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Weitere viele interessante Filme im September im Kino

Insgesamt acht Filmkritiken zu Neustarts von dieser Woche und Nachträge zu letzter Woche.

Durch unsere aktuellen Berichte zu zahlreichen Filmfestivals und Preisverleihungen mussten wir diesmal leider unsere Filmkritiken zu Kinostarts in Deutschland hintenanstellen, obwohl letzten Donnerstag allein 12 neue Filme gestartet sind, die wir aber nicht alle besprechen können, zumal von der Vorwoche noch einiges übrig geblieben war. Glücklicherweise sind alle von uns besprochenen Filme noch in den Kinos zu finden und nicht gleich wieder in der Versenkung verschwunden.

Auch das gerade erst zu Ende gegangene wichtige »tiff« Filmfestival im nordamerikanischen Toronto zeigte erst jetzt einen Film, der schon im Januar beim US-Filmfestival in Sundance erstmals vorgestellt worden war und auf Anhieb das Publikum begeisterte. Die Rede ist von Luca Guadagninos "Call me by your Name", der uns ebenfalls auf der Berlinale im Panorama stark beeindruckt hat. Allerdings ist der offizielle deutsche Kinostart erst im März 2018 avisiert.

Dagegen ist das zweite, ebenfalls homoerotische Werk, "The Wound", das auch in Sundance lief und anschließend auf der Berlinale im Panorama präsentiert wurde, und uns beinahe emotional mehr berührte, als alles andere was die Berlinale zu bieten hatte, jetzt bei uns im Kino zu sehen ist. Dazu nachfolgend eine Rezension.

Mitreißend fanden wir von der Chefredaktion auch die Tragikomödie "The Book of Henry" über das unfassbar traurige Schicksal eines 11-jährigen Mathe-Genies, die weiter unten ebenfalls besprochen wurde.

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"THE WOUND - Die Wunde" Drama von John Trengove (Südafrika, Deutschland, Frankreich, Niederlande).

Mit Nakhane Touré, Bongile Mantsai, Niza Jay Ncoyini u.a.

Seit 14. September 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Elisabeths Kurzkritik:

John Trengove behandelt in seinem Debütfilm den Inititiationsritus der Xhosa-Männer zum Mann, die Tradition der Beschneidung, die mit 17 bis 23 Jahren erfolgt. Zumal dieses Ritual unter einem Tabu steht, hat das Drama das Potential anzuecken. Trengove, der sorgfältig recherchiert hatte, macht dabei kein Geheimnis daraus, dass ihn insbesondere die schwule Identität seiner Hauptfiguren interessieren. Da ist Xolani, er ist ein junger Arbeiter, der für das Ritual in sein Heimatdorf fährt, um den Sohn von Bekannten zu betreuen. Xolanis Schützling ist ein Junge aus der Stadt, den die anderen Jugendlichen aufziehen und als einen Außenseiter ansehen. Auch Xolani gilt als Außenseiter, darum hatte die Familie des Jungen ihn ausgewählt. Xolanis Besuche in der Heimat haben noch einen anderen Grund, der sich im Laufe der Filmhandlung in den Vordergrund schiebt und der Auslöser für eine dramatische Wendung wird. Bald geht es daher nicht nur um die Aufgaben, denen sich die Anwärter stellen müssen, sondern um die Beziehung von Xolani und seinem Jugendfreund Vija, der ebenfalls als Betreuer dabei ist. Trengoves Film behandelt nun nicht nur den Prozess des Heranwachsens und Reifens, ein Prozess der nicht mit der Initiation abgeschlossen ist, sondern auch den der Heilung. Sowohl wörtlich, als auch im übertragenen Sinn.

Elisabeth Nagy

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"MOTHER!" Thriller von Darren Aronofsky (USA).

Mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Ed Harris u.a.

Seit 14. September 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Bei den diesjährigen Filmfestspielen von Venedig wurde Darren Aronofskis Film „mother!“ mit Buhrufen quittiert. Vollgepackt mit metaphysischen Anspielungen, die es einem nicht gerade leicht machen sie zu entschlüsseln, sie auf Anhieb zu verstehen und Spielraum für die unterschiedlichsten Interpretationen liefern. In einem fern von jeder Zivilisation gelegenen Landhaus leben ein Schriftsteller (Javier Bardem) und seine junge Frau (Jennifer Lawrence) nebeneinanderher. Er ist von einer Schreibblockade geplagt, während sie damit beschäftigt ist, das durch einen Brand angegriffene Haus, liebevoll herzurichten. Die beiden führen ein Dasein, hermetisch abgeschottet von der Außenwelt. Doch urplötzlich steht ein Fremder (Ed Harris) vor der Tür und bittet um Einlass.

Für den Mann ist der Besuch eine willkommene Abwechslung. Kurze Zeit später erscheint dessen Ehefrau (Michelle Pfeiffer), die mit einer Dreistigkeit das ganze Haus für sich in Beschlag nimmt. Und damit nicht genug, es tauchen die beiden Söhne des fremden Paares auf. Während der Hausherr sich durch die Eindringlinge Inspiration für seinen neuen Roman erhofft, macht sich bei der jungen Frau ein deutliches Unbehagen breit. Die Fremden sollen verschwinden. Es stellt sich heraus, ihre Ablehnung ist nicht unbegründet. Der unerwünschte Besuch entwickelt sich zu einem Horrortrip. Der eine Bruder erschlägt den anderen. Das Haus, was von J. Lawrence liebevoll zu einem trauten Heim der Zweisamkeit hergerichtet wird, wird zu einem Haus, indem das pure Grauen die Oberhand gewinnt. Ein schlagendes Herz wird ins Klo gespült, ein Blutfleck auf den Dielen des Fußbodens, windet sich einer Schlange gleich durchs ganze Haus. Erinnerungen an Polanskis „Rosemaries Baby“ und Kubricks „Shining“ werden gestreut, bis hin zu einem grauenvollen Akt der Barbarei. Aronofski bedient sich alttestamentarischer und neutestamentarischer Allegorien, die einen verwirrten und verstörten Zuschauer in die Realität des Alltags taumeln lassen. Verständlich, dass hinter dem Titel ein Ausrufungszeichen steht.

Ulrike Schirm

Anmerkung der Redaktion: Trotz aller Kritik ist "mother!" eigentlich kluges politisches Kino über soziale Ungerechtigkeit, Gewalt und Diskriminierung.

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"LOGAN LUCKY" von Steven Soderbergh (USA).

Mit Channing Tatum, Adam Driver, Seth MacFarlane u.a.

Seit 14. September 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

West – Virginia, Wild and Wonderful, klingt verheißungsvoll, ist es aber nicht. Die Lebenssituation vieler Bürger ist ziemlich prekär. Da wären die Brüder Logan. Jimmy, der sich eine Fußballkarriere erhofft hat, aber seine Verletzung am Bein macht ihm einen Strich durch seinen Wunsch, dann verliert er auch noch einen Job nach dem anderen und seine Ex nervt auch gehörig. Bruder Clyd (Adam Driver), schlägt sich als Barkeeper durch und da er nur noch einen Arm hat, wird er ständig schikaniert. Geldsorgen haben alle beide. Und wenn man im Leben zu den Benachteiligten gehört und auch etwas vom großen Kuchen abhaben möchte, ja dann plant eben den großen Coup.

Es ist Jimmys (Channing Tatum) Idee: Das legendärste NASCAR- Rennen der Welt, der Coca Cola Cup 600 bietet die besten Voraussetzungen für einen perfekten Raubüberfall im Stil von „OCEAN'S 11“. Die unterirdisch gelegene Rohrpostkonstruktion bietet sich bestens an, die Einnahmen rauschen nur so durch und landen in einem Riesensafe. Ein Sprengstoffexperte muss her. Doch der sitzt dummerweise im Knast. Joe Bang, gespielt von Daniel Craig mit strohblond gefärbter Bürstenfrisur, prollig aber clever, weiß genau wie man es schafft, unbemerkt den Knast für kurze Zeit zu verlassen, um dann zurückzukehren, als sei nichts gewesen. Mit von der Partie Friseusenmelli, die Schwester der Loganbrüder und Joes jüngere Brüder Fish and Sam, die gerne mal ‘ne Prise Meth zu sich nehmen. Eigentlich denkt Jimmy mehr an seine verbitterte Ex-Frau Bobbie (Kati Holmes) und seine kleine Tochter, denen er endlich was bieten möchte, als an sich. Alle notwendigen Vorbereitungen sind getroffen, auf geht`s nach Charlotte, in North Carolina.

Soderbergh legt in seinem skurrilen Gaunerspaß ganz viel Wert auf smarte, teilweise höchst amüsante Dialoge, von denen Craig am meisten profitiert. Driver, der schon in Jim Jarmuschs „PATERSON“ im letzten Jahr, einen wortkargen Busfahrer spielte, sagt auch hier nicht viel. Aber wenn er den Mund aufmacht, dann ist auch er trocken-komisch. Ähnlich wie in „HELL OR HIGH WATER“ übt Steven Soderbergh Kritik an den Missständen der amerikanischen Politik und stellt sich an die Seite der Underdogs und Einkommensschwachen, die nicht nur in den USA, sondern auf der ganzen Welt die Verlierer sind. Hier sind es Normalos mit Robin – Hood – Appeal.

Ulrike Schirm

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"DAS LÖWENMÄDCHEN" Drama von Vibeke Idsøe. (Deutschland, Norwegen, Schweden) Mit Rolf Lassgård, Ken Duken, Burghart Klaußner u.a. seit 14. September 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Bei der Veröffentlichung des Romans 'Das Löwenmädchen' schrieb die Neue Züricher Zeitung: „Es gibt Bücher, bei denen man den Eindruck gewinnt, der Autor habe alles richtig gemacht. 'Das Löwenmädchen' gehört zu dieser raren Spezies.“ (Autor: Erik Fosnes Hansen).

Ulrikes Filmkritik:

Vibeke Idsøe hat das Drehbuch nach dem Roman geschrieben und auch die Regie übernommen.

Norwegen 1912. Ein Mädchen kommt auf die Welt, von Kopf bis Fuss mit hellen Haaren bedeckt, die Mutter stirbt bei der Geburt. Der Vater, Stationsvorsteher in einer norwegischen Kleinstadt kann sein Entsetzen nicht verbergen. Das Monsterbaby darf auf keinen Fall der Öffentlichkeit gezeigt werden. Er engagiert eine Amme, die nur zu bestimmten Zeiten, das Haus mit dem Kind verlassen darf. Ansonsten bleibt das kleine Mädchen eingesperrt im Haus. Die Scham ist gross. Auch der herbeigeeilte Wissenschaftler bestätigt, das die Behaarung sich nicht mehr verliert, das Kind leidet an einem selten auftretenden Gen – Defekt. Gustav Arctander (Rolf Lassgård) bleibt nichts anderes übrig, als sich mit dem Gedanken abzufinden, dass seine Tochter Eva ihr Leben lang eine Außenseiterin bleibt, womöglich dem Hohn und Spott ihrer Mitmenschen ausgeliefert. Eine Rarität, die wenn überhaupt, nur im Monsterkabinett auf dem Rummel eine Existenzberechtigung hat.

Die kleine Eva entwickelt sich zu einem ganz normalen Mädchen. Hanna, die Amme, setzt alles dran, dass Eva zum alljährlichen Weihnachtsbaumfest gehen kann. Im knallroten Kleidchen und neuen Schuhen verlässt sie zum ersten Mal dass Haus und stellt sich in Begleitung des Vaters und der Amme den neugierigen Blicken der Anwesenden. Für den Vater eine Qual. Hanna kann es nicht mehr mit ansehen, das Eva weiterhin das Haus nicht verlassen darf. Sie packt ihre Sachen und geht schweren Herzens. Arctander holt sie zurück mit dem Versprechen, die Bedingungen zu lockern.

Hanna setzt durch, dass Eva endlich zur Schule gehen darf. Dort wird sie gehänselt, heute sagt man gemobbt dazu. Funken (Rolf Christian Larsen) ein junger Bahnangestellter, behandelt Eva als ganz normale Person, die beiden werden Freunde. Das „Löwenmädchen“ entwickelt eine besondere Affinität zur Mathematik, von deren Gesetzmäßigkeit sie die Gewissheit gewinnt, das das Leben weit mehr ist als eine Anomalie.

Von den Hänseleien und ihren Selbstzweifeln erzählt sie nichts. Sie schweigt. Inzwischen ist sie zum Teenager gereift. Ihr Vater fährt mit ihr zu einem Ärztekolloquium nach Kopenhagen, mit der Hoffnung, dass dem Mädchen doch noch geholfen werden kann. Doch es passiert Ungeheuerliches und er reist mit Eva schnellstens zurück. Er fällt in seine alten Verhaltensmuster zurück, indem er es wieder für das Beste hält, Eva von der Außenwelt abzuschotten, um sie zu schützen. Funken bittet ihn inständig, Eva auf die Universität zu schicken. Arctander kann nicht zustimmen. Als ihr Vater ihren besten Freund auch noch wegen angeblicher Ungereimtheiten im Büro entlässt, bricht für sie die Welt zusammen.

Für seine unrechtmäßige Entlassung macht sie den Vater verantwortlich. Sie verlässt ihn und schließt sich einem Wanderzirkus an, der sogenannte Missgeburten zur Schau stellt. Als „Freak“ verdient sie zum ersten Mal eigenes Geld. Sie hält es nicht lange dort aus. Sie ist klug und stark genug, sich nicht auf Äußerlichkeiten reduzieren zu lassen. Sie besitzt inzwischen so viel Selbstbewusstsein, dass sie in Paris an die Sorbonne geht, um endlich Mathematik zu studieren. Sie ist bereits eine anerkannte Wissenschaftlerin, als sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters erhält. Zurück in der kleinen Bahnstation, ihrem einstigen Zuhause, trifft sie auf Hanna wieder, die sie mehr zu lieben schien als der Vater. Sie nimmt nichts weiter mit nach Paris, als eine Mappe mit Zeichnungen, die ihr Vater gemalt hat… beim Blättern steigen ihr Tränen in die Augen.

In wunderschön fotografierten Bildern ist dieses „Märchen“ ein Appell für Toleranz und Akzeptanz von Fremdheit und alldem was angeblich nicht unseren Normen entspricht.

Ulrike Schirm

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"SCHLOSS AUS GLAS" Drama von Destin Daniel Cretton (USA).

Mit Brie Larson, Woody Harrelson, Naomi Watts u.a.

seit 21. September 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Sie gehört zur Upper – Class, Jeanette Walls, eine erfolgreiche Journalistin in New York, verlobt mit einem reichen Wallstreet-Banker, erblickt bei ihrer Heimfahrt im Taxi ein verwahrlostes älteres Paar, beim näheren Hinsehen erkennt sie ihre Eltern und fährt weiter. In bewegenden Bildern erzählt der Film nach dem Bestseller „Ein Schloss aus Glas“ die Kindheitsgeschichte der Jeanette Walls (Brie Larson) ein Leben voller Entbehrungen, Hunger, ohne feste Bleibe und ohne Geld und dennoch ein Abenteuer, bei dem die elterliche Liebe bei allen Widrigkeiten die Oberhand behält.

Jeanette und ihre drei Geschwister wachsen ohne Schule auf, ihr Vater Rex (Woody Harrelson) pfeift auf Konventionen, ein Freigeist, der das Nomadenleben bevorzugt, ständig auf der Flucht vor der Polizei, irgendwelchen Gläubigern, seiner Spielsucht und dem verfluchten Alkohol. Noch sind die Kinder glücklich, verspricht er ihnen doch immer wieder das „Schloss aus Glas“ welches er ihnen eines Tages bauen wird. Er erzählt den Kindern die schönsten Geschichten, holt ihnen die Sterne vom Himmel, bringt ihnen die Mathematik bei und zeigt ihnen wie man schießt. Seine Frau Rose (Naomi Watts) himmelt ihren Mann regelrecht an. Eigentlich ist sie von Beruf Lehrerin, hat sich aber für das Aussteigerleben entschieden und versucht sich als Malerin zu verwirklichen. Harrelson ist grandios in seiner Rolle. Hin- und her schwankend zwischen seinen Alkoholexzessen und dann wieder seine feinfühlige und liebevolle Umgangsart mit den Kindern, ein Spagat, den er mit einer umwerfenden schauspielerischen Wandelbarkeit meistert.

Jeanette, die er liebevoll Bergziege nennt, fragt ihn eines Tages sehr besorgt: „Meinst du Dad, du könntest aufhören zu trinken? Dann hätten wir Geld für Essen und das Glashaus“. Schmerzvoll erlebt sie seinen Entzugsversuch. Sie bleibt standhaft, als ihr Vater nach Alkohol verlangt. „Bring mir was zu trinken, sonst sterbe ich“.

Mit dem Älterwerden begreifen die Kinder, dass dieses Leben am Rande der Gesellschaft mehr Qual als Abenteuerlust ist. Jeanette ist die Erste, die ihren Koffer packt und geht. Sie baut sich ein Lügengerüst auf und verheimlicht vor ihrem zukünftigen Ehemann ihre Herkunftsgeschichte. Doch kann man wirklich seine Herkunft ablegen wie einen zerschlissenen Mantel, den man jahrelang getragen hat? Es ist ein sehr bewegender Film, den Destin Daniel Cretton mit einem hervorragenden Cast inszeniert hat. Auch wenn er ihn im Gegensatz zum Buch  etwas „geschönt“ hat. In Wirklichkeit wurde Rex von seiner Mutter sexuell missbraucht, was seine Trunksucht zur Folge hatte. Film und Buch regen zu Diskussionen an und die eindringlichen Bilder des Films bleiben noch lange im Gedächtnis haften. Besonders wichtig war es für Jeanette Walls, dass trotz aller Misslichkeiten, Cretton die glücklichen Momente, die Liebe und die Freude, die sie als Kind erlebt hat, zeigt. Beides hat sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist.

Ulrike Schirm

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"HEREINSPAZIERT!" Komödie von Philippe de Chauveron (Frankreich, Belgien). Mit Christian Clavier, Ary Abittan, Elsa Zylberstein u.a.

seit 21. September 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Ein linksliberaler Starautor rühmt sich in einem Fernsehduell mit einem rechtspopulistischem Politiker, sich stets für die Armen der Armen einzusetzen. Wahrscheinlich hat er auch deswegen einen Inder als Bediensteten bei sich angestellt. Jean Etienne Fougerole (Christian Clavier) spreizt sich regelrecht in seinem Gut-Mensch-Denken, was seinen Widersacher Barzach (Marc Arnaud) gehörig auf die Palme bringt. Um zu zeigen, dass er es todernst meint, verkündet er vor laufender Kamera, dass er bereit sei eine Roma-Familie bei sich aufzunehmen, gleichwohl mit dem Hintergedanken, dass er damit die Auflage seines Buches schlagartig erhöht. „Wenn da draußen, eine Roma-Familie in Not ist, dann sage ich Hereinspaziert!" Es dauert nur wenige Stunden und der „ausgeschlafene“ Babik steht mitsamt seiner Familie vor dem herrschaftlichen Anwesen der Fougeroles und bettelt um Einlass.

Dem Hausherr und seiner Frau (Cyril Lecomte) fallen die Kinnladen herunter. Sie machen gute Miene zum bösen Spiel und gestatten den Fremden Unterschlupf in ihrem Garten. Natürlich bleibt es nicht bei einer Nacht. Die laute fremdländische Sippe macht sich mit humoriger Dreistigkeit im ganzen Haus breit. Zähneknirschend ergibt sich der selbstgefällige Fougerole dem Einmarsch des bunten Völkchens und bewahrt mühselig die Contenance. Zum Entsetzen verliebt sich auch noch sein Sohn in die hübsche Roma-Tochter. Für die buntgewürfelte Roma-Familie heißt Fougerole nur noch »Monsieur Hereinspaziert«. Man ist schnell dabei die Wertsachen im Haus so gut wie möglich zu verstecken.

Schon in „Monsieur Claude und seine Töchter“ hat Regisseur Philippe de Chauveron eine Komödie über dunkelhäutige und andersgläubige Schwiegersöhne gedreht, mit äußerst fragwürdigem Humor. Schon da legte er den Humor ziemlich flach. „Hereinspaziert!“ mit seinen total überzeichneten Charakteren und dem klamaukigen Humor zielt eindeutig auf die Breite Masse, macht die wirkliche Problematik kaputt und ich befürchte, dass beim Zuschauer nichts weiter hängen bleibt als der Eindruck einer ach-was-für-eine-lustige-Schenkelklopf-Komödie. Das der Rechtspopulist auch noch schwul sein muss, setzt dem ganzen noch die Krone auf. Schade.

Ulrike Schirm

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"THE BOOK OF HENRY" Tragikomödie von Colin Trevorrow (USA). Mit Naomi Watts, Jacob Tremblay, Jaeden Lieberher u.a.

seit 21. September 2017 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Es sind oft die kleinen Vororte mit ihren idyllisch gelegenen Häusern, hinter deren Fassaden sich Dinge abspielen, die gut und gerne totgeschwiegen werden. In so einem Ort lebt die alleinerziehende Susan (Naomi Watts) mit ihren zwei Söhnen, dem achtjährigen Peter (Jacob Tremblay) und dem drei Jahre älteren Henry (Jaeden Lieberher). Henry ist nicht nur ein Mathegenie, sondern er besitzt auch einen stark ausgeprägten Beschützerinstinkt. Er hilft seiner überforderten Mutter, die in einem Diner arbeitet , wo er nur kann. Er schmeißt den Haushalt, gespaßt seinen kleinen Bruder, wenn der mal traurig ist und auf dem Börsenparkett kennt er sich aus wie ein Grosser. Anfänglich könnte man denken, was für ein altkluger Junge ist der denn. Schnell erkennt man, dass er über eine ungewöhnliche Empathie und Vernunft verfügt, ungewöhnlich für ein Kind in diesem Alter. Irgendwie hat man ihn schnell ins Herz geschlossen. Ein bisschen verliebt ist er in seine Klassenkameradin Christina (Maddie Ziegler), die sich sehr verschlossen gibt. Sie lebt mit ihrem Stiefvater, Polizeichef des Ortes (Dean Norris), im Nachbarhaus und wird von ihm offensichtlich missbraucht. „Es sind ihre unendlich traurigen Augen, mit denen sie einen ansieht und ihr Blick sagt alles“. Obwohl Henry es der Lehrerin gesagt hat, dem Jugendamt mitgeteilt hat, dass in dem Haus etwas nicht stimmt, kümmern tut sich Niemand und Christina selbst schweigt.

Bald stellt sich leider heraus, dass Henrys zunehmende Kopfschmerzen nicht von seinen Grübeleien und intensiven Nachforschungen, sondern von einem Tumor im Kopf herrühren. In einem Notizbuch hat er vor seinem Tode noch einen regelrechten Racheplan ausgetüftelt, mit der Auflage, dass seine Mutter diesen unbedingt ausführen soll. Ein Vermächtnis, welches sie auffordert, Selbstjustiz an dem Vater von Christina zu verüben. Es bleibt offen, warum der sonst so vernünftige Junge, zu einem derartig perfiden Plan greift, um das Mädchen zu retten, wenn es sonst Niemand tut. Jetzt nimmt der Film eine Wendung, die die durchaus bis dahin ergreifende Handlung scheinbar in die Niederungen eines B-Movies führt. Wieso und warum, fragt man sich. Susan entschließt sich in letzter Minute den Anschlag nicht zu tun. Sie stellt den Nachbarn zur Rede und macht ihm klar, dass sie ihn anzeigt und er keine Chance mehr hat, davonzukommen. Um der Schmach zu entgehen, bringt dieser sich um und Christina findet ihr neues Zuhause nebenan. Wenigstens wirft das Ende viele Fragen auf und das ist eine Qualität, die dafür sorgt, dass man es so schnell nicht vergisst. Übrigens, den Namen des Jungen muss man sich merken. Jeaden Lieberher (14) ist eine Wucht. Demnächst sieht man den begabten Jungschauspieler in Stephen Kings "ES" wieder.

Ulrike Schirm

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"NORMAN" Drama von Joseph Cedar (USA, Israel).

Mit Richard Gere, Lior Ashkenazi, Michael Sheen u.a.

seit 21. September 2017 im Kino. Hier der Sony Pictures Classics Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Eins gleich vorneweg. Richard Gere ist in seiner Rolle als kauziger, penetranter „Fixer“, einer, dessen Job es ist, wichtige Geschäftsleute zu verkuppeln, schauspielerisch in Höchstform.

Norman Oppenheimer (Richard Gere), ein erfolgloser jüdischer New Yorker Pseudogeschäftsmann, der durch die Straßen Manhattans streunt, ein einsamer Wolf, auf der mühseligen Suche nach einflussreichen Kontakten. Eine tragische Figur, gehüllt in einen Kamelhaarmantel, eine Schiebermütze auf dem Kopf, in den Ohren seine Telefonstöpsel. In der Manteltasche ein Packen Visitenkarten, denn man weiß ja nie… Der Traum vom großen „Player“ kann im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, jederzeit in Erfüllung gehen. Zufällig lernt er den israelischen Politiker Eshel (Lior Ashkenazi) kennen, haftet sich an dessen Fersen, lockt ihn in ein sündhaft teures Schuhgeschäft, überredet ihn, ein Geschenk anzunehmen und kauft ihm ein Paar Schuhe im Wert von 1.200 Dollar. Ein Akt der Spitzfindigkeit oder der puren Verzweiflung. Seine Hoffnung: So bleibt er Eshel in guter Erinnerung, was sich eventuell eines Tages bezahlt machen kann. Drei Jahre später scheint sein Traum in Erfüllung zu gehen.

Eshel wird israelischer Premierminister, erinnert sich an den geschwätzigen Freund und Norman bekommt endlich das, was er sein Leben lang vermisst hat: Respekt und ganz viel Aufmerksamkeit. Er macht sich Eshels Namen zu Nutze und startet den größten Deal aller Zeiten. Ein Deal, dessen Auswirkungen seinen Neffen und einen befreundeten Rabbi (Steve Buscemi) an den Rand des Ruins treibt. Und nicht nur das, der fragwürdige Deal löst beinah eine Internationale Katastrophe aus. Norman muss alle Hebel in Bewegung setzen, um das drohende Unheil abzuwenden.

Regisseur Joseph Cedar hat mit Norman eine Figur lebendig gemacht, ein Sonderling, dem man bei seinem verzweifelten Kampf um Anerkennung alles erdenklich Gute wünscht. Die Tragik, die sich hinter seiner Fassade verbirgt, lässt viel Spielraum für Sympathie und dem Gefühl gutgemeinten Mitleids, weit, weit entfernt von jeglichem Spott und Hohn.

Ulrike Schirm

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