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Neuer Ang Lee 3D Film wird nur zweidimensional gezeigt

Eine neue 3D-Technik kann hierzulande gar nicht in dritten Dimension laufen.



Trotz des Hypes um die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin, läuft der Sci-Fi-Blockbuster "Rogue One: A Star Wars Story" schon seit 15. Dezember 2016 weiterhin erfolgreich in den deutschen Kinos. Nicht zuletzt wegen der 3D-Fassung, die vor allem jüngere Zuschauer immer noch in die Kinos lockt. Auch die Berlinale widmet sich in ihrer Retrospektive dem Science-Fiction-Film, wie wir in einem Artikel vom 12.02.2017 bereits ausführlich schrieben, denn für Zuschauer bleiben Weltraumabenteuer eines der beliebtesten Genre des Films.

Ang Lee, der zweifache Oscar-Gewinner aus Taiwan, der schon 2012 in "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger" ebenfalls fantastische Bildwelten schuf, wollte mit seinem neuesten Werk "DIE IRRE HELDENTOUR DES BILLY" alle Welt zeigen, was das 3D-Kino außerdem noch zu leisten vermag und scheiterte. Er wollte den Stoff des 19-jährigen Soldaten Billy Lynn, der im Irak-Krieg als Held gefeiert worden war, als landesweite Siegestour durch die USA inszenieren. Dafür war ihm die beste 3D-Technik noch nicht gut genug. Während ein normaler Film aus etwa 24 Bildern pro Sekunde besteht, hatte "Der Hobbit" 48 Bilder. Für "Billy Lynn" nutzte Lee 120 Einzelbilder pro Sekunde, was noch mehr Details wiedergeben sollte. Doch leider sind bisher nur wenige Kinos so ausgestattet, dass sie den Film in seiner vollen 4K-Pracht zeigen könnten. Der Verleih beschloss deshalb den Film hierzulande nur zweidimensional in die Kinos zu bringen, obwohl eine Portierung auf herkömmliches 3D-Material durchaus möglich wäre.

Das Alleinstellungsmerkmal des Films, das Revolutionäre und Ungewöhnliche können deshalb nur Zuschauer in New York und Los Angeles erleben (weltweit gibt es aktuell sechs Säle, in denen die technischen Voraussetzungen gegeben sind, um "Billy Lynn" korrekt zu zeigen). Dass die amerikanische Kritik sich zusätzlich nicht hinter den Film stellte, sondern ihn als "flache Erfahrung" geißelte, hat dazu beigetragen, dass sein einzigartiger Film vielleicht als einer der größten Flops des Jahres in die Annalen eingehen wird. Allerdings sind die Amerikaner meist auch weniger sozialkritisch als die Europäer; mögen mehr effekthascherische Mainstream-Ware, als das sinnliche Arthouse Kino, was schade ist. Denn Ang Lee hinterfragte die Ehrung des unfreiwilligen Kriegshelden in seinem Film durchaus kritisch. Höhepunkt der Tour mit seiner Bataillon "Bravo Squad" soll der Auftritt während der Halbzeitpause eines Football-Spiels werden. Der Film erzählt die Geschichte dieses Tages, immer wieder versetzt mit Rückblenden in den Krieg, um den Albtraum, den der Protagonist dabei empfindet, deutlich zu machen.

"DIE IRRE HELDENTOUR DES BILLY" von Ang Lee: seit 02.02.2017 im Kino.

Hier der Trailer und dann eine Kritik von Ulrike Schirm.



Basierend auf dem gleichnamigen Roman des US-Autors Ben Fountain übt „Brokeback Mountain“ -Regisseur Ang Lee massive Kritik an dem kaltblütigen Heldenpathos, der in den USA Gang und Gebe ist. Der 19-jährige Texaner Billy Lynn, gespielt von dem englischen New-Comer Joe Alwyn. Einen besseren Darsteller hätte er nicht finden können. Billy, fast noch ein Kind, gerät  in eine Vermarktungsmaschinerie, aus der er es kein Entrinnen zu geben scheint. Lynn dient als Soldat im Irak. Während eines Feuergefechts riskiert er sein eigenes Leben, um das seines Vorgesetzten Sergeant Shroom (Vin Diesel) zu retten. Vorher sieht man wie Shroom jedem seiner Soldaten tief in die Augen blickt und ihnen ein stärkendes „I love you“ mit auf den Weg ins Gefecht gibt.

Lynns Mut und selbstloser Einsatz führt zu einem Fronturlaub, in dem er und seine Kameraden sich plötzlich in einer gigantischen Heldeninszenierung wiederfinden. Es ist Thanksgiving. In Billy Lynns Heimatstadt ist alles vorbereitet. Die Truppe soll im Fußballstadion der Dallas Cowboys auftreten. Bei dem Riesenevent werden ihre Gesichter in Großaufnahme auf eine Leinwand projiziert. Die Menschen jubeln Billy zu. Der Junge schwankt zwischen Stolz und Ablehnung. “Es ist irgendwie seltsam, für den schlimmsten Tag seines Lebens geehrt zu werden“.

Lynns Schwester (Kristen Stewart) eine passionierte Kriegsgegnerin hat alles genauestens vorbereitet. Sie will verhindern, dass ihr Bruder zurück in den Irak geht. Im Stadion wimmelt es von Geschäftemachern, die unter der Fahne des glorreichen Patriotismus das große Geld wittern. Allen voran der Besitzer des Fußballvereins Norm Oglesby (Steve Martin), der sich die Filmrechte sichern will. Er macht Billy knallhart klar, dass er nicht die geringsten Rechte an seiner eigenen Geschichte hat. Der selbstlose und bescheidene Junge wirkt völlig überfordert. Der Höhepunkt des Events ist der gemeinsame Auftritt Lynns und seinen sieben Kameraden mit der Gruppe Destiny`s Child und einem knallig bunten Feuerwerk.

Die Kameraden zucken zusammen, laufen orientierungslos auf der Bühne umher, das grelle Licht und die Knallerei lassen Momente des Kriegsbombardements aufleben. Sie blockieren den reibungslosen Ablauf der Show. Sie werden von einer Horde Bühnenarbeitern verprügelt und von der Bühne gejagt. Schonungslos rechnet Ang Lee mit der amerikanischen Gesellschaft ab. Erst werden die Männer in den Krieg geschickt, zurück aus dem Irak, in eine gnadenlose Unterhaltungsindustrie „geschubst“, in der Heimat, in der alles seinen angeblich gewohnten Gang nimmt. Wer Clint Eastwoods „FLAGS OF OUR FATHERS“ mag, wird auch dieses Drama mögen.

Ulrike Schirm


"HIDDEN FIGURES - UNERKANNTE HELDINNEN" von Ted Melfi: seit 02.02.2017 im Kino.

Auch der zweite Film der ebenfalls Anfang Februar gestartet war, ist durchaus sehenswert. Leider rotiert das Kinokarussell immer schneller, sodass insbesondere wegen der Berlinale manche Filme viel zu früh wieder aus den Kinos verschwinden. Dabei könnte er beinahe in die oben benannte Retrospektive der internationalen Filmfestspiele passen, jedenfalls vom Thema her. Es geht um den ersten Flug eines Amerikaners ins Weltall.

Noch bedeutender aber ist Tatsache, dass drei schwarze Wissenschaftlerinnen die Hauptrolle spielen. Drei Frauen, die in den 60er Jahren von den dominanten weißen NASA-Mitarbeitern nicht für ernst genommen wurden. Ein Thema, nämlich das der schwarzen Minderheit, die weniger Rechte als die weiße Oberherrschaft haben, nicht nur auf der diesjährigen Berlinale, sondern auch bei der Oscar-Verleihung in wenigen Tagen, in diversen Filmen immer wieder zu Sprache kommt.

Hier zunächst der Trailer und dann noch eine Kritik von Ulrike Schirm.



1962: Die Sowjets erobern das All. Fieberhaft treten die Amerikaner in einen Wettstreit. Mit aller Macht arbeiten sie daran, den ersten Menschen die Erde umkreisen zu lassen. Ihre Computer waren damals riesig und es gab kaum jemand, der sie bedienen konnte. Im NASA-Forschungszentrum arbeiteten zwar schwarze Frauen, aber das Leben in den USA war immer noch in Schwarz und Weiß geteilt. Die Frauen wurden behandelt wie Menschen zweiter Klasse.

Drei von ihnen glänzten durch besondere Qualitäten. Sie verdienten ihr Geld als Ingenieurinnen und Mathematikerinnen. Katherine Johnson kalkulierte die Flugbahn, die Geschwindigkeit und die Rückkehr. Dorothy Vaughn schrieb das erste Betriebssystem für den IBM-Computer. Mary Jackson leitete später die Experimente im Windkanal. Drei Frauen, die zu Heldinnen wurden und die weißen Männer blass aussehen ließen. Dargestellt von Taraji P. Henson, Octavia Spencer und der Soulsängerin Janelle Monàe. Trotz ihrer Genialität wurden sie von ihren männlichen Kollegen gedeckelt und gedemütigt. Schon der Begriff „Colored Computers“, der Name ihrer Abteilung, in der 30 afroamerikanische Frauen arbeiteten, war einer Demütigung gleich zu setzen. Es schien schier unmöglich aus ihrem Großraumbüro im Keller herauszukommen und einige Etagen höher zu steigen. Die hochbegabte Katherine Johnson (Taraji P. Henson) schafft es, dank ihrer genialen Rechenkünste, als erste schwarze Frau in die Space Task Group versetzt zu werden.

Als sie pünktlich auf der Bildfläche erscheint, drückt ihr ein weißer Mitarbeiter einen Mülleimer in die Hand. Er hält sie für eine Putzkraft. Eine weitere bemerkenswerte Szene zeigt den endlos langen Weg von ca. 45 Minuten, um die Toilette, speziell für Schwarze, zu erreichen. Katherine ist gezwungen mit ihren Unterlagen in der Hand, um keine Minute Arbeitszeit zu versäumen, in ein Nebengebäude der NASA zu hetzen, um dort ihre Notdurft verrichten zu können. Das klack, klack, klack ihrer hohen Schuhe auf dem Betonboden, wurde der Rhythmus zum Titelsong „Runnin“ dieses Films.

Ihr Chef Al Harrison (Kevin Kostner) entwickelt allerdings langsam eine klamme Bewunderung für die Schnelligkeit und Präzision, mit der Katherine ihre Berechnungen auf eine grüne Tafel mit weißer Kreide schreibt. Sie muss dafür auf eine Leiter steigen. Er ist es schließlich, der das Toilettenschild „Only for White Women“ kaputt schlägt und dafür sorgt, dass die Diskriminierung in dem Gebäude ein Ende nimmt. Seine Worte: „Hier bei der NASA pinkeln wir alle in derselben Farbe“.

Es ist Katherine, die das Vertrauen des Astronauten gewonnen hat. John Glenn, der bereits in seiner Mercury-Kapsel auf den Start wartet und dessen Abflug durch auftretende Unstimmigkeiten verzögert wird, besteht da drauf, dass sie, die alles minutiös ausgerechnet hat, die Daten noch mal nachrechnet und bestätigt. Erst dann startet er beruhigt. Die etwas dümmlich dreinschauende Männerriege steht peinlich berührt daneben, als ihr klares JA ertönt. Auch Katherine`s zwei Freundinnen schaffen es mit eiserner Willenskraft in der Männerdomäne einen leitenden Posten zu erkämpfen. Theodore Melfi ist es zu verdanken, dass dieser Film, der auf einer wahren Begebenheit beruht, der breiten Öffentlichkeit einen Blick in die Zeit der kaum überbrückbaren Rassendiskriminierung ermöglicht und sie teilhaben lässt an der Stärke und Unbeirrbarkeit dieser drei Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen. Pointierte Dialoge und die unglaubliche Spielfreude der drei Hauptdarstellerinnen machen regelrecht glücklich. Man kann durchaus von einer kulturellen Revolution sprechen.

Ulrike Schirm

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