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Aldi tilgt Schmargendorfer Kinogeschichte

Die letzten Überreste des DEDY wurden abgerissen.

Schmargendorfer Wappen

Seit bald 40 Jahren gibt es im gutbürgerlichen Berliner Bezirk Schmargendorf kein Kino mehr. Wir befragten ältere Anwohner und einige konnten sich noch an alte Zeiten erinnern. An den Namen des einstigen Kinos, jedoch die Wenigsten. Aber die Überreste einstiger Kinogeschichte in dem zu Charlottenburg-Wilmersdorf gehörenden Stadtteil Schmargendorf waren bis vor Kurzem immer noch präsent.

Am "Wilden Eber" grenzt Schmargendorf an Dahlem und am "Roseneck" an Grunewald, dem noblen, mit teuren Villen übersäten Stadtbezirk, der weit über Berlins Stadtgrenze hinaus im ganzen Bundesgebiet dem Namen nach her bekannt ist. Alljährlich laufen hier vor den Augen der Kameras des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) Tausende Marathonanhänger vorbei und werden von noch mehr Anwohnern unter lauter Begleitung einer Steelband angefeuert, die mit Kochlöffeln auf Töpfen trommelt. Grunewald, das heißt grüner Wald, durch den die Havel fließt, die Wildschweine frei herumlaufen und die Förster für das ehemalige Forsthaus in Schmargendorf frisch geschossene Keiler als leckeren Wildschweinbraten direkt abliefern konnten. Nach Speis und Trank ging man früher anschließend ins DEDY. Wofür die Abkürzung stand, wissen wir nicht. Einige sagten fälschlicherweise DELI und meinten damit vielleicht Delikatessen Kino, denn der Betreiber war Besitzer des Forsthauses. Jedenfalls befand sich das Kino in einem kleinen Anbau direkt am Forsthaus und war neben dem Kino MELODIE am Roseneck, eines von vier oder fünf Kinos in der Umgebung. Am Breitenbachplatz, unweit der Eierschale - einem ehemaligen Jazzclub - befand sich noch das DALI, das Dahlemer Lichtspielhaus.

Das Bundesplatzkino, das vorletztes Jahr bei der Berlinale, wegen zeitgeschichtlicher Dokumente und eines Films über deren Bewohner so bekannt wurde, gehört zwar auch zu Wilmersdorf, deren Kinogänger kommen aber eher aus dem Einzugsbereich von Schöneberg, wo auch das nahe gelegene RIAS Gebäude steht, der ehemalige Rundfunk im amerikanischen Sektor, jetzt Deutschlandradio Kultur. Berlin Ecke Bundesplatz hieß die Serie, die als Special auf den 59. Internationalen Filmfestspielen gezeigt wurde, wie wir am 4. Februar 2009 anlässlich des Kiez-Kino Berichtes zur Berlinale berichteten. Unweit vom Arthauskino am Bundesplatz gibt es noch das Cinema und das Cosima, die beide jedoch die meisten Besucher aus den angrenzenden Bezirken Steglitz und Friedenau generieren können.

Übrig geblieben ist auch das CAPITOL am Thielplatz in Dahlem neben der sogenannten "Rostlaube" der Freien Universität Berlin (FU), weil das Kino tagsüber gelegentlich für Vorlesungen den Studenten zur Verfügung steht und somit Nebeneinkünfte hat. Mittlerweile gehört es zur York Kinogruppe. Dann gibt es noch das EVA in Wilmersdorf, das letzte kleine Kino im Zentrum des Bezirks, das ein Hauptaugenmerk auf Kindervorstellungen gelegt hat und abends außerdem gern von Besuchern der umliegenden Altersheime aufgesucht wird. Heimkino mit Videofilmen zum Ausleihen, das ist nichts für die ältere Generation. Sie kämen mit der Technik nicht zurecht und Platz genug für einen großen Flachbildschirm ist zumeist auch nicht in den engen Einzimmer-Appartments der Seniorenwohnsitze vorhanden. So profitieren beide davon - das Kino und die ältere Generation, die sich scheuen noch nachts mit den öffentlichen Verkehrsmitteln aus der City wieder nach Hause zu fahren. Dennoch kann Besitzer Karlheinz Opitz sich eine Modernisierung und Digitalisierung des Kinos nicht leisten. Genauso wenig wie Helga Gammert von einem der kleinsten Berliner Kinos, dem Bali Kino in Zehlendorf, schreibt der Tagesspiegel in einem lesenswerten Bericht am 14. Juli 2010.

So geht das Kinosterben weiter. In Schmargendorf hat es schon vor etlichen Jahren begonnen, als Aldi aus dem ehemaligen Kino DEDY einen Supermarkt machte und das Kino MELODIE am Roseneck von einem Getränkemarkt belegt wurde. Aber die Gebäude waren immer noch in ihren Umrissen vorhanden. Und hinter den Aldi Regalen verbargen sich noch typisch klassische Stuck- und Ornamentsäulen, die noch in den ersten Jahrzehnten nach der Jahrhundertwende verbaut wurden und zum ehemaligen Kinosaal gehörten, wie man vielleicht unschwer auf einem unserer Bilder erraten kann. 1895 gilt als Geburtsstunde des Kinos, das Jahr in dem die Gebrüder Skladanowsky im Berliner Wintergarten ihre ersten Kurzfilme zeigten. Bald danach wurden überall Kinosäle gebaut, zu denen auch das Schmargendorfer DEDY gehörte. Nun kam der Abrissbagger und legte für einen Moment die Umrisse der ehemaligen Kinoleinwand wieder frei, bevor alles in sich zusammenstürzte und nur ein Schutthaufen übrig blieb.



An dieser Stelle, an der zuvor das alte Fachwerkhaus des Forsthauses stand, will der Aldi-Discounter expandieren und einen modernen Zweckbau mit Tiefgarage hinstellen. Sogar in New York weihte der Discounter vor wenigen Tagen seine erste Filiale in den USA ein. Weitere sollen folgen. Da hat die Kultur meist das Nachsehen. Vielleicht muss man sich ein wenig der Gegend anpassen, in der viele Villen stehen und den ursprünglich geplanten Industriebau mit einem Giebeldach versehen. Ähnlich verfährt der Discounter Lidl mit seinen Flachbauten auf der günen Wiese. Doch von dem ehemaligen Flair, den auch das einst naheliegende Restaurant Hundekehle mitprägte, ist nichts mehr geblieben. Hier verkehrten einst BAF Mitbegründer wie Peter und Ulrich Schamoni oder Regina Ziegler und auch Rainer Werner Fassbinder soll manchmal gesehen worden sein, bis dem Lokal wegen angeblicher Ruhestörung die Lizenz entzogen wurde. Der Bott - so hieß der Wirt - war zwar nicht der Übeltäter, aber die Filmcrews, die gerne nachts nach getaner Arbeit bei ihm vorbeikamen, waren manchmal leicht angetrunken und dann etwas lauter. Sie hatten auch allen Grund zu feiern. Alle die aus der DDR abgehauen waren, hatten als erste Anlaufstation für Kontakte die "Hundekehle". Kaum ein Abend, an dem nicht Manfred Krug oder Armin Mueller-Stahl beim Bott gesessen hätten. Aber irgendwann wurde auch Drogenkonsum angeprangert und das Lokal geschlossen. Wie man weiß, nahmen Fassbinder und andere Kollegen aus der Filmbranche gern mal eine Prise Koks zu sich.

Heute haben sich viele wohlhabende Russen in der Gegend niedergelassen, die gerne in ihren Nobelkarossen bei Aldi zum preiswerten Einkaufen vorfahren. Billig das will ick sagt der Berliner und schert sich leider nicht um die fast vergessene Vergangenheit. Auch uns war der Name des Kinos entfallen, nur die im Ortskern von Schmargendorf, neben dem Friedhof ansässige Beerdigungsfirma konnte sich noch ans DEDY erinnern, was beinahe etwas makaber klingt.

Ein paar Details lassen sich auch Wikipedia entlocken. So soll sich nur ca. 1 km entfernt von der Schmargendorfer Dorfkirche in der Cunostraße und zwar direkt im alten AEG Gebäude zwischen Hohenzollerndamm und dem sogenannten "Lochowdamm" - dem Trümmerberg und Sportgelände an der Forckenbeckstraße - noch ein weiteres Kino befunden haben, das bereits in den 60er Jahren abgerissen wurde, als die AEG noch existierte. Danach haben sich in dem AEG Gebäude etliche Filmfirmen niedergelassen, sind wie Elektrofilm pleite gegangen und unter neuem Namen und Besitz von Arri-Schwarzfilm wieder auferstanden. Dem Kino in Schmargendorf wird das wohl nicht mehr gelingen. Der Bott dagegen mit der Bottschaft hat wieder vor ein paar Jahren ein kleines neues Restaurant in Wilmersdorf aufgemacht. Die Filmcrews zog es aber seitdem eher ins Franz Diener in die Grolmanstraße oder in die Alte Paris Bar in der Kantstraße.

Links:
Wikipedia/Berlin-Schmargendorf
Berliner Kinokompendium/Geschlossene Kinos

Ergänzung: Für kleine Kinos mit ein bis zwei Sälen wird es in Zukunft schwieriger werden sich zu behaupten. Nach Aussage von Kulturstaatsminister Bernd Neumann trat am 11. Februar 2011 die notwendige Rechtsverordnung für eine flächendeckende Digitalisierungsförderung durch die FFA in Kraft und wurde im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Förderberechtigt sind demnach nur die Kriterienkinos: Filmtheater mit maximal sechs Leinwänden pro Betriebsstätte und einem durchschnittlichen maximalen Nettokartenumsatz von 260.000 Euro pro Leinwand und Jahr im Schnitt der letzten drei Jahre vor Antragstellung. Untergrenze sind ein durchschnittlicher Nettokartenumsatz von 40.000 Euro oder 8000 Besucher. Das dürfte für einige Kinos das Aus bedeuten, wenn die Verleiher demnächst immer weniger Filmkopien anfertigen lassen. In Orten mit weniger als 50.000 Einwohnern sind auch Filmtheater mit mehr als sechs Leinwänden förderfähig.

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Kommentare

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Christiane Lewitz am :

Ich danke Ihnen sehr für diese interessanten, wenn auch wehmütigen, Infos! Wenn ich gewußt hätte, wo ich manchmal zum Einkaufen hingegangen bin, dann hätte ich es mit mehr Ehrfurcht getan. Wie kann es sein, das solche Gebäude einfach abgerissen werden? Schon merkwürdig, was erhalten wird und was nicht.

Herzlichen Gruß

Ch. Lewitz

Knud Wolffram am :

Ich möchte noch ein paar Infos aus meiner Erinnerung als alter Schmargendorfer anfügen. Das Kino am Breitenbachplatz hieß richtig "Lida", was für "Lichtspielhaus Dahlem" stand. Der Kassenraum war genau dort, wo heute das Haushaltswarengeschäft Weger ist. Man kann in dem Laden noch eine typische 50er-Jahre Säule sehen, die ein bisschen an die alte Kinoherrlichkeit erinnert. Aus dem eigentlichen Kinosaal wurde wohl zuerst eine Bankfiliale, jetzt ist eine Arztpraxis (Orthopäde) in den Räumen untergebracht.

Dann zu dem Kino in der Cunostraße. Das war aber nicht in der Nähe der Dorfkirche, sondern direkt an der Ecke Hohenzollerndamm, in dem alten AEG-Verwaltungsgebäude. Dort gab es einen großen Saal, der zeitweise als Spielstätte des Kinos "Melodie" diente, bevor dieses dann in den Neubau in der Nähe des Roseneck einzog. Fortan hieß das Kino "Melodie am Roseneck". Nach der Schließung zog dann eine Filiale der Firma Meyer ("Keine Feier ohne Meyer") dort ein.

Schließlich gab es in Schmargendorf auch noch das "Deli", was wiederum die Abkürzung für "Deutsche Lichtspiele" war. Dieses Kino lag in der Breiten Straße, ziemlich direkt neben der Dorfkirche. Ursprünglich war es mal der Saal der dortigen Gaststätte "Deutsches Haus" gewesen, bevor man es irgendwann zum Kinosaal umbaute - übrigens ähnlich wie beim "Dedy", das ursprünglich ja ebenfalls der Saal der daneben liegenden Gaststätte "Forsthaus Schmargendorf" gewesen war. "Deutsches Haus" und Kino "Deli" wurden dann im Zuge der Verbreiterung der Breiten Straße Ende der 1950er Jahre abgerissen.

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