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Gewinner von Cannes 2012 - ausführliche Bilanz

Fazit der 65. Filmfestspiele von Cannes.



Der Film "Amour" ("Liebe"), das Meisterwerk des Österreichers Michael Haneke über das Altern und den Tod ist beim Filmfest in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und damit zum besten Film erklärt worden.

Mit dem Film "Moonrise Kingdom" wurden die 65. Filmfestspiele in der südfranzösischen Festivalstadt an der Cote d'Azur am 16. Mai 2012 eröffnet. In dem Film präsentierte Regisseur Wes Anderson zwei zwölfjährige Nachwuchsschauspieler, Jared Gilman und Kaya Heyward. Daneben wirken Prominente wie Bill Murray, Jason Schwartzman, Bruce Willis und Tilda Swinton mit. Letztere hat schon oft bewiesen, wie Kinder an ihrer Seite im Film zur Höchstform auflaufen können.

Bis Pfingstsonntag, den 27. Mai 2912 konkurrierten 22 Filme um die Goldene Palme, darunter David Cronenbergs "Cosmopolis" und Michael Hanekes (70) "Amour" ("Liebe"), der unter deutscher und österreichischer Beteiligung entstanden war, aber im Wettbewerb unter französischer Flagge lief. Schon zur Halbzeit wurden die beiden Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant (81) und Emmanuelle Riva (85) bejubelt, sodass zumindest ein Darstellerpreis für den Haneke Film sicher schien. Auch die Zuschauer waren wie gebannt und empfanden die Räume des alten Paares, das seine Pariser Wohnung im Angesicht des baldigen Todes nicht mehr verlies, bald so vertraut wie ihre eigenen. Doch Haneke war nicht der einzige Altmeister im Wettbewerb.

Leider konnten wir nicht persönlich in Cannes am Festival teilnehmen. Aber allein die Trailer auf der Homepage des Festivals sind für wahre Filmfans bereits ein Genuss. Und in unserem Vorbericht vom 15. Mai 2012 brachten wir noch mehr Einzelheiten, die unserere Cineasten interessieren dürfte. Die Jury, zu der auch der Modeschöpfer Jean-Paul Gaultier gehört, wurde übrigens vom italienischen Regisseur Nanni Moretti geleitet.

Empfang des deutschen Kulturstaatsminister in Cannes.
"Wir müssen Flagge zeigen für den deutschen Film in Cannes, egal ob ein deutscher Film im Wettbewerb läuft oder nicht. Die Filmwirtschaft präsentiert sich an der Croisette in allen Facetten", erklärte Kulturstaatsminister Bernd Neumann in Cannes bei seiner Eröffnungsrede des deutschen Empfangs, zu dem German Films traditionell am Montagabend geladen hatte. Es gehe um Austausch und Kontakte, so Neumann, vor allem auch um neue Projekte und Koproduktionen.

An 14 Filmen, die in Cannes gezeigt wurden, war Deutschland finanziell beteiligt, davon sechs allein im Wettbewerb. Und dennoch, obwohl der Anteil steigt, war wieder einmal kein einziger langer Spielfilm als offizieller deutscher Beitrag eines deutschen Regisseurs nach Cannes eingeladen worden. Der lange Dokumentarfilmbeitrag des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin "Der Müll im Garten Eden" tauchte in der Programmierung des Festivals nur als Sondervorführung auf. Zu den drei weiteren Wettbewerbsfilmen, die mit deutscher Beteiligung entstanden sind gehörte Léos Carax' "Holy Motors", Carlos Reygadas "Post Tenebras Lux" und Sergei Loznitsas "Im Nebel" - letzterer tatsächlich eine überwiegend deutsche Produktion.

Außerdem feierte DJECA („Children of Sarajevo“) von Aida Begic Weltpremiere in Cannes. Die Koproduktion von Rohfilm, Leipzig, wurde in der renommierten Reihe ‚Un Certain Regard’ präsentiert. Schon einmal war 2008 bei der Kinoproduktion „Snow“ die Zusammenarbeit der Produzenten Karsten Stöter und Benny Drechsel mit Regisseurin Aida Begic erfolgreich. Ihr Film „Snow“ wurde unter anderem mit dem Hauptpreis der ‚Semaine de la Critique’ in Cannes ausgezeichnet und lief auf den Internationalen Filmfestspielen von Berlin und Toronto.

Im Mittelpunkt von DJECA („Children of Sarajevo“) stehen Rahima und ihr zehn Jahre jüngerer Bruder Nedim, die als Waisen nach dem Bosnienkrieg aufgewachsen sind. In Sarajevo leben sie in einer Gesellschaft im Übergang, die ihren moralischen Kompass verloren hat. Nachdem sie in ihren jungen Jahren anfällig war für Kriminalität, hat Rahima nun Halt im Islam gefunden. Sie hofft, dass ihr Bruder ihrem Beispiel folgen wird. Der Film wurde in Koproduktion mit Filmhouse Sarajevo (BiH), Les Films de l’Après-Midi (F), Kaplan Film (TR), ZDF und ARTE produziert und von der Mitteldeutschen Medienförderung, Eurimages, Fond Sud und Media Programme gefördert.

Deutscher Regisseur unter den zehn Kurzfilmen
Eicke Bettinga, der sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien als Regisseur tätig ist, war mit "GASP" zum dritten Mal zu Gast auf dem berühmtesten Filmfest der Welt. Nach nunmehr acht Jahren durfte sich auch endlich wieder ein deutscher Regisseur im Kurzfilmwettbewerb von Cannes berechtigte Hoffnung auf die Palme d’or du court métrage machen. Eicke Bettinga, der bereits 2002 und 2009 an der Côte d’Azur zu Gast war, war der einzige deutsche Regisseur mit einer Nominierung für die diesjährigen Internationalen Filmfestspiele in Cannes.

GASP (deutsch: "Atemzug") erzählt in 15 Minuten von einem Jungen, der sich nichts sehnlicher wünschst, als ganz normale Gefühle empfinden zu können. Auf der Suche danach begibt er sich jedoch in eine Situation, die beunruhigender nicht sein könnte.

Die Goldene Kurzfilm-Palme ging allerdings an den türkischen Regisseur L.Rezan YESILBAS für "SESSIZ-BE DENG" ("Silent"). Vorsitzender der Kurzfilm-Jury war in diesem Jahr Jean-Pierre Dardenne.

Low-Budget Film aus Deutschland mit Market Premiere
Schon auf dem diesjährigen European Filmmarket in Berlin sicherte sich Aktis Film International, Leipzig die Weltvertriebsrechte von Uta Arnings Debütfilm SNOWCHILD. Der Genrefilm mit internationalem Potenzial der deutschen Autorenfilmerin konnte nun seine Market Premiere in Cannes auf dem Marché Du Film feiern. Rund 4.000 Titeln werden dort im Markt angeboten, darunter 65 neue 3D Filme und mit 350 fertig gestellten Filmen rund 14 Prozent Dokumentarfilme.

Für den Low-Budget-Spielfilm SNOWCHILD, der eine westliche Erzählweise mit einem asiatischen Kontext verbindet, schrieb Uta Arning das Buch und führte Regie. Während weite Teile in Asien mit einem deutsch-japanischen Cast gedreht wurden, war NRW Schwerpunkt der Postproduktion und der aufwendigen Special Effects. Die Produktion war ein besonderer Kraftakt, denn SNOWCHILD wurde durch private Sponsoren finanziert und nur mit Unterstützung von Modedesignern und Musikern aus Berlin ermöglicht.

Die Geschichte lebt von der einzigartigen Atmosphäre Japans und Tokios, der poetischen Sprache und den inneren Konflikten seiner Charaktere. SNOWCHILD ist ein figurengetriebener Beziehungsfilm, der in einem eigentümlichen Hotel spielt - ein Ort der verlorenen Seelen bekannt ist und von dessen Balkon aus sich die Menschen in das offene Meer hinabstürzen. Dieser Film untergräbt Genregrenzen durch das Einsetzen von surrealistischen Elementen, die einen komödiantischen Effekt auf die Geschichte haben. Seine erzählerische Herangehensweise ist innovativ; sie bedient sich eines Looks, der an den Animationsfilm angelehnt ist, und Spezialeffekten, um eine einzigartige – spannende und gleichzeitig bewegende - Atmosphäre zu erzeugen. Es handelt sich hierbei um einen Ensemble-Film mit surrealistischen Elementen. Skurril befasst er sich andererseits auf sensible Weise mit dem ernsten Thema Selbstmord. Deutschlandpremiere feierte SNOWCHILD im Wettbewerb des renommierten Filmfestival Max Ophüls Preis 2012.

Ken Loach war einer der Favoriten.
Schon mit "Looking for Eric" hatte Ken Loach - Gewinner der Goldenen Palme für "The Wind That Shakes the Barley" im Jahr 2006 - vor drei Jahren bewiesen, dass das soziale Anliegen des ewigen Kämpfers gegen Ungerechtigkeit nicht leiden muss, wenn er einen leichteren Ton anschlägt. Nach dem eher misslungenen Politthriller "Route Irish" vor zwei Jahren schlägt "The Angels' Share" in Cannes nun wieder in dieselbe Kerbe wie die Komödie mit Eric Cantona und zeigt sich von seiner mildesten und versöhnlichsten Seite, als hätten es seine Helden im wahren Leben schon schlimm genug, dass man sie nicht auch noch im Film verlieren lassen muss.

Unglaublich aber wahr, der zehnte Film von Loach mit seinem bewährten Drehbuchautor Paul Laverty ist sogar ein beschwingtes Gauner-Movie geworden, in dem vier arbeitslose Jugendliche beim Ableisten ihrer Sozialarbeit anfangen, sich für die Reize von schottischem Single Malt Whisky zu begeistern. Als sich die Konflikte für den gerade zum ersten Mal Vater gewordenen Robbie im heimischen Glasgow verschärfen, beschließt er seine Familie aus der Schusslinie zu bringen und heckt einen tollkühnen Plan aus, mit seinen Freunden vier Flaschen des wertvollsten Whiskys der Welt zu stehlen. "The Angels' Share", wie man die wenigen Prozent eines Whiskys im Fass nennt, der automatisch durch die Fasswand verdunstet, steckt voller wahrhaftiger Figuren, deftiger Dialoge und charmanter Situationen - und ein paar der schönsten und lustigsten Oneliner, die Paul Laverty ja geschrieben hat. Loach macht kein Hehl daraus, dass er im Grunde ein Märchen erzählt, lässt aber nie die Realität aus den Augen: Im Angesicht der höchsten Arbeitslosenrate in der Geschichte Großbritanniens gönnt er sich einfach ein Was-wäre-wenn-Szenario, das vielleicht Hoffnung, aber auf jeden Fall dringend nötige Abwechslung bietet. Ein potenzieller Publikumserfolg und würdiger dritter Preis.

Ebenfalls zur Halbzeit hatte Alain Resnais seinen vielleicht letzten großen Auftritt: "Ihr werdet euch noch wundern" soll die vermeintlich letzte Regiearbeit des knapp 90-jährigen Pioniers sein, der hier vielleicht nicht ganz so wild fabuliert wie in "Vorsicht Sehnsucht", aber dennoch ein faszinierendes Vexierspiel anbietet, in dem sich Frankreichs Superstars - von Michel Piccoli über Mathieu Amalric und Anne Consigny hin zu Resnais' erklärter Muse Sabine Azéma - die Klinke in die Hand geben: Nach dem Tod eines berühmten Theaterautoren werden lauter vormalige Darsteller seines Stücks "Eurydice" in dessen Villa gebeten, wo sie Zeuge einer gänzlich neuen Inszenierung des Dramas werden, aber zunehmend in die Handlung eingreifen, mit den jungen Schauspielern kommunizieren und schließlich das Stück komplett an sich reißen. Das ist bisweilen etwas steif, aber doch immer einfallsreich und erfrischend innovativ gestaltet. Fans von Resnais werden ihre Freude haben.

Weitere große Kandidaten
Marion Cotillard in Jacques Audiards "De rouille et d'os" und Mads Mikkelsen in Thomas Vinterbergs "Jagten" lieferten beseelte Leistungen ab. Ein heißer Preiskandidat war auch Cristian Mungius "Provizoriu" und von den vielen Rollen eines Schauspielers erzählte Léos Carax in "Holy Motors". Wenig war zuvor über den Film bekannt geworden, der die Streifzüge eines ominösen Monsieur Oscar (Denis Lavant) durch Paris zum Threma hat, und alle möglichen Genres von Horrorfilm über Thriller, Fantasy und Musical streift. Carax hat seit 199 keinen Film mehr gedreht. 1991 ging er mit "Die Liebenden von Pont-Neuf" schon einmal in die Annalen der französischen Kinogeschichte ein. Auch diesmal ließ sich das Publikum am Ende zu lang anhaltenden Begeisterungsstürmen hinreißen. Eine Auszeichnung gab es jedoch nicht. Hier der Teaser auf Kino-Zeit.




Unter den Favoriten waren aber fast ausschließlich Männer und kaum Frauen. Auch Brad Pitt kehrte nach "Tree of life" als Dauergast wieder zurück. Diesmal mit dem furiosen Gangsterthriller "Killing Them Softly". Festivalchef Thierry Frémaux konterte, niemals werde er einen Film, "der es nicht verdient hat", nur deshalb in den Wettbewerb einladen, weil er von einer Frau gedreht worden sei. Das führe nur zur "Quotenpolitik" und wäre das Ende des Festivals. Man wolle sich aber in Zukunft intensiver nach Filmen von Frauen umsehen.

Zu einem starken Festivaljahrgang trug auf der Zielgeraden auch Walter Salles' "On the Road" bei, während Carlos Reygadas' "Post Tenebras Lux" sehr kontrovers diskutiert wurde und Lee Daniels' solider Southern-Gothic "The Paperboy" vielfach sogar ungläubiges Kopfschütteln erntete. Auch die Geschichte, die der Österreicher Ulrich Seidl mit "Paradise:Love" zu erzählen versuchte, wirkte etwas befremdlich. Er zeigte Bilder knackicker, kenianischer Boys unter freiem Himmel am Strand, die sich als Sexsklaven für ältere weiße Touristinnen anbieten.

Was bleibt sind wieder einmal außergewöhnliche, teils fantastische cineastiche Kunstwerke, für die wir die Festivals wie Cannes, Venedig, die Berlinale und bald wieder Locarno lieben. Schade nur, dass immer wieder viele Filme nie oder viel zu spät in deutsche Kinos kommen, weil sie keinen Verleih finden. Kino wird leider immer noch als Wirtschaftsgut angesehen, dessen Umsatzzahlen sich am Aktionkino orientiert. Filmkunst bleibt dabei ein Nischendasein und oft sogar gänzlich auf der Strecke liegen.


Die Preise:

Goldene Palme: Michael Haneke für "Amour" ("Liebe")
• Zweiter Platz ("Großer Preis der Jury"), belegte die Mediensatire "Reality" des italienischen Regisseurs Matteo Garone.
• Dritter Preis, den ("Prix du Jury"), erhielt überraschend Cannes-Veteran Ken Loach für seine Sozialkomödie "Angel's Share". Der Brite war bereits zum zwölften Mal im Wettbewerb vertreten, 2006 hatte er mit "The Wind That Shakes the Barley" den Hauptpreis gewonnen.
Beste Schauspielerinnen wurden Cosmina Stratan und Cristina Flutur aus dem Exorzismus-Drama "Beyond the Hills" des Rumänen Cristian Mungiu geehrt.
Bester Schauspieler: Die Auszeichnung erhielt der Däne Mads Mikkelsen für seine Rolle in dem Psychothriller "The Hunt".
Beste Regie. Der Mexikaner Carlos Reygadas gewann für "Post tenebras lux" den Regiepreis.
Bestes Drehbuch. Das Klosterdrama "Beyond the Hills" des Rumänen Cristian Mungius gewann den Drehbuchpreis.
Bestes Debüt wurde "Beasts of the Southern Wild" von Benh Zeitlin ausgezeichnet. Das Südstaaten-Drama hatte bereits in Sundance den großen Preis der Jury gewonnen.

Preise der Nebenreihen:
In der wichtigen Nebenreihe »Un Certain Regard« wurde das Familiendrama "Después de Lucia" vom mexikanischen Regisseur Michel Franco als bester Film ausgezeichnet. Den Spezialpreis der Jury erhielt "Le Grand Soir" von Benoit Delépine und Gustave Kervern.

Eine Jury unter dem Vorsitz des französischen Regisseurs Bertrand Bonello hat Antonio Mendez Esparzas "Aqui y Allá" mit dem Hauptpreis der »Semaine de la Critique« in Cannes ausgezeichnet. Das spanisch-mexikanisch-amerikanische Auswandererdrama erzählt die Geschichte eines Mannes, der nach mehreren Jahren in den USA in sein Heimatdorf in den mexikanischen Bergen zurückkehrt und es dort nicht einfach hat, wieder seinen Platz in der Gesellschaft zu finden.

Ein weiterer Preis der »Semaine de la Critique« ging an Ilian Metevs "Sofias letzte Ambulanz", das Porträt des Arbeitsalltags eines Arztes, einer Krankenschwester und eines Krankenwagenfahrers in Bulgariens Hauptstadt. An der internationalen Koproduktion war von deutscher Seite die Kölner Sutor Kollenko Filmproduktion beteiligt gewesen, die Film- und Medienstiftung NRW förderte das Projekt mit 50.000 Euro.
Mehr Preisträger der Semaine de la Critique unter: www.semainedelacritique.com

Kurzfilmpreis
Palme d'Or - Short Film: "SESSIZ-BE DENG" ("SILENT") directed by L.Rezan YESILBAS, Türkei.

Der Kultursender 3sat wird heute Abend (Pfingstmontag) um 19:15 Uhr in seiner Sendung "Kulturzeit" einen Spezialbericht vom Festival ausstrahlen. In der Internet-Mediathek von Arte ist ebenfalls ein Sonderbericht über die Preisverleihung abrufbar. Weitere Infos in unserem Vorbericht vom 15. Mai 2012.

Link: www.festival-cannes.fr
Quellen: Blickpunkt:Film | ZOOM MEDIENFABRIK | Tagespiegel | 3sat | Der Spiegel


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