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Als in Berlin-Pankow die Bilder laufen lernten

Dieses Jahr sollte der 70. Todestag von Max Skladanowsky gebührend gewürdigt werden.


Der Pioneer der deutschen Kinematographie liegt seit 1939 auf dem Pankower Friedhof in der Buchholzer Straße begraben. Zwar nähert sich sein Todestag erst im November, doch dieser Tage fiel uns zufälligerweise ein älterer, vergilbter Zeitungsartikel in die Hände, der für das Landesmuseum Berlin zurzeit digital erfasst wird. Am 26.3.1981 hatte die BZ den Ortschronisten Rudolf Dörrier interviewt. Dörrier hatte viele Jahre das Pankower Stadteilarchiv mit aufgebaut. Sogar im Rentenalter ließ er nicht locker und widmete sich vor allem einer umfassenden Ausstellung der Pankower Gebrüder Skladanowsky, einer Schaustellerfamilie, die in Varietés "Nebelbilder" vorführten. Nebelbilder, das waren Projektionen in mehreren Schichten, die bei den Zuschauern die Illusion erzeugen sollten, sensationelle Ereignisse, wie Stürme auf hoher See, Erdbeben, Gewitter, Brände und andere Katastrophen selbst, aktuell mitzuerleben. Somit waren die Skladanowskys für damalige Verhältnisse bereits Illusions- und Multimediakünstler.

Am 1. November 1895 zeigte Max Skladanowsky im damaligen Varieté Wintergarten am Bahnhof Friedrichstraße das von ihm erfundene Bioscop, einem unhandlichen Kasten zum Vorführen von 'Lebenden Photographien'. Das Zeigen dieser ersten kurzen Filmstückchen vor zahlendem Publikum ging als Beginn der Kinogeschichte in die Analen ein. Doch schon acht Wochen nach Skladanowskys Welturaufführung, präsentierten in Paris die Brüder Louis und Auguste Lumière ihren eleganteren, technisch besseren Cinématographe. Den Namen des Gerätes wählten sie in Anlehnung an Thomas Alva Edisons Kinematographen. Diesem gelang später die Einführung des perforierten Kleinbildfilmes, womit er weltweit das erste Filmstudio gründen konnte und dadurch Mitbegründer der Filmindustrie und der Filmkunst wurde. Hinter den Lumières stand die phototechnische Fabrik ihres Vaters Antoine Lumière in Lyon und dessen Ingenieur Jules Carpentier, die sich mit der Erfindung neue Abnehmer für ihre Kameras und Projektoren erhofften. Ihre Filme zeigten deshalb Alltagsszenen wie 'Die Ankunft des Zuges in La Ciotat' 1895 an der Mittelmeerküste Südfrankreichs. Damit wollten die Lumières die Leistungsfähigkeit ihrer Geräte demonstrieren und für ihre Fabrik werben. Doch für die damaligen Zuschauer war die noch ungewohnte Filmbetrachtung eher Angst einflößend, sodass einige schreiend aus dem Kino rannten, da sie glaubten, vom Zug überrollt zu werden.



Link zum hier im Blog eingefügten YouTube Film "L'arrivée d'un train en gare de La Ciotat" der Brüder Lumière.

Bei den zufällig in Frankreich anwesenden Skladanowskys hinterließen die Filme allerdings einen so bleibenden Eindruck, dass sie ihren Bioskop überarbeiteten und von dem Lumière Film 'Die Ankunft des Zuges im Pariser Bahnhof Charenton' 1896 ein Remake bei Sonnenlicht drehten und zwar mit der Heidekrautbahn auf dem nicht überdachten Berliner S-Bahnhof Schönholz.

Dennoch setzte ihr Patent sich nicht durch. Warum das so war, beschrieb 1995 der deutsche Regisseur Wim Wenders in einer Hommage an „Die Gebrüder Skladanowsky“ (Filmtitel). Gemeinsam mit Studenten der Hochschule für Film und Fernsehen in München (HFFM) erklärte er in dem Film, warum die Erfindung des deutschen Kinos den Ideen der französischen Gebrüder Lumière technisch unterlegen war.

Für Rudolf Dörrier war dies jedoch kein Hinderungsgrund die Ausstellung über die Skladanowsky zu zeigen. Ganz im Gegenteil; 1999 erhielt er die Ehrenmedaille “Für Verdienste um den Bezirk Pankow”, im Jahre 2000 das Bundesverdienstkreuz. Am 7. Dezember 2002 starb Rudolf Dörrier im Alter von 103 Jahren. Ihm zu Ehre wurde vor fünf Jahren, am 16. September 2004, aus der 13. Grundschule in Pankow die “Rudolf Dörrier Grundschule”.

In der Pankower Berliner Straße 27 erinnert ein Mosaik im Gehweg vor dem ehemaligen Kino Tivoli an 100 Jahre Lichtspielgeschichte, die an dieser Stelle in der damaligen Gaststätte "Feldschlößchen" ihren Anfang nahmen. Das Tivoli galt als erstes Kino in Deutschland. Das Haus, an dessen Stelle sich inzwischen ein Supermarkt befindet, wurde 1994 abgerissen, nachdem sich Projekte für ein neues größeres Kino Tivoli mit mehreren Sälen zerschlagen haben. Der Ortsteil Pankow bildet heute mit Prenzlauer Berg und Weißensee einen der 12 Berliner Stadtbezirke. An dem Punkt, wo die drei Ortsteile zusammenstoßen, befindet sich das Kunst- und Kulturzentrum Brotfabrik. Der Platz vor der Einrichtung Brotfabrik mit Kino, Bühne und Galerie erhielt 2002 den Namen Caligariplatz. Damit soll an die Filmstadt Weißensee erinnert werden.

Links: Film in Pankow und
Streifzüge durch die Berliner Film- und Kinogeschichte


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Honney am :

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