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68. Filmfestival de Cannes ehrte Agnès Varda

Mit der Ehren-Palme wurde die renommierte Filmemacher Agnès Varda beim Festival de Cannes ausgezeichnet.



Das 68. Filmfestival de Cannes ist vorbei und eine der Goldenen Palmen ging natürlich wie immer an eine Person, die nur von Wenigen in der Presseberichterstattung der letzten Tage erwähnt worden war. Selten richten sich Jurys nach dem populären Geschmack, sondern suchen außergewöhnliche Personen oder sperrige Werke für ihre Favoritenliste aus. So auch diesmal, im Jahre 2015. Doch davon später.

Mit der »Goldenen Ehren-Palme« für ihr Lebenswerk wurde die 86-jährige belgische Filmemacherin Agnès Varda geehrt, die zwar als „Grand-mère de la Nouvelle Vague“ gilt und deren Arbeit von weltweiter Bedeutung ist, doch hat sie damit noch nie eine Goldene Palme gewonnen.

Agnès Varda, 1928 als Tochter eines Griechen und einer Französin in Brüssel geboren, gilt als eine der Schlüsselfiguren des modernen Films. Nach ihrem Debütfilm "La Pointe-Courte", den sie als 26-Jährige realisierte, folgten Werke wie "Mittwoch zwischen 5 und 7", "Glück aus dem Blickwinkel des Mannes", der auf der Berlinale ausgezeichnet wurde, oder "Lions Love". In den Siebziger Jahren legte sie ihr Augenmerk auch auf Dokumentationen. Es enstanden "Black Panthers" oder "Réponses des femmes", der einen César als bester Dokumentar-Kurzfilm gewonnen hat. Ihr Film "Vogelfrei" gewann 1985 den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig.

Die Ehren-Palme, die vom Aufsichtsrat des Festivals vergeben wird, erhielten bislang nur Woody Allen, Clint Eastwood und Bernardo Bertolucci. Varda ist somit die erste Frau, der diese Ehre zuteil wird.

Auch im Wettbewerb hatte man den Eindruck, dass das Festival sich eher den alten, vertrauten, aber auch teils betagten Personen und um Themen wie Tod und Vergänglichkeit widmet, als einen Aufbruch in neue Welten zu wagen. Die Altmeister des Films sind wegen ihrer Stilsicherheit und zugkräftiger Namen in den Casts natürlich immer gefragt. Cannes lebt vom Auftritt der Stars. Unbekannte Gestalten auf der Croisette würden langweilen. Dennoch halten viele Catherine Deneuve für eine Fehlbesetzung im fulminanten, wenn auch außer Konkurrenz laufenden Auftaktfilm „La Tête Haute“, in dem sich ein junges Talent gegen eine Diva als Richterin behaupten muss. Hier der Trailer:


Trailer de la Tête haute, film d'ouverture du... von konbini

Schade dass es mit ungewöhnlichen Begegnungen zwischen jung und alt nicht so weiterging, denn wer erinnert sich nicht noch gern an "Mommy" des Frankokanadiers Xavier Dolan, ein junges Regie-Ausnahmetalent, das im letzten Jahr seine Premiere in Cannes feierte 2014 und dort den Preis der Jury gewann.

Diesmal handelten eine ganze Reihe von Filmen mit eher bedrückenden Themen. Allen voran Gus van Sants "The Sea of Trees", der seine Protagonisten in die sogenannten Selbstmordwälder Japans schickt, wo Matthew McConaughey den Suizid sucht und dabei Ken Watanabe findet. Der Selbstmord-Trip wird wider Erwarten zu einem Überlebenskampf und weckt damit ein wenig Hoffnung auf ein Weiterleben, konnte aber vor dem kritischen Cannes Publikum nicht überzeugen und wurde ausgebuht.

Nur "Carol", eine lesbische Liebesgeschichte mit Cate Blanchett, verfilmt von Todd Haynes nach dem Roman "The Price of Salt" von Patricia Highsmith, war der uneingeschränkte Höhepunkt der ersten fünf Tage.

Mit dem Verlust umzugehen, davon erzählte auch Joachim Triers "Louder than Bombs" und natürlich Paolo Sorrentinos große Alterseloge "Youth", der zum Kritikerliebling avancierte. Kurz vor Ende des Festivals fügten noch zwei Filme diesem Meta-Thema der diesjährigen Ausgabe neue Facetten hinzu. Der französische Regisseur Guillaume Nicloux schickt in seinem Film "Valley of Love" zwei Eheleute, gespielt von Isabelle Huppert und Gérard Depardieu, in die brütende Hitze des Kalifornischen Death Valley, zwischen malerischen Felsen, vor grandiosen Bergpanoramen, um Spuren von ihrem verlorenen Sohn zu finden. Doch dieser hatte alles geplant, um seine verhassten Eltern in den sicheren Tod zu schicken, was letztendlich natürlich nicht klappt, aber die Protagonisten mächtig schwitzen lässt. Hier ein Ausschnitt.


Mag sein, dass man in Cannes das junge Kino-Publikum, was eins Hoffnungsträger der Filmwirtschaft war, längst abgeschrieben hat. Diese YouTube-Generation braucht das Kino offensichtlich nicht mehr, denn sie setzt auf Streaming und Downloads, was sich in rückläufigen Kinobesuchen durchaus bemerkbar macht. Ausnahmen sind nur Action-Knaller wie George Millers "Mad Max: Fury Road", dessen Weltpremiere gleich zu Anfang des Festivals die Croisette plattwalzte und die Massen zu Begeisterungsstürmen hinriss. Die ältere Generation besinnt sich dagegen auf mehr geruhsame Unterhaltung jenseits der vier Wände und geht glücklicherweise wieder vermehrt ins Kino. Auf Dauer retten wird sie es nicht, zumindest nicht in der bestehenden Form.

Auch der Brite Tim Roth, eher bekannt für weniger sanftmütige Filmfiguren in "Lie to Me" oder "Pulp Fiction", wird im Wettbewerbsfilm "Chronic" des mexikanische Regisseurs Michel Franco die junge Generation nicht erreichen. Er spielt in dem Film einen Sterbehelfer, einen Engel der Barmherzigkeit, mit einem vielleicht allzu bizarren Filmende, was sicherlich die meisten verstört und ihn damit wahrscheinlich auch um den großen, goldenen Palmen-Preis brachte.

Was man im Wettbewerb vermisste, wurde einem in den Nebenreihen geboten. Apichatpong Weerasethakuls hinreißend meditativer „Cemetery of Splendour“ aus Thailand hätte aber ebenso gut in den Wettbewerb gepasst wie „The Treasure“ des Rumänen Corneliu Porumboiu: Zwei Männer in sozial prekären Verhältnissen graben in einem Dorfgarten nach einem Schatz, und das filmische Ergebnis ist so realistisch wie märchenhaft – und stimmt einen endlich mal auf diesem Festival etwas heiter.

Doch nun genug des traurig stimmenden Rückblicks. Schauen wir nach vorne und beleuchten die Gewinner, darunter ein Regie-Debut, der im Hauptwettbewerb eher selten ist und letztendlich das Besondere am Cannes Festival ausmacht.

Goldene Palme für französisches Migrantendrama "Dheepan".

Die GEWINNER:

• Zunächst die GOLDENE PALME: Sie ging am Sonntag Abend an das französische Migrantendrama "Dheepan". Der von der Jury unter Vorsitz der US-Regisseure Joel und Ethan Coen zum Sieger gekürte Streifen des Regisseurs Jacques Audiard handelt von drei Sri-Lankern, die sich als Familie ausgeben, um aus ihrem kriegserschütterten Land nach Frankreich zu fliehen, aber bald feststellen müssen, nicht in friedliches Land gekommen zu sein. Die Hauptfigur DHEEPAN findet sich nämlich mitten in einem Bandenkrieg eines heruntergekommenen Pariser Vororts wieder, wo er nicht die Freiheit und Ruhe findet, die er sich in Europa erhofft hatte. Hier ein 10 Minuten langer Ausschnitt:



Der 63-jährige Regisseur Jacques Audiard gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Regisseure des französischen Kinos und war schon einmal 2009 in Cannes für sein Gefängnisdrama "Ein Prophet" mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet worden.

• Der GRAND PRIX, die zweithöchste Auszeichnung des Festivals, ging unter 19 Wettbewerbsbeiträgen an das ungarische Holocaust-Drama "Der Sohn von Saul" von Laszlo Nemes. Das schockierende Erstlingswerk über das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau handelt von einem Juden, der als Mitglied eines Sonderkommandos bei der Verbrennung vergaster Juden eingesetzt wird. Als er unter den Leichen seinen eigenen Sohn entdeckt, setzt er alles daran, diesen vor den Flammen zu bewahren.

Also auch unter den großen Preisen ein weiteres Werk, das von Tod und Leid erzählt. Dennoch war der Film eine große positive Arthouse-Überraschung, von dessen eindringlichen Bildern und ungewöhnlicher Erzählhaltung sich manche auch vier Tage später noch nicht ganz erholt hatten.

• Der Preis für die BESTE REGIE ging an den Taiwanesen Hou Hsiao-Hsien für das Kampfkunst-Epos "The Assassin".

• Als BESTE DARSTELLERINNEN wurden beim Festival an der südfranzösischen Mittelmeerküste gleich zwei Schauspielerinnen ausgezeichnet: Die US-Schauspielerin Rooney Mara für ihre Rolle in dem Lesben-Drama "Carol", das wir Anfangs erwähnt hatten, und die Französin Emmanuelle Bercot für ihre Darstellung einer bei einem Skiunfall schwer verletzten Anwältin im Film "Mon Roi".

• Als BESTER DARSTELLER wurde der französische Schauspieler Vincent Lindon geehrt. In "La Loi du Marche" (Das Gesetz des Marktes) spielt er einen Arbeitslosen, der in einem Supermarkt als Sicherheitsmann angestellt wird.

• Der PREIS DER JURY ging an "The Lobster" von Yorgos Lanthimos (Griechenland).

• Der Preis für das BESTE DREHBUCH ging an Michel Franco für "Chronic" (Mexiko).

Link: www.festival-cannes.com
Quellen: Spiegel | Blickpunkt:Film | ARD | Tagesspiegel

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