Neiße Filmfestivals & aktuelle Filmkritiken im Mai 2019, Teil 2

Der Drei-Länder-Filmpreis des Neiße Filmfestivals ging an "Das melancholische Mädchen" von Susanne Heinrich.



Am heutigen Sonntag, den 12. Mai 2019, geht im Dreiländereck an der Neiße das 16. Neiße Filmfestival zu Ende. Das trinationale Filmfest präsentierte in diesem Jahr vor mehr als 7.500 Filmfans und Festivalbesucher rund 120 Filme in drei Wettbewerben und diversen Filmreihen sowie ein umfangreiches Rahmenprogramm u.a. mit Ausstellungen, Workshops und Komzerten an 20 Spielorten in Deutschland, Polen und Tschechien.

Bereits am Samstagabend wurde im Miejski Dom Kultury im polnischen Zgorzelec der mit 10.000 Euro dotierte Drei-Länder-Filmpreis für den besten Spielfilm an die deutsche Produktion "Das melancholische Mädchen" von Susanne Heinrich vergeben.

Hier ein neuer Trailer:



Der Film war auch Hauptgewinner im Januar beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken und lief anschließend in Berlin als Sondervorführung auf der Berlinale.

Den Preis für die beste darstellerische Leistung erhielt Jacek Braciak für seine Rolle in „Córka trenera” (A Coach's Daughter) von Łukasz Grzegorzek. Darin spielt Braciak den Vater und Trainer eines hoffnungsvollen Tennistalents, der gemeinsam mit seiner Tochter von Turnier zu Turnier durch die Sommerhitze der polnischen Provinz reist, bis plötzlich der junge Igor auftaucht und sich in die Tochter verliebt.

Der Preis für das beste Szenenbild sowie für den erstmals verliehenen Drehbuchpreis gingen an die polnisch-tschechisch-schwedische Co-Produktion "Fuga" (Flucht) von Agnieszka Smoczyńska. Eine lobende Erwähnung gab es im Spielfilmwettbewerb für "Frau Stern" von Anatol Schuster.

Bester Dokumentarfilm: "Miłość bezwarunkowa" (Bedingungslose Liebe) von Rafał Łysak (PL).
Bester Kurzfilm: "Siostry" (Schwestern) von Michał Hytroś (PL).
Spezialpreis: "Honza má pech" (Hans im Pech) von Rena Dumont (CZ/DE).
Publikumspreis / lang: "Chata na prodej" (Wochenendhaus zu verkaufen) von Tomáš Pavlíček (CZ).
Publikumspreis / kurz: "Die letzten fünf Minuten der Welt" von Jürgen Heimüller (DE).

Link: www.neissefilmfestival.net
Quelle: Michael Lippold (Presse / Social Media)

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Disneys Marvel-Comic "Avengers: Endgame" hat als erster Film seit "Star Wars: Die letzten Jedi" die Vier-Mio.-Besucher-Marke in Deutschland genommen. Auch in den USA schickt sich der Film an, vielleicht der erfolgreichste Film aller Zeiten zu werden.

Nach der teuren Übernahme von 21th Century Fox durch das Walt Disney Imperium war ein Erfolg des Filmes wohl bitter nötig. Allerdings hat Disney mit der Fox Filmsparte rechtlich gesehen auch die Fox News Corp von Rupert Murdoch übernommen, dem Lieblingsnachrichtensender von US-Präsident Donald Trump.

Somit ist kaum zu erwarten, dass mit den "Avangers" ein Trump kritischer Film von Disney für Furore sorgt, sondern vielmehr einer, der auf der Welle von "make America great again" schwimmt und sehr patriotisch mit allem Aufgebot fürs Vaterland kämpft. Dass dabei auch Superhelden sterben müssen ist für Trumps Amerika wohl selbstverständlich. Uns ist allerdings schleierhaft, warum die deutschen Zuschauer dahinter nicht die falsche Moral erkennen.

Mit den nachfolgenden Filmrezensionen dürften unsere Leser jedoch nicht mehr in die falschen Filme laufen.

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"STAN & OLLIE" Komödie von Jon S. Baird (Großbritannien, USA, Kanada). Mit Steve Coogan, John C. Reilly, Nina Arianda u.a. seit 9. Mai 2019 im Verleih von DCM im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Stan Laurel und Oliver Hardy waren ein britisch-amerikanisches Komiker-Duo, das zwischen 1921 und 1951 insgesamt 107 Filme drehte, Gastauftritte mit eingerechnet.

Sie galten als eines der berühmtesten und erfolgreichsten Film-Duos aller Zeiten. Ihr Humor ist geprägt durch Slapstickeinlagen und Gags, die auf „Tit for Tat“ („Wie du mir, so ich dir“) basieren und oftmals Zerstörungsorgien zur Folge haben. In Tonfilmzeiten kamen auch Dialogwitze hinzu.

In Deutschland wurden sie als „DICK und DOOF“ bekannt, was einer Diskriminierung gleich kommt.

In der Hommage an die beiden Künstler „Stan & Ollie“ ist von den erfolgreichen Zeiten, nicht mehr viel übrig. Der Film beginnt 1953. Stan und Ollie sollen auf einer Tournee durch Großbritannien und Irland, die alten Zeiten wieder aufleben lassen. Der Auftakt ihrer Tour beginnt in Newcastle. Statt in einem anständigen Hotel, sind sie in einer Absteige untergebracht. Statt im Royal Theatre aufzutreten, spielen sie vor halbleeren Ränge in einer Music Hall. Bevor sie die Bühne betreten, müssen sie sich erst einmal als Stan & Ollie „ausweisen“, weil sie nicht erkannt werden.

„Die sind doch längst im Ruhestand“ heißt es. Als ihr schlitzohriger Promoter Bernard Delfont (Rufus Jones) bemerkt, dass das Publikumsinteresse gering ist, verdonnert er sie zu körperlich anstrengenden Werbeauftritten, die für den kränkelnden Ollie besonders beschwerlich sind. Ein bevorstehender Filmdreh, lässt sie wieder auf bessere Zeiten hoffen und so machen sie, gezwungener Maßen, gute Miene zum bösen Spiel. Die Werbetrommel hat Erfolg. In ihrer Freizeit denkt sich Stan, das „Gehirn“ des Duos, urkomische Szenen für ihren Film, eine Robin-Hood-Parodie, mit dem vorläufigen Titel „Ron EmGood“ aus.

Als Stan herausfindet, dass das Projekt gecancelt ist, lässt er Ollie noch eine Zeitlang in dem Glauben daran, um ihn vor einer Enttäuschung zu bewahren.

Mit John C. Reilly als Ollie und Steve Coogan als Stan hat Baird nicht nur zwei äußerlich perfekte Hauptdarsteller gefunden. Die morgendlichen Stunden in der Maske haben sich gelohnt. Die komödiantischen Filmszenen bestehen größtenteils aus den akribisch einstudierten Imitationen von Laurel und Hardys Bühnenauftritten, wobei sie einige ihrer bekanntesten Gags in Alltags-Szenen einfließen lassen, was besonders komisch ist.

Entstanden ist ein warmherziger Film über zwei großartige Künstler und ihre tiefe Freundschaft, in der ganz klar zum Ausdruck kommt: Einen Stan ohne Ollie, oder ein Ollie ohne Stan kann es und wird es niemals geben. Mag kommen, was wolle.

Ulrike Schirm


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"JIBRIL" arabisches Romanzendrama von Henrika Kull (Deutschland / Irak). Mit Susanna Abdulmajid (Maryam), Malik Adan (Gabriel), Doua Rahal (Sus), Emna El-Aouni (Sadah), Gina Schulte am Hülse (Maggi), Tobias Müller Monning (Priest), Osama Hafiry (Khaled) und Eliana Moral-Falke (Eline). Seit 9. Mai 2019 im Verleih von Missing Films im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Die attraktive Deutscharaberin Maryam (Susana Abdulmajid) lebt mit ihren 3 Töchtern in Berlin. Ihre Ehe ist geschieden, da sie und ihr Mann unterschiedliche Lebensauffassungen haben. Einer ihrer Schüler aus dem Integrationskurs einer Sprachschule hat sich offensichtlich in die junge Lehrerin verliebt. Höflich fragt er sie, ob sie mal mit ihm ausgeht. Maryam erklärt ihm zurückhaltend, dass sie keine Zeit habe.

Wenn sie abends ihre alltägliche Routine hinter sich gebracht hat, flüchtet sie sich sehnsuchtsvoll in die Bilder ihrer heißgeliebten arabischen Soap Opera. Man spürt, dass eine neue Beziehung für sie noch nicht in frage kommt. Die Angst, dass es wieder schief gehen könnte, ist noch zu gross.

Eines Tages besucht sie in Vertretung ihrer Freundin Samira einen jungen Mann im Gefängnis, um ein Paket für ihn mitzunehmen. Es handelt sich um Gabriel, genannt Jibril (Malik Adan), den sie vor Jahren auf einer Party traf und mit dem sie ein wenig flirtete. Schon bei diesem ersten Besuch ist klar zu ersehen, dass die beiden sich sehr sympathisch sind.

Unentschlossen macht sie bei ihrem zweiten Besuch vor dem Gefängnistor wieder kehrt. Enttäuscht schickt Jibril ihr ein Foto von sich. Nach einer kurzen Phase des Nachdenkens, werden aus dem einen Besuch mehrere. Vor den Augen des Justizbeamten tauschen sie versteckte Zärtlichkeiten aus. Jibril nimmt an einer Gesprächsrunde mit dem Thema, haben Beziehungen im Knast eine Chance, teil. Zwischen den Besuchen telefonieren sie. Maryams Mutter, die sie hin und wieder unterstützt, zeigt sich besorgt: „Ein Arschloch bist du los. Du wirst doch wohl nicht …?

Jibrils Stimmung ändert sich schlagartig, als sein Handy konfisziert wird. Die Verlegung in den offenen Vollzug aufgrund guter Führung, hat sich offensichtlich erledigt. Seine Gefühlswelt ist durch den Knast eh schon verroht und die Vorstellung, weitere drei Jahre in dieser Zwangsisolation zu leben, führen zu einem unkontrollierten Wutausbruch. Hilflos schreit er Maryam an, zu gehen.

Er schafft es nicht, ihr den Grund seiner Wut mitzuteilen. Maryam ist irritiert. Seine Anrufe vom Knasttelefon ignoriert sie. Auch seine Entschuldigung können ihre Zweifel nicht stoppen. Sie braucht Zeit. Beide befinden sich in einem Gefühlschaos. Das sie nach langer Überlegung zu ihm hält, kann man hier ausnahmsweise verraten.

Regisseurin Henrika Kull bleibt ganz nah an ihren Figuren. Wichtig sind ihr deren Emotionen, weniger wichtig ihre Umgebung. Genau das, macht die Stärke dieses Films aus. Das Besondere dieser außergewöhnlichen Beziehung wird von ihr klug beobachtet. Vom ersten Kennenlernen, den Zweifeln, der Beginn ihrer Leidenschaft, ihrem ersten Streit, der fast zu einer Trennung führt bis zu dem Moment, als Maryam ihm vorschlägt zu Heiraten und die über allem stehende Frage, ob diese Liebe unter diesen besonderen Umständen, überhaupt eine Zukunft hat.

Henrika Kull konzentriert sich bewusst nur auf das Liebespaar. Viele Fragen lässt sie unbeantwortet. Warum sitzt Jibril überhaupt im Knast, dieser hübsche Junge mit seinem verschmitztem Lächeln und seinen wilden Locken? Wie reagieren ihre Töchter auf diese Beziehung? Wie soll er, wenn er dann mal draußen ist, die Frau mit ihren drei Kindern versorgen? Fragen, die Henrika Kull bewusst offen lässt. Der Zuschauer kann selbst entscheiden, ob er diese Informationen wirklich braucht. Ich brauchte sie nicht. Der Film erzählt nichts weiter als eine Liebesgeschichte, die sich nicht nur hinter, sondern für Maryam, auch vor trennenden Gefängnismauern, entwickelt hat. Das macht sie zu etwas ganz Besonderem.

Es ist Silvester. Maryam ist allein. Die Kinder sind bei ihrem Vater. Jibril hockt allein in seiner Zelle. Draußen leuchtet ein Feuerwerk das Neue Jahr ein...

Wie es mit den beiden weiter geht, wir wissen es nicht.

Ulrike Schirm


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"NUR EINE FRAU" Drama von Sherry Hormann (Deutschland). Mit Almila Bagriacik, Rauand Taleb, Aram Arami u.a. seit 9. Mai 2019 im Verleih von NFP im Kino. Hier der Trailer:



Ulrikes Filmkritik:

Am 7. Februar 2005 wurde in Berlin-Tempelhof die 23jährige Deutschtürkin Hatun Aynur Sürücü auf offener Strasse von einem ihrer Brüder erschossen, weil sie sich nicht den patriarchalisch-archaischen Strukturen ihrer Familie anpasste. Ihr Vergehen: Sie lebte wie eine Deutsche.

Auf dem Bürgersteig vor einem Berliner Mietshaus liegt eine Leiche, bedeckt mit einem weißen Tuch. „Das bin ich“, berichtet die Stimme einer jungen Frau aus dem Off. „Mein Bruder hat mich erschossen. Ich war ein Ehrenmord“. Der erste, der so richtig fett Presse hatte“.

So beginnt Sherry Hormanns Drama über eine junge selbstbewusste Frau, die ein eigenständiges Leben führen wollte.

Aynur (Almila Bagriacik, „4 Blocks“, „Tatort“), erzählt ihre Geschichte in der Ich-Form und wendet sich damit direkt an das Publikum.

Im Alter von 16 Jahren wurde sie auf Geheiß ihres Vaters in ihrer Heimat mit ihrem Cousin zwangsverheiratet. Sie soll fortan mit einem Mann zusammenleben, den sie überhaupt nicht kennt, der sie schlägt, auch dann noch, als sie schwanger ist.

Sie flieht zurück nach Berlin und findet wieder Unterschlupf bei ihrer Familie. Sie muss ihre Eltern regelrecht bitten, wieder aufgenommen zu werden. Ihre Schulausbildung darf sie nicht beenden, auf keinen Fall das Haus allein verlassen, das Einzige was sie darf, ihrer Mutter im Haushalt helfen. In Demut soll sie sich dem streng konservativen und patriarchalischen Diktat ihrer Eltern unterordnen. In der Vier-Zimmer-Wohnung muss sie sich ein Zimmer mit ihren drei jüngeren Schwestern teilen.

Außerdem leben in der Wohnung noch ihre Brüder Tarek, der bei der Bundeswehr dient, Sinan, das „Arschloch“, ihr Lieblingsbruder Aram, der Jura studiert und ihr kleiner Bruder Nuri, der Profiboxer werden will. Als ihr Sohn Can geboren wird, wird sie mit dem Baby in eine Art Besenkammer verbannt, da die Spannungen zwischen ihren Schwestern immer größer werden.

Die Streitereien spitzen sich zu. Als Aynur von ihrem Bruder Sinan sexuell belästigt wird, schmeißt ihr Vater ihn raus. Auch für sie ist jetzt klar, sie kann hier nicht mehr bleiben. Sie sucht Hilfe beim Jugendamt. Ihre Betreuerin verschafft ihr einen Platz in einem Mutter – Kind – Heim und schließlich sorgt sie dafür, dass Aynur mit ihrem Sohn Can in eine eigene Wohnung nach Berlin-Tempelhof ziehen kann.

Obwohl ihr Lieblingsbruder ihr rät Berlin zu verlassen, beginnt sie eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin, legt ihr Kopftuch ab, trifft sich mit Freundinnen und verliebt sich in einen jungen Deutschen. Sie baut sich aus eigenen Stücken, mit ihrem Sohn Can, ein Leben auf, so wie sie es will. Bis zu dem Tag, als ihr jüngster Bruder Nuri (Rauand Taleb) sie besucht, sie noch bittet ihn bis zur Bushaltestelle zu begleiten und sie erschießt.

Entstanden ist ein dokumentarischer Spielfilm, der sich streng an die Gerichtsunterlagen hält, auf Gutachten und Zeugenaussagen, unveröffentlichten Gesprächen mit der Familie, den Tätern und der bis heute im Zeugenschutzprogramm befindlichen Kronzeugin im Fall Sürücü basiert.

Hormann entwirft in ihrem Film "NUR EINE FRAU" das authentische Bild einer lebenshungrigen, freiheitsliebenden und mutigen junger Frau, die darum kämpft, selbstbestimmt leben zu können und trotz ständig zunehmenden Drohungen durch zwei ihrer Brüder, den Kontakt zu ihrer Familie immer wieder sucht, in der Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wendet.

So befindet sie sich ständig im Konflikt zwischen den Werten ihrer Familie und ihrem eigenen Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung. Hormann hat kein Gerichtsdrama und auch kein Betroffenheitsfilm daraus gemacht. „Was mich an diesem Film gereizt hat war, das Psychogramm einer Familie aufzuzeigen, ohne zu werten. Ohne zu sagen, das sind die Bösen und das die Guten, sondern klar zu machen, das diese Menschen einfach mit diesem Glauben groß geworden sind.“

Klar ist, dass diese Männer von einer rigiden religiösen Ideologie und den über Generationen verankerten Traditionen verblendet sind und für ihr frauenverachtendes Handeln voll verantwortlich sind. Das man sich mit diesem hochbrisanten Thema ohne rassistische Ressentiments auseinandersetzen kann, hat Sherry Hormann einfühlsam bewiesen.

Ulrike Schirm




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