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Neue Filmkritiken und Arthouse Besucherzahlen

Fatih Akins "Aus dem Nichts" konnte seine Besucherzahl verdoppeln.

Nach dem sensationellen Erfolg von Fatih Akins "Aus dem Nichts" bei der Verleihung der Golden Globes (wir berichteten am 9.1.2018) kehrte sein Arthouse Film am letzten Wochenende in den von Comscore und der AG Kino-Gilde ermittelten Besuchercharts zurück auf Platz eins! Zwischendurch war der Film bereits auf Platz vier abgesackt und musste "Loving Vincent", gefolgt von "Das Leuchten der Erinnerung" zuvor die ersten Ränge überlassen. Nun soll aber die Anzahl der Leinwände, auf denen Akins Film bereits seit dem 23. November 2017 läuft, noch einmal aufgestockt werden, denn Akin wurde gestern auch als bester Regisseur beim Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.

Die Besprechungen der genannten Filme finden sie bei uns ganz einfach, indem Sie auf der linken Seitenleiste in der Rubrik der Kategorien unter Film & TV-Kritik neben dem RSS Feed Symbol ein Häkchen setzen und auf Los drücken. Dann werden nur alle Seiten mit unseren letzten Filmkritiken angezeigt, durch die Sie einfach durchscrollen können.

Am letzten Wochenende belegte den Platz vier nun der einzige Neustart vom 11. Januar 2018 bei den Arthouse Kinos. Nämlich Woody Allans "Wonder Wheel", der allerdings trotz überzeugender Charakterdarstellungen nicht wirklich modernes Kino darstellt, sondern so old-fashioned daherkommt, wie sein stark gealterter Regisseur.

Das aktuelle Mainstream-Kino in den Multiplex-Sälen haben wir dagegen meist links liegen gelassen, auch wenn wir uns den einen oder anderen Trailer zur Orientierung angesehen haben. Nur unsere Filmkritikerin Ulrike hat sich zu einem Action-Thriller mit Liam Neeson gewagt, schien aber wenig begeistert gewesen zu sein. Sogar der Tagesspiegel schrieb sinngemäß, dass durch die atemberaubende Geschwindigkeit mit der die Filmschnitte erfolgten, die teils unlogische Handlung einfach unter den Tisch gekehrt wurde.

Einer der interessantesten, ganz aktuellen Neustarts, den Sie am Ende unserer Besprechungen finden, ist dagegen "Die dunkelste Stunde" mit Gary Oldman als Winston Churchill. Allerdings muss betont werden, dass das Biopic "Churchill" von Jonathan Teplitzky, das ab Mai 2017 im Kino lief und von Brian Cox dargestellt wurde, seinen Schwerpunkt auf einen mit sich selbst und seinen politischen Entscheidungen noch stärker hadernden Winston Churchill legte, und uns vielleicht dadurch insgesamt besser gefiel. Ein direkter Vergleich zwischen den Filmen lohnt sich.

PS: Post Scriptum

Das oben stehende Logo "Komm wir geh´n ins Kino" im Retrolook der 80er Jahre ist sowohl am Hinterausgang des Kölner Rex-Kinos auf dem Friesenwall, als auch am Kino Windlicht auf der Nordsee-Insel-Langeoog immer noch in Originalgröße zu sehen. Für den Trailer von "Die Nacht der Nächte", dessen Doku gestern einen Bayerischen Filmpreis bekam, hat der Filmverleih Concorde Klassik das Schild zum Kinostart am 5. April 2018 noch einmal verwendet. Eine Original-Abbildung der Leuchtreklame kann auf der Webseite Digitale Leinwand unseres BAF-Vorstandskollegen Gerold Marks bewundert werden.

"WONDER WHEEL" Drama von Woody Allan (USA). Mit Kate Winslet, James Belushi, Justin Timberlake u.a. seit 11. Januar 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Auch ein mittlerweile 83-jähriger Woody Allan ist langsam altersmilde geworden. Die kritisch-amüsanten – oftmals auch bösartigen Dialoge, sowie in seinen frühen Filmen gibt es nicht mehr. Dafür macht er die Leinwand frei für die „Créme“ der weiblichen Größen im Filmgeschäft. In „Blue Jasmin“ war es Cate Blanchett, in „Scoop“ Scarlett Johansson und in „Café Society“ Christen Steward. In seinem neuen Werk „Wonder Wheel“ ist es Kate Winslet.

Spielte „Café Society“ noch im Hollywood der 40-Jahre, bewegen sich seine Protagonisten in „Wonder Wheel“ im Vergnügungspark von Coney Island, in Brooklyn/ New York, eingetaucht in einen bezaubernden Fünfzigerjahre-Look, ein Augenschmaus für Freunde der Nostalgie.

Hauptattraktion im Vergnügungspark ist das imposante Riesenrad „Wonder Wheel“.

Hier lebt die verbitterte Kellnerin Ginny (Kate Winslet), deren Traum es war, eine große Schauspielerin zu werden. Verheiratet ist sie mit dem cholerischen Ex-Alkoholiker Humpty (James Belushi), der ein Karussell betreibt. Nicht unbedingt ein Mann, den sie sich erträumt hat. In ihrer Freizeit macht sie lange Strandspaziergänge und hängt ihren Gedanken nach. Dabei beobachtet sie, wie der smarte Rettungsschwimmer Micky (Justin Timberlake) ihr schöne Augen macht. Timberlake fungiert auch als die Stimme aus dem Off. Sie verliebt sich in den jungen Mann auf eine fast naive Art. Lustig ist hier nichts. Besonders nicht, als Humptys erwachsene Tochter Carolina (Juno Temple) aus erster Ehe auftaucht. Er hat sie verstoßen, weil sie sich einem Mafioso an den Hals geschmissen und geheiratet hat. Nun ist sie auf der Flucht und bittet um Unterschlupf. Weder ihr Vater, noch Ginny sind begeistert. Die Wohnung ist viel zu klein für drei und der Gangstermob ist ihr auf den Fersen. Als dann auch noch Micky mit Carolina anbandelt ist das Maß voll. Die Ereignisse wandeln sich zu einem Eifersuchtsdrama.

Was den Film so sehenswert macht, sind die kunstvoll ausgeleuchteten Bilder des Kameramanns Vittorio Storaro, der die 50er Jahre mit großartig komponierten Bildern regelrecht zum Leben erweckt und das hinreißende Spiel, mit dem Kate Winslet die vom Leben enttäuschte Ginny darstellt. Auch freut man sich über die Wiederentdeckung von James Belushi, den man eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr auf der Leinwand sah. Am Ende zeigt Winslet eine hinterhältige Facette, die man so von ihr bisher noch nicht kannte.

Ulrike Schirm

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"THE COMMUTER" Action-Thriller von Jaume Collet-Serra (USA, Frankreich, Großbritannien). Mit Liam Neeson, Vera Farmiga, Patrick Wilson u.a. seit 11. Januar 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Eigentlich kann man es Glück im Unglück nennen. Der ehemalige Polizist Michael McCauley (Liam Neeson) hat gerade erfahren, dass er seinen Job als Versicherungsvertreter verloren hat. Kurz gesagt: Er wurde gefeuert. Jahrelang pendelt er von Zuhause zu seinem Arbeitsplatz und nun wohl zum letzten Mal. Einige seiner vertrauten „Pendlerkollegen“ wird er wahrscheinlich nie Wiederseh`n. Der amerikanische Vorortzug ist fast soetwas wie ein zweites Zuhause. Mittels Zeitraffer sieht man wie die Jahre in eintöniger Monotonie dahinrasen. Rein in den Zug, raus aus dem Zug. Sorgenvoll tritt er die Heimfahrt an.

Eine fremde, geheimnisvolle Frau (Vera Farmiga) setzt sich zu ihm. Ohne Umschweife bietet sie ihm einen Deal an. Die Frau, die sich Joanna nennt, verspricht ihm 100.000 Dollar, wenn er in dem Zug einen Mordzeugen ausfindigmacht, mit dem Ziel, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Da er ja die meisten Leute im Laufe der Jahre kennt, ist es wohl ein Leichtes, Fremde in kürzester Zeit zu erkennen und der Person einen Peilsender in die Tasche zu schmuggeln. Für ihn, als ehemaligen Polizisten, dürfte es keine schwere Aufgabe sein. In seiner Verzweiflung lässt sich Michael auf das Angebot ein, nicht ahnend, welch perfide ausgeklügelter Plan dahintersteckt. Die Gier nach dem Geld ist zu verlockend. Es dauert nicht lange, bis er begreift, dass er aus der Sache nicht so glimpflich herauskommt, wie es anfänglich schien. Auch die Drohung, wenn er nicht spurt, würde man seiner Familie ziemlich weh tun, öffnet ihm die Augen. Nun setzt er alles daran, das bevorstehende Verbrechen zu verhindern. Damit tut er sich keinen Gefallen. Die Situation spitzt sich immer mehr zu. Die Zeit wird immer knapper. Jeden Moment kann der Zug in die Luft fliegen.

Es ist bereits das vierte Actiondrama, welches Neeson mit dem spanischen Regisseur Jaume Collet-Serra, der ein Bewunderer Alfred Hitchcocks ist, dreht. Der besondere Reiz wieder mit ihm zu drehen, besteht für Neeson, dass in „The Commuter“, zu deutsch „Der Pendler“ die Geschichte nahezu in Echtzeit gedreht wurde, so dass der Zuschauer nah an dem Geschehen dran ist.

Ähnlich wie in Collet-Serras vorangegangenem Thriller „Non Stop", der in einem Flugzeug spielt, steht Neeson in seiner Rolle wieder im Zentrum einer geheimnisvollen Verschwörung, allein auf sich gestellt und muss entscheiden, was zu tun ist und das auf engstem Raum.

Auch wenn der Plot anfangs raffinierter erscheint, als er dann wirklich ist, erlebt der Zuschauer ein temporeiches, spannungsgeladenes Gaunerstück.

Abwechslungsreich wäre es, wenn man den inzwischen etwa 65jährigen Liam Neeson mal wieder in einer ganz anderen Rolle sehen würde.

Ulrike Schirm

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"GARTEN DER STERNE" Dokumentarfilm von Pasquale Plastino & Stéphane Riethauser (Deutschland, Schweiz). Mit Udo Kier, Rosa von Praunheim, Ichgola Androgyn u.a. seit 18. Januar 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

„Once upon a time, there was an enchanted cemetry in Berlin, where the Grimm Brothers, stillborn babies and gay people are resting in peace.“

Vogelgezwitscher, sich im Wind wiegende Baumkronen und eine Stimme, die das Märchen der Gebrüder Grimm „Der Gevatter Tod“ erzählt. Wir befinden uns auf dem Alten Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg, im sogenannten „Bermuda-Dreieck“. Eingeweihte werden sofort wissen, was damit gemeint ist.

Pasquale Plastino und Stéphane Riethauser haben einen beeindruckenden Dokumentarfilm über diesen ehrwürdigen Friedhof gedreht, der Titel "GARTEN DER STERNE".

Der „Garten der Sterne“ ist der Teil, in dem die liebevoll angelegten Gräber der totgeborenen Babies zu finden ist. Bernd Bossmann alias Ichgola Androgyn, dessen zweites Zuhause dieser Friedhof inzwischen ist, erzählt mit ganz viel Empathie über sein Café Finovo, welches er mit eisernem Willen gegen so manche Widerstände eröffnet hat. Das kleine Gebäude, ehemals das Latrinenhaus, ein gemütlicher Treffpunkt für Gross und Klein, ist das erste Café auf einem deutschen Friedhof überhaupt. Im Sommer kann man draußen sitzen, dem Vogelgezwitscher lauschen und schmackhaften selbst gebackenen Kuchen essen.

Angefangen hat alles 1984, als Bossdorf nach Berlin kam, sich einer bunten Tuntengruppe anschloss und sich als vielseitiger Künstler unter dem Namen Ichgola Androgyn eine riesen Fangemeinde aufbaute. Und nicht nur das, mit großem Herzblut widmete er sich sozialen Projekten, die er mit Hilfe von Gleichgesinnten betreute. Nun ist sein Engagement auf dem Friedhof bewundernswert. Die Grabstelle für sich und seine Freunde hat er schon ausgesucht. Er spricht viel über den Tod. Wie er ihn sich vorstellt und wie unbefangen Kinder mit dem Begriff umgehen. Er organisiert Umzüge, auf denen die Kinder mit selbstgebastelten Laternen zu den Gräbern ihrer verstorbenen Geschwisterkinder ziehen, hüpfend, springen und lachen, wenn ihnen danach zu Mute ist. Er hasst es, wenn auf dem Friedhof nur geflüstert wird. Während die Kamera die schönsten Bilder einfängt, hört man immer wieder die Stimme von Zazie de Paris, wie sie das Märchen vom Gevatter Tod intoniert. Mein Lieblingssatz von Ichgola lautet: „Der Tod ist das Silvester unseres Lebens“. Niemals hätte ich gedacht, dass ich nach einem Film über einen Friedhof und den Gesprächen über den Tod mit einem beschwingten Glücksgefühl nach Hause gehen würde. Es war aber so.

Geschickt montiert sind Filmausschnitte von Szenen, in denen Ichgola samt Künstlerfreunden wie Thema die Göttliche, Ovo Maltine, Bev Stroganoff und einige mehr aufgetreten sind.

Ulrike Schirm

Der Film, zu dem wir nachfolgend eine weitere Rezension zugesandt bekommen haben, ist übrigens auch im alten Berliner Klick-Kino in der Charlottenburger Windscheidstraße zu sehen. Das Kino hat erst im April letzten Jahres nach mehrjähriger Schließung unter neuer Leitung u.a. von rische & co pr seine Wiedereröffnung gefeiert. Schwerpunkt sind neben Wiederholungen auch Lesungen sowie besondere Filme des Verleihs missingFILMS zu dem dieses besprochene Werk ebenfalls gehört. Karten können sowohl direkt bei der Kulturspedition wie auch online beim Kinotixx-System bestellt werden.

Elisabeths Filmkritik zu "Garten der Sterne" :

Die Brüder Grimm haben auf dem Alten St. Matthäus-Friedhof in Berlin Schöneberg ein eher unscheinbares Grab. Vier Stelen stehen dort Spalier, wo es drum herum so viel Buntes zu sehen gibt. Früher liefen die Besucher schweren Schrittes und mit gesenktem Kopf durch die Mittelallee, heute ist der Kirchhof, überschaubar in seiner Größe, mitten in der Großstadt, mitten im Leben, selbst die S-Bahn sieht man fahren und halten und fahren, ein Ort der Begegnung. Pasquale Plastino und Stéphane Reithauser fangen die Atmosphäre dieses Friedhofs ein, auch indem sie die Seele des Cafés Finovo als unseren Begleiter wählen.

Ichgola Androgyns Geschichte möchte ich nicht vorwegnehmen. Nur so viel, er kam vor vielen Jahren auf die Idee, er und seine Freunde könnten doch auch eine gemeinsame Grabstätte teilen. Vielleicht kommt die Idee der Patenschaften für alte Gräber etwas kurz, doch tut es gar nicht viel zur Sache. Eben dieser Friedhof, auf dem also die Grimms mit ihrem von Zazie de Paris dargebotenen “Der Gevatter Tod” aus dem Off sich in Erinnerung rufen, wo der olle Bolle sein Familiengrab hat. Hier liegt der Diesterweg, dessen Schulbücher ältere Generationen mit sich herumschleppten, und der Virchow, Arzt und Archäologe. All die Herrschaften teilen sich ihren Fleck in der Ewigkeit mit so vielen schwulen Aktivisten und Künstlern und Sängern, dass Ichgola Androgyn früher einmal gefragt worden ist, ob dieser Friedhof denn als schwuler Friedhof gelte. Welch Unsinn, denn ein Friedhof hat keine sexuelle Orientierung. Warum auch. Eher mag er die Frage beantworten, warum diese Gräber so viel schöner sind. Das habe jeder selbst in der Hand.

Ichgola Androgyn hat bereits eine Patenschaft und sein Plätzchen, und obendrein das Café. Das war einst das Latrinenhaus und irgendwie schien es ihm zuzurufen, dass er sich seiner annehme. Das Café Finovo wird wohl das erste Friedhofscafé weit und breit gewesen sein. Wer schon einmal da war, es ist klein, und voller liebevoller Sammelsurien, mit Spielzeug und Büchern, Keramik und Andenken ausgestattet. Man fühlt keine Barriere, es vermittelt zum Zusammensein und nicht von ungefähr, hilft es, auch in Trauer in Kontakt zu treten. Doch noch etwas macht diesen Friedhof zu etwas besonderem, zu einem Garten. Sogenannte Sternenkinder finden hier eine familiäre Ruhestätte, die den Eltern und Geschwisterkindern einen Bezugspunkt gibt.

Dieser Friedhof lädt ein, den Neugierigen wie den Wissbegierigen, die historisch Interessierten, wie den Flaneur. Dem Regieduo gelingt in der mittellangen Arbeit dreierlei. Sie zeichnen knapp die Geschichte der Berliner Schwulenszene auf, aus der Ichgola stammt, dazu gibt es Filmausschnitte aus Filmen von Michael Brynntrup und Rosa von Praunheim. Die Entwicklung des Friedhofes, dass heute auch dafür bekannt ist, dass hier Rio Reiser (nach einer Überführung) begraben ist und auch der einstige Berlinale-Chef Manfred Salzgeber, hier wird Leben und Tod als etwas Organisches zusammengeführt, hier gehört der Tod zum Leben und das Leben zu den Toten. Der Umgang mit den Verstorben wandelte sich und auch das vermittelt die Dokumentation und vermittelt, was einem der Friedhofsbesuch bringen kann. Indem die kleinsten Wesen unseres Daseins nun auch einen Platz unter uns gefunden haben, wirft der Film aber auch eine Frage auf, wie jeder einzelne von uns mit seinem eigenen Tod umgehen möchte.

Elisabeth Nagy

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"HANNAH - Ein buddhistischer Weg zur Freiheit" Dokumentation von Adam Penny & Marta György Kessler (Großbritannien).

Seit 18. Januar 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Auf vielen Festivals wurde diese Dokumentation über Hannah Nydahl, die dänische Hippie-Ikone der 60er Jahre, gefeiert.

Elisabeths Kurzkritik:

"Hannah - Ein buddhistischer Weg zur Freiheit" zeigt das Wesen der buddhistischen Lehre durch den Fokus auf die Figur Hannah Nydal. Sie und ihr Mann Ole waren in den 60ern die ersten westlichen Schüler des 16. Karmapa, dem Oberhaupt des tibetischen Buddhismus.

In ihren frühen 20ern war sie, wie viele andere ihrer Generation, in den Osten aufgebrochen, um sich selbst zu finden. Doch sie fand weit mehr. Sie folgte dem spirituellen Führer und ließ sich in Meditation und Lehre ausbilden. Bald schon gründete das Ehepaar selbst zahlreiche Begegnungsstätten und trugen die Lehre des Buddhismus somit hinaus in die Welt. Marta György-Kessler hatte Hannah über einen längeren Zeitraum, auch als ihre Schülerin begleitet und zeichnet nun recht faktenreich, dabei aber nüchtern ihren Weg nach. Dabei bedient sich der Filmstab nicht nur dem Material mit Hannah Nydal, sondern auch der Erzählungen ihrer Lehrer und Lehrenden, ihrer Familie und Freunden. "Hannah", der Film, zeigt sowohl eine individuelle Biographie von einer inspirierenden Persönlichkeit, als auch recht informativ eine komplizierte Facette der Politik und Zeitgeschichte der Region, um die sich verschiedene Regierungen und Glaubensströme stritten. Für Zuschauer, die mit der Materie noch nicht groß in Berührung gekommen sind, ist die Dichte der Statements und Ausführungen vielleicht verwirrend, doch kann auch dieser Dokumentarfilm nur den Anstoß geben, sich später darin zu vertiefen.

Elisabeth Nagy

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"DIE DUNKELSTE STUNDE" Historiendrama von Joe Wright (Großbritannien). Mit Gary Oldman, Kristin Scott Thomas, Ben Mendelsohn u.a. seit 18. Januar 2018 im Kino. Hier der Trailer:

Ulrikes Filmkritik:

Er poltert, er pafft, er trinkt, ein Charakter von von Zerissenheit, Verzeiflung, Wut und Selbszweifeln. Es gab für ihn keine wirkliche Alternative als Stärke zu zeigen.

Am 10. Mai 1940 wurde Winston Churchill mit 65 Jahren zum Premierminister des Vereinigten Königreichs ernannt. Das Vertrauen in Chamberlain ist verloren gegangen. Er soll den Platz frei machen für einen neuen Anführer. Die Engländer suchen einen Nachfolger. Sie finden ihn in der Person Winston Churchill. Vom König bekommt er den Auftrag eine neue Regierung zu bilden. Sein Auftrag: Krieg gegen eine widerwärtige Macht zu führen. Die Nazis haben grosse Teile Westeuropas eingenommen. Tausende von Soldaten sind in Dünkirchen eingekesselt.

Am 13. Mai hält er seine berühmte Blut-Schweiß-Tränenrede vor dem britischen Unterhaus.

„Siegreich müssen wir sein und siegreich werden wir sein“. Einigen in seiner Partei gefällt das gar nicht. Lord Hallifax und Chamberlain wollen unbedingt mit Hilfe Mussolinis Hitler zu Friedensverhandlungen bewegen. Noch ist der König auch dafür. Churchill ist dagegen. Er befürchtet, dass Hitler damit seinem Größenwahn einer Weltherrschaft ein Stück näher rückt.

Ein Telefonat mit dem amerikanischen Präsidenten Franklin, den Churchill um Hilfe bittet , bleibt erfolglos. Er verweigert seine Hilfe. Auch die Franzosen halten ihn für wahnsinnig.

Man nimmt ihm übel, dass er der Bevölkerung nicht endlich reinen Wein einschenkt. Es dauert, bis er endlich wenigstens seine Sekretärin über die missliche Lage der britischen Soldaten in Dünkirchen aufklärt. Langsam begreift auch der König, dass er mit dem starrsinnigen Churchill nicht weiter kommt, stellt sich auf seine Seite und rät ihm, sich unters Volk zu mischen und Volkes Stimme einzufangen.

Es ist eine der unterhaltsamsten Szenen, die Regisseur Joe Wright ("Abbitte") sich da ausgedacht hat. Churchill in der U-Bahn. Köstlich die erstaunten Gesichtszüge der Fahrgäste , als sie realisieren, wer da zwischen ihnen weilt. In genüsslichem Plauderton befragt er einige von ihnen, was sie davon halten, einem Friedensabkommen mit Hitler zuzustimmen. Alle: „Niemals“. Von einigen hat er sich die Namen gewissenhaft notiert. Westminster Station steigt er aus. Nach der U-Bahnfahrt ist ihm klar, es wird in „Dieser dunklen Stunde“ keine Verhandlungen geben. In seiner letzten Rede vor dem Parlament betont er lauthals, die Insel bis zum letzten zu verteidigen, komme was wolle. Was zählt ist die Courage.

Am Ende jubelten ihm, bis auf wenige, begeistert zu. Es gab es keine wirkliche Alternative, als Stärke zu zeigen. Oder hatte er mit seiner „Operation Dynamo“ mehr Glück als Verstand? „Nichts ist stärker als die Kraft einer Idee“ lautete sein Slogan. Aus heutiger Sicht, hatte Hitler damals gar keine Chance. Churchill wurde damals bewusst als Kriegsminister eingesetzt. Als endlich wieder Frieden herrschte, war es mit seiner politischen Aufgabe vorbei. Gary Oldman ist in der Maske des kahlen, dicken grummeligen Churchill kaum zu erkennen. Die Maskenbildner haben großartige Arbeit geleistet. Das Victory-Zeichen bei den Oscars ist ihm so gut wie sicher. Hoffentlich hält er seine Finger dann richtig und nicht so wie im Film verkehrt, denn das hieße: Leckt mich am Arsch. Oldman liefert großartiges Schauspielerkino.

Ulrike Schirm

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