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»Der böse Onkel« aus der Schweiz

Der böse Geheimtipp der 12. Filmkunstmesse Leipzig jetzt im Kino.



Wir vom BAF, als Vertreter der Berliner Independent Filmszene, sind schon eine wenig traurig, dass die Komischen Filmnächte des 1. Berliner Comedy Filmfestivals zumindest vorerst nicht mehr weiterlaufen, wie hier am 2. April 2013 von uns berichtet wurde.

Doch so ganz sind die Low Budget Filme aus den Kinos glücklicherweise noch nicht verschwunden. Der Achtung Berlin - New Berlin Film Award, der vom 17.-24. April 2013 wieder im Kino Babylon und weiteren Abspielstätten stattfinden wird, schwärmt immer wieder über den Einfallsreichtum der Berliner Independent Szene sowie von den zumeist nur mit wenig finanziellen Mitteln ausgestatteten Abschlussfilmen der Filmhochschulen in Berlin und Potsdam, die mit immer wieder neuen Einfällen das Kinopublikum überraschen.

Aber auch in anderen Ländern liegt das Geld nicht auf der Straße, auch wenn man dies von der Schweiz eigentlich nicht vermutet. Der nachfolgend beschriebene Film ist solch ein Fall und könnte durchaus auch aus Österreich stammen, denn extrem trockener Humor erwartet uns bei dem Film "Der böse Onkel" von Urs Odermatt.

Es war der böse Geheimtipp der 12. Leipziger Filmkunstmesse und ist seit vorgestern, den 11. April 2013, nunmehr in den deutschen Kinos in kleiner Auflage gestartet. Die Filmkunst, die hier gezeigt wird, ist natürlich politisch motiviert, wie fast jede Kunst eine Botschaft enthält. In diesem Fall werden Übergriffe von erziehungsberechtigten Lehrern auf abhängige, minderjährige Schüler durch starke Übertreibung angeklagt und bereits im Trailer schon verdeutlicht.



Man mag es glauben, der Film wurde mit nur 50.000 € finanziert und stand für den Autor ganz im Zeichen des Low-Budget-, wenn nicht gar No-Budget-Films. Das Preis- Leistungsverhältnis geht kaum zu toppen.

In einer sich jeder Genreeinordnung verweigernden Handlung erzählt der Schweizer Urs Odermatt (Schöpfer des Films "Mein Kampf" frei nach George Tabori mit Götz George und Tom Schilling) von einer Mutter und ihrer Tochter, die vor zwölf Jahren in ein Dorf im Kanton Aargau gezogen sind und noch immer wie - nun ja - Zugezogene behandelt werden; und von einem Sportlehrer, der im Duschraum nackt E-Gitarre spielt, seine Schülerinnen begrapscht und sie Fangen in der „Alle sind nackt, und es gibt ein Handtuch zu wenig“-Variante spielen lässt. Als gefeierter Landesmeister, der einst sogar an Olympia teilnahm, ist der Dorfheld praktisch unantastbar.

Präsentiert wird das alles in einer lauten, wilden Mischung aus Schwarzer Komödie, Gesellschaftssatire, Drama, Dokumentation und Making Of (!), die man in dieser Form wohl noch nicht gesehen hat. So unterhält sich der verstorbene Musiklehrer während seiner eigenen Beerdigung noch mit den anwesenden Gästen, stimmt die Hauptfigur mitten im Film in eine spontane Tanznummer vorm Supermarkt ein, sprechen alle möglichen Charaktere den Zuschauer ständig direkt an, sieht man dem Filmteam von Urs Odermatt dabei zu, wie es gerade "Der böse Onkel" dreht, und hört man schließlich irgendwann auch noch die Schauspielerin Paula Schramm ein paar Sätze über ihren Filmcharakter Saskia aufsagen.



Das alles erinnert sehr stark an „Holy Motors" von Leos Carax (Filmfestival Cannes 2012), da hier wie dort auf der Leinwand Handlungen ausgeführt werden, die sich an irgendein imaginäres Publikum zwischen handelnden Personen und Kinozuschauern zu richten scheinen. Nur ist "Der böse Onkel" auf dieser Ebene noch um ein Vielfaches extremer, wie in einem weiteren Trailer deutlich wird.



Nordwest Film AG, Schweiz-Deutschland 2011
Links: www.nordwestfilm.ch | www.derböseonkel.ch

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