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Die Gewinner der 66. Filmfestspiele in Cannes 2013

Großes Kino bei schlechtem Wetter - Goldene Palme für "La vie d'Adele."



Wind, Sturm, Regen oder Schnee sind eigentlich fast ein Markenzeichen der Berlinale. Doch auch in Cannes war das Wetter dieses Jahr unfreundlich und für die Frisuren, der sich sonst am Strand in der Sonne der Côte d'Azur aalenden Stars, wenig bekömmlich. So eilte man lieber ganz schnell in die Kinos und gab keine langen Interviews auf der Flaniermeile oder von den verwaisten Luxusjachten an der Croisette.

Im Palais des Festivals et des Congrès, in dem das Internationale Festival de Cannes stattfindet, wurde man dafür besonders belohnt. Der diesjährige Jahrgang soll durchweg außerordentlich gut gewesen sein, wie lange nicht mehr zuvor, so die einhellige Meinung der Kritiker. Vielleicht lag es daran, dass wieder kein deutscher Beitrag im offiziellen Wettbewerb des Festivals lief. Schon seit mehreren Jahren wird auf dem bedeutendsten Filmfestival der Welt der deutsche Film nahezu ignoriert. Die Spitzenklasse spielt offensichtlich in einer anderen Liga. Da können wir leider nicht immer mithalten und sollten uns auf gute Koproduktionen beschränken, versucht Kulturstaatsminister Bernd Neumann, anlässlich des obligatorischen deutschen Empfangs, zu beschwichtigen. Wenigstens konnte das kürzlich mit zahlreichen Preisen überschüttete Berliner Erstlingswerk "Oh Boy" auf dem Filmmarkt in Cannes an den US-Verleiher Music Box Films verkauft werden, was wirklich nicht alle Tage dem deutschen Film gelingt.

DFFB-Studentin Daria Belova gewinnt Kurzfilmpreis in Cannes.
Immerhin konnte ein Berliner Kurzfilm einen Achtungserfolg erringen. Die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) freut sich mit dem gesamten Filmteam, dass die Studentin Daria Belova bei der 52. Semaine de la Critique in Cannes für ihren Kurzfilm „Komm und Spiel“ mit dem Prix Découverte, Hauptpreis des Kurzfilmwettbewerbs, ausgezeichnet wurde. Der Preis wird von der Caisse Centrale des Activités Sociales du Personnel des Industries Electrique et Gazière (CCAS) gestiftet und ist mit 8 000 Euro dotiert.

Kurzinhalt:

Der Film „Komm und Spiel“ erzählt die Geschichte eines rumänisch-deutschen Jungen, der beim Spielen mit seinem Spielzeuggewehr plötzlich die Vergangenheit zum Leben erweckt. Im Berlin der Gegenwart spielt der kleine Grisha Krieg. Einen dünnen Ast als Gewehr geschultert, marschiert er im militärischen Gleichschritt durch das friedliche Idyll eines nahegelegenen Parks. Doch durch sein Spiel werden die dunklen Schatten der Vergangenheit erneut lebendig.

Die Bilder des Zweiten Weltkrieges, die in den Straßenschluchten ruhen, kommen an die Oberfläche und Grisha findet sich plötzlich in dem nicht beendeten Krieg wieder. Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich zu einem grausamen Alptraum, dem Grisha nicht mehr entrinnen kann.

Auch das Liebesdrama "Salvo", bei dem das Kölner Unternehmen 58 Filme als Koproduzent fungiert hat, kann sich über zwei Preise der »Semaine de la Critique« freuen. Die Jury der zweiten Cannes-Nebenreihe unter dem Vorsitz des Portugiesen Miguel Gomes zeichnete das Drama um ein blindes Mädchen, das durch ein traumatisches Erlebnis - den Mafiamord an seinem Bruder, das es mit ansehen musste - das Augenlicht wieder erlangt und fortan für immer mit dem Mafiakiller verbunden ist, mit dem Hauptpreis, dem Grand Prix Nespresso, und dem Prix Revelation France 4 aus. Hier der französische Trailer.


Der Prix SACD ging an Sébastian Pilotes "Le Démantèlement". Der Prix Canal+ ging an Ninja Thybergs "Pleasure".

Media-Preis an Thomas Vinterberg in Cannes.
Der dänische Filmregisseur Thomas Vinterberg, der in diesem Jahr den Juryvorsitz der wichtigsten Nebenreihe «Un certain regard» innehatte, ist der diesjährige Gewinner des Filmpreises der Europäischen Union („Prix MEDIA“). Der Preis wird für das beste neue Filmprojekt verliehen, das über Erfolgspotenzial verfügt und für eine Förderung im Rahmen des EU-Programms Media in Frage kommt. Die EU-Kulturkommissarin Androulla Vassiliou überreichte den Preis am 19. Mai 2013 - dem 44. Geburtstag des Regisseurs - bei den Filmfestspielen von Cannes.

Vinterberg, sein Ko-Drehbuchautor Tobias Lindholm und Produzentin Sisse Graum (Zentropa) erhalten den Preis gemeinsam für ihr neues Filmprojekt "Kollektivet" (Die Kommune), das vom Leben in einer dänischen Kommune in den 70er-Jahren handelt. Die Dreharbeiten sollen 2014 beginnen.

Der Media-Preis kann an Spiel-, Animations- oder Dokumentarfilmprojekte vergeben werden, das Werk muss jedoch zur Vorführung in Kinos bestimmt sein. Die Auswahl der Preisträger übernimmt eine Jury aus unabhängigen Experten sowie Vertretern der Europäischen Kommission und der Exekutivagentur Bildung, Audiovisuelles und Kultur (EACEA), die das Programm MEDIA verwaltet.

Kambodschanischer Film gewinnt Sonderpreis in Cannes.
Der französisch-kambodschanische Film "The Missing Picture" über die Pol-Pot-Diktatur in Kambodscha ist beim Filmfestival in Cannes mit dem Sonderpreis der Nebenreihe ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung «Un certain regard» ist für besonders originelle oder vielversprechende Filme gedacht. Sie wird traditionell einen Tag vor dem Hauptpreis, der Goldenen Palme, vergeben.

Regisseur Rithy Panh nahm den Preis am Samstagabend in Cannes entgegen und drückte vor allem seinen Dank aus, dass "ich die Filme machen kann, die ich machen will".

Panhs Film basiert auf seinen Memoiren und dokumentiert die Erfahrungen seiner eigenen Familie während der blutigen Herrschaft der Roten Khmer in den siebziger Jahren. Panhs Eltern und Schwestern kamen in der Zeit ums Leben.

Drafthouse Films sicherte sich die US-Rechte an "Tore tanzt".
Katrin Gebbes Regiedebüt "Tore tanzt", das in der Nebenreihe «Un certain regard» als einziger deutscher Beitrag an die Croisette eingeladen wurde, hat zwar keinen Preis bekommen, aber immerhin einen US-Verleiher gefunden. Die Rechte für den nordamerikanischen Markt gingen an Drafthouse Films, dem seit 2010 aktiven Verleiharm von Alamo Drafthouse, der sich auf kantige internationale Stoffe konzentriert. Unter dem internationalen Titel "Nothing Bad Can Happen" soll der Film 2014 in ausgewählten amerikanischen Kinos zu sehen sein. Der auf wahren Begebenheiten beruhende Film erzählt von einem jungen christlichen Mann, der von einer Familie als Sklave missbraucht wird. Starker Tobak, der das Premierenpublikum polarisierte und in Deutschland seine Premiere erst auf dem Filmfest Hamburg Ende September feiern wird.

FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritikervereinigung.
Der FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritikervereinigung wurde bereits am Samstag an einen Film aus dem Wettbewerb vergeben. Er ging an den Franzosen Abdellatif Kechiche, für "La vie d'Adele", der einen Tag später auch den Hauptpreis des Festivals gewann. Der Film erzählt mit großer Sensibilität von der Liebe zweier Frauen, dargestellt von Adele Exarchopoulos und Lea Seydoux. Die junge Darstellerin Adele Exarchopoulos beeindruckte sowohl Kritiker als auch Publikum, wenn sie mit einer etwas älteren Studentin die erste große Liebe erlebt. Wir haben einen französischen Clip auch auf unserer YouTube-Seite eingebunden.



Inhalt:

Anfangs dreht es sich in "La vie d'Adele" um die erst 15-jährige Schülerin Adèle, die französische Literatur liebt und sich berufen fühlt, Lehrerin zu werden. Sie glaubt an Begabungen, die einem Menschen bestimmte Lebenswege vorschreiben, und sie glaubt an Liebe auf den ersten Blick. Nach einer kurzen Affäre mit einem Jungen erfährt sie die wahre Liebe, als sie der schon etwas älteren Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) begegnet. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich erst eine heißblütige Romanze, später eine erwachsene Liebesbeziehung mit gemeinsamer Wohnung und Dinnerpartys im Garten. Am Ende ist es jedoch keine Fragen der gleichgeschlechtlichen Liebe, sondern das Problem unterschiedlicher sozialer Schichten aus denen sie stammen, die letztendlich zur schmerzhaften Trennung führen: Emmas elitärer Ehrgeiz verträgt sich auf Dauer nicht mit der bodenständigen Adèle, die ihren Lebensinhalt darin sieht, kleinen Kindern in der Grundschule nicht nur Grammatik und Rechtschreibung, sondern auch ein Stück Lebenserfahrung zu vermitteln.

Goldene Palme von Cannes wurde an "La vie d'Adele" vergeben.
Am Sonntagabend vergab die Jury um Präsident Steven Spielberg und den Österreicher Christoph Waltz die prestigeträchtige Goldene Palme. Als besonders preiswürdig galten unter Kritikern die zwei asiatischen Werke "Like Father, Like Son" von Kore-eda Hirokazu und "A Touch of Sin" von Jia Zhangke.

Der Hauptpreis des Filmfestivals von Cannes, ging jedoch an den französischen Film "La vie d'Adele" von Abdellatif Kechiche, der zuvor schon den FIPRESCI-Preis gewonnen hatte. Erstmals in der Geschichte der Filmfestspiele wurde die Auszeichnung nicht nur an den französisch-tunesischen Regisseur, sondern auch an die beiden Schauspielerinnen vergeben, die vom Publikum mit stehenden Ovationen gefeiert wurden. Ihre im Film dargestellten Liebesszenen gehen an die Grenzen dessen, was man pornofremden Darstellerinnen im Kino gemeinhin abverlangt.

Allerdings hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte die Filmzensur deutlich gelockert und die Freizügigkeit der erotischen Darbietung stark verändert. Was bei Ingmar Bergmanns Film "Das Schweigen" im Jahre 1963 noch für erhitzte Diskussionen über die Grenzen des auf der Leinwand erlaubten sorgte, kann heutzutage - zumindest in gewissen Grenzen - bereits eine Jugendfreigabe durch die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) bekommen.

Der 52-Jährige Regisseur Abdellatif Kechiche sagte, er wolle den Film und den Preis der "wunderbaren Jugend Frankreichs" widmen, die ihm viel über den "Geist der Freiheit" beigebracht habe - und der "Jugend der tunesischen Revolution, für ihr Streben danach, frei zu leben, sich frei auszudrücken und frei zu lieben".

Dass ein Film über Frauenliebe den Hauptpreis erhält, lässt sich auch als politische Botschaft und eindeutige Stellungnahme der Jury zu gleichgeschlechtlicher Liebe interpretieren: Erst am Sonntag protestierten in Paris erneut Zehntausende gegen das eine Woche zuvor in Frankreich in Kraft getretene Gesetz für homosexuelle Partnerschaften. Sie wollen, dass die Ehe-Öffnung und Gleichbehandlung zurückgenommen wird.

Der zweitwichtigste Preis, der Große Preis der Jury, ging an "Inside Llewyn Davis" von den amerikanischen Ethan und Joel Coen. In der heiter-melancholischen Musik-Komödie feiern die Regie-Brüder ("No Country For Old Men") die Folkszene im New Yorker Greenwich Village und zeichnen das Porträt eines zwischen Kunst und Kommerz zerrissenen Sängers. Insbesondere glänzte Oscar Isaac mit starker Leinwandpräsenz als Folkmusiker.

Als beste Darstellerin wurde übrigens Berenice Bejo für ihre Rolle einer Familienmutter in "Le Passe" des iranischen Regisseurs und Oscar-Gewinners Asghar Farhadi ausgezeichnet. Das Drama erzählt die Geschichte des Iraners Ahmad (Ali Mosaffa), der aus Teheran nach Paris zurückkehrt, um sich von seiner französischen Frau Marie scheiden zu lassen.

Bei den Darstellern brillierten Michael Douglas und Matt Damon in Steven Soderberghs "Behind the Candelabra" als schillernder Entertainer und dessen junger Liebhaber. Letztendlich wurde jedoch als bester Darsteller der US-Schauspieler Bruce Dern für seine Darstellung in Roadmovie "Nebraska" geehrt.

Den Regie-Preis der Jury bekam in diesem Jahr der Mexikaner Amat Escalante für seinen Film "Heli". Heli ist der ältere Bruder der 12jährigen Estela und er trägt indirekt die Schuld daran, dass ein maskierter bewaffneter Polizist einer Spezialeinheit dem kleinen Mädchen ihren weißen Hundewelpen aus der Hand nimmt und ihm den Hals umdreht. Zuvor haben die Polizisten schon Estelas Vater erschossen – auf der Suche nach zwei Paketen Kokain. Doch sehen sie selbst einen Clip von Arte.fr aus dem Film.


"Heli" d'Amat Escalante

Der Preis der Jury ging an den von Kritikern so gelobten "Like Father, Like Son" von Kore-Eda Hirokazu. In dem japanischen Film zweier Familien wurden deren Söhne bei der Geburt vertauscht. Einige Jahre später sollen sie sich entscheiden, ob sie ihr leibliches Kind nehmen oder den ins Herz geschlossenen Knirps behalten möchten. Ein schmerzhafter Prozess, der auch die Zuschauer rührt und das übergreifende Thema des Festivals über Menschen, die persönliche Krisen durchlitten, exakt trifft.

Link: www.festival-cannes.fr
Quellen: filmecho | Blickpunkt:Film | Tagesspiegel | ap | nzz | Spiegel | 3sat | Salzburger Nachrichten | Sennhausers Filmblog

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