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Nach Venedig musste sich nun Toronto beweisen

TIFF, das größte Filmfest auf amerikanischem Boden in der Krise.



Mit der Weltpremiere des US-Films "The Judge" von Regisseur David Dobkin eröffnete das 39. Filmfestival in Toronto (TIFF) - drei Tage bevor in Venedig die Preise verkündet wurden. Vom 04.09.14 bis zum 14. September 2014 werden in der kanadischen Metropole 285 Filme und 108 Kurzfilme aus fast 80 Ländern präsentiert, obwohl viele Branchenfachleute und zahlreiche Journalisten zu Beginn des Festivals noch in Europa verweilten. Da das Festival aber undotiert ist und nur einen Publikumspreis vergibt, sehen die Verantwortlichen das aber eher gelassen.

In dem Vater-Sohn-Drama "The Judge", das wir bereits am 3. September 2014 in einem Trailer vorgestellt hatten, spielen Robert Duvall und Robert Downey Jr. die Hauptrollen in einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung. Ein Mordfall und dazwischen tiefliegende Familienprobleme sind die Handlungsstränge des vielschichtigen Gerichtsdramas, das weder an rohen Emotionen spart, noch an Sarkasmus.



Das Toronto International Film Festival (TIFF) konnte sich bisher - seit nunmehr 39 Jahren als größtes Filmfest auf amerikanischem Boden - zuverlässig sein gewaltiges Renommee sichern. Seit 2007 war jeder spätere Gewinner der Oscars - den offiziellen Academy Awards für den besten Film - zumindest in Toronto gelaufen und die meisten hatten dort auch ihre offizielle Weltpremiere gefeiert.

Doch seitdem das Filmfest vor wenigen Jahren vom edlen, eher beschaulichen Yorkville-Bezirk in sein neues Zuhause im quirligen Theater-District umgezogen ist, in dem ein Wolkenkratzer nach dem anderen hochgezogen wird, hat sich das Gesicht des Festivals inzwischen grundlegend gewandelt und auch die ganz großen, herausragenden Filme scheinen plötzlich in diesem Jahr zu fehlen. Zwar wurden täglich mehrere große Premieren gefeiert, doch oft waren die Filme am nächsten Tag schon wieder fast vergessen, weil die nächsten Erstaufführungen und Starauftritte anstanden.

Zudem ist das Kino kriegerischer geworden. Sinnliche Momente mit schönen Erinnerungen fehlen immer mehr. Bereits in Venedig dominierte die Gewalt. In Toronto nimmt sie scheinbar Überhand. Dabei sollten gerade die großen Highlights aus Venedig gezeigt werden. Doch diese Filme sind diesmal gar nicht vertreten, obwohl das qualitätsbewusste Independent Kino der großen europäischen Filmfestivals auch in Amerika immer stärker beachtet wird.

So feierte Alejandro González Iñárritu die US-Premiere seines "Birdman" oder ("die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit") nach der Vorführung in Venedig lieber auf dem familiären 41. Branchentreff in Telluride, womit das kleine Independent Film Festival inzwischen als ärgste Konkurrenz von Toronto wahrgenommen wird. Das Festival hatte erst kurz zuvor vom 29.8. bis 1.9.2014 stattgefunden. Hier nochmals der Trailer:




Christian Petzolds Film als Weltpremiere in Toronto.
Ausgerechnet "Phoenix" von Christian Petzold, den man eher in Venedig oder Cannes erwartet hätte, feierte in Toronto seine Erstaufführung. Der Holocaust Film mit Nina Hoss kam auf dem nordamerikanischen Markt offensichtlich gut an. Leider war das Werk aber nicht von German Films für den Auslands-Oscar vorgeschlagen worden, obwohl schon Caroline Link mit "Nirgendwo in Afrika" oder Florian Henckel von Donnersmarck mit "Das Leben der Anderen" in Toronto richtig lagen und später ihren Oscar gewannen.

Statt dessen steht nun Dominik Grafs "Die geliebten Schwestern" mit der netten, aber eher belanglosen Filmbiografie um die Liebesgeschichte des deutschen Dichters Friedrich Schiller zur Oscar-Wahl. Hier der Trailer von Phoenix. In Europa wird der Film beim Internationalen Filmfestival in San Sebastián (19.-27. September 2014) seine Premiere haben.




Zu viele Materialschlachten wie in dem Kriegsfilm "Herz aus Stahl" von David Ayer mit Brad Pit als antreibender Haudegen sind den Amerikanern dann offensichtlich auch wieder zu viel. So ist dieser Film gar nicht in Toronto programmiert, sondern nur für das BFI London Film Festival in Europa vorgesehen. Hier der Trailer:




Ayers Werk soll dort aber unter den 248 Filmen, die vom 8.-19. Oktober 2014 in 17 Londoner Filmtheater laufen, nicht seine Weltpremiere feiern, sondern anderswo. Bleibt eigentlich nur San Sebastián vom 19.-27. September 2014 als weiteres bedeutendes Festival übrig, obwohl die Kriegsthematik für das Festival völlig unpassend ist. Tatsächlich lief aber auch George Clooneys "Monuments Man" auf einem der großen Internationalen Filmfestivals in Europa, nämlich der Berlinale in Berlin, obwohl er nicht besonders künstlerisch wertvoll war. Auffallend ist dennoch die Zunahme zahlreicher Kriegsfilme, die für die anstehende Kinosaison angekündigt werden. Die US-Bevölkerung soll wohl auf ein raueres Weltklima eingestimmt werden.

Dazu gehört auch auch Angelina Jolies "Unbroken". Ein Film, der offiziell ebenfalls nicht für Toronto vorgesehen ist. Er taucht sogar zur Zeit auf gar keiner Liste der großen Festivals auf, könnte aber durchaus von Marco Müller noch für das Rome Film Festival vom 16.-25. Oktober 2014 vorgesehen sein, denn mit Stars wie Angelina Jolie muss Rom glänzen, um auf Dauer Überlebenschancen zu haben. Hier der Trailer:




Vor allem aber bereitet den Organisatoren in Toronto das Festival in Telluride weiter Ärger, wo Filme mehr oder weniger geheim vor den offiziellen Weltpremieren in der kanadischen Großstadt schon mal gezeigt werden - und in Zeiten sozialer Netzwerke natürlich sofort die Runde in die weite Welt antreten, bevor sie in Toronto tatsächlich auf der großen Leinwand laufen können. Als Gegenzug versuchten die Organisatoren um Festivalchef Piers Handling sich einen fatalen Kniff einfallen zu lassen, der prompt nach hinten los ging. Filme, die zuvor auf anderen Festivals gezeigt wurden, sollten nicht mehr am beliebten ersten Wochenende programmiert werden, in der Hoffnung, dass die Filmemacher andere Festivals wie Telluride für ihre Präsentation lieber ganz auslassen.

Doch Filme mit dem beliebten Benedict Cumberbatch wie z.B. "The Imitation Game" von Morten Tyldum im Verleih der geschätzten Weinstein Company gingen trotzdem nach Telluride. Hier der Trailer:



Auch "Wild" von Jean-Marc Vallée mit Reese Witherspoon in der Hauptrolle;
hier der Trailer:



oder "99 Homes" von Ramin Bahrani;
hier der Trailer:



sowie Jon Stewarts engagierter Politfilm "Rosewater";
hier der Trailer:



wurden in Telluride präsentiert und sorgten nun für ein merkwürdigen, mit zahlreichen Lücken behafteten TIFF-Anfang, während sich die wichtigen Filme in der zweiten Hälfte stauen. Keine gut kuratierte, professionelle Entwicklung, was das New York Film Festival (NYFF), das vom 26.09.-12.10.2014 zum 52. Mal stattfindet, seit geraumer Zeit sofort ausnutzt, um sich zuverlässig ganz große Titel zu sichern, die mittlerweile dort einen exklusiveren Status genießen als in Toronto.

Was aber nicht heißt, dass Toronto nicht auch protzen kann: Mit dem oben genannten "The Judge" von David Dobkin und dem mit Spannung erwarteten Titel "Nightcrawler", dem Regie-Debüt von Dan Gilroy mit Jake Gyllenhaal als Journalist in der kriminellen Untergrund-Szene von Los Angeles; hier der Trailer:



sowie Jason Reitmans "Men, Women & Children" mit Adam Sandler und Jennifer Garner sind selbstverständlich wieder Blockbuster dabei. Auch Michael Winterbottoms Amanda-Knox-Thriller "The Face of an Angel" mit u. a. Daniel Brühl dürfte für hohes Interesse sorgen. Hier ein kurzer Teaser:



Lone Scherfigs "The Riot Club", Antoine Fuquas Actionthriller "The Equalizer" mit dem gern gesehenen TIFF-Gast Denzel Washington und James Marshs Stephen-Hawking-Biopic "Die Entdeckung der Unendlichkeit" könnten sogar Oscar-Anwärter werden. Und natürlich sind auch wieder große Überraschungen dabei und Entdeckungen und Titel, die keiner auf der Liste hat. Dennoch hat der Platzhirsch Toronto zu kämpfen und sollte vielleicht das Konzept überdenken, um nicht im Abseits zu landen.

Link: www.tiff.net
Quellen: Kurier | Filmstarts | Blickpunkt:Film | YouTube | Tagesspiegel

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